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Das Geistliche Wort | 13.06.2021 | 08:40 Uhr

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Bin im Garten

Dieser Beitrag enthält Musik, daher finden Sie hier aus rechtlichen Gründen kein Audio zum Nachhören.

  

Autorin: Graben, pflanzen, gießen, säen und jäten. Heute ist der „Tag des Gartens“. 
Seit 1984 wird er in Deutschland am zweiten Sonntag im Juni gefeiert. Ein Garten macht Arbeit. Mit durchschnittlich 5,5 Stunden Gartenarbeit pro Woche sind die Deutschen internationale Spitzenreiter.[1] Doch ein Garten macht auch Freude. Der Begriff „Gartenarbeit“ bringt nicht ansatzweise das Glücksgefühl zum Ausdruck, das viele Menschen dabei erfüllt.

 

So ging es den damaligen Initiatoren zum „Tag des Gartens“ darum, den positiven Einfluss der Gartenarbeit auf Leib und Seele herauszustellen und auf die städtebauliche, ökologische und soziale Bedeutung des Gartenwesens hinzuweisen.

Grüne Oasen sind im Trend. Angesichts des Klimawandels wächst eine neue Generation von Gartenfreunden heran. Sie setzt im Sinne der Nachhaltigkeit auf regional und ökologisch angebautes Gemüse. Auch im städtischen Raum wird die Kultivierung von Obst, Gemüse und Kräutern immer beliebter. Nicht wenige pachten einen Kleingarten oder schließen sich lokalen Gemeinschafts-Garten-Initiativen an.

In Zeiten von Corona haben sich viele zurückgezogen und etwas gesucht, was sie ganz für sich machen können. Die Liebe zum Garten oder dem bepflanzten Balkon ist gewachsen. So mancher hat das Grün als Rückzugsort und Kraftzentrum neu entdeckt. Da wundert es kaum, dass die Gartenbaubranche für 2020 Rekordumsätze verzeichnet. Gärten werden zu kleinen Paradiesen umgestaltet. Und nebenbei lässt sich über den Gartenzaun mit der Nachbarin Kontakt halten.

„Bin im Garten“ – dieses Schild mag in diesen Sommertagen an so mancher Haustüre hängen. Eine Einladung für Besucher, die einen Gartenfreund finden wollen. 

„Bin im Garten“ – Das kann ein hilfreicher Hinweis sein auch für Gott-Sucher. Eine Einladung, in die Gärten zu gehen, als einem Ort der Gottesbegegnung und der Gotteserkenntnis[2].

 

Musik 1: Geh aus, mein Herz 
Titel: Geh aus, mein Herz; Text: Paul Gerhardt; Melodie: August Harder; Interpretin: Sarah Kaiser; Album: Geistesgegenwart; Label: Gerth Medien; LC: 13743

 

Geh aus, mein Herz, und suche Freud in dieser lieber Sommerzeit, an deines Gottes Gaben, schau an der schönen Gärten Zier und siehe, wie sie mir und dir sich ausgeschmücket haben.

 

Autorin: So dichtet Paul Gerhardt 1653 in seinem Lied „Geh aus, mein Herz, und suche Freud“. Staunend und Gott lobend steht er vor der Gärten Zier.
Die Schönheit der Schöpfung, das Naturschöne von Farben und Blüten, von Früchten und Blumen lassen den Liederdichter auch in schwerer Zeit Trost und Freude empfinden, Kraft und Zuversicht schöpfen. Kann das jeder erleben? Im Garten oder beim Gärtnern? Paul Gerhardt sieht in der Schönheit der noch so anspruchslosen Gartenblume etwas, das Gott geschaffen hat. In der Schönheit eines Tulipan entdeckt er Spuren der Herrlichkeit Gottes. Der Theologe Gerhardt schreibt das Lied übrigens für seine Frau. Auch ihr möchte er diese Sicht auf die Natur eröffnen. In der Natur Gottes Schöpfung sehen. Genau hinschauen, wenn Gott sagt: „Bin im Garten“. 

Ich denke an meine Kollegin. Sie geht regelmäßig in der Frühe mit der ersten Tasse Kaffee in den Garten, um den Morgen zu begrüßen, um zu schauen, wo Knospen treiben oder etwas aufblüht, wie sich die Farben der Blumen und Blätter neu mischen. Ein lebendiges Kunstwerk im Wechsel der Jahreszeiten erlebt sie da. „Hier spüre ich meine Wurzeln“, sagt sie, „hier spüre ich Heimat, ahne etwas von Gottes Güte.“ 

Manchmal bringt sie in diesen Wochen einen Strauß lila blühender Flockenblumen mit ins Büro. Sie duften und glänzen. Ab und zu bleibe ich kurz davor stehen und freue mich an der Schönheit der Schöpfung.

 

Musik 1: Geh aus, mein Herz

 

Die Bäume stehen voller Laub, das Erdenreich decket seinen Staub mit einem grünen Kleide. Narzissus und die Tulipan ziehen sich viel schöner an als Salamonis Seide.

 

Autorin: Geh aus, mein Herz – die Schönheit unserer Gartenparadiese kann auch für uns durchlässig werden für die Herrlichkeit Gottes. Sie kann uns an jenes Paradies erinnern, von dem die Bibel auf ihren ersten Seiten spricht. 
„Bin im Garten“ – heißt es da über Gott und den Menschen.

Der zweite Schöpfungsbericht im ersten Buch Mose erzählt, dass Gott, nachdem er den Menschen geschaffen hat, einen Garten in Eden anlegt. Ein Stück eingezäuntes Land friedet Gott ein mitten in der Wüste. Ein Stück vertrockneten Acker, das von vier Strömen bewässert zu einem satten und fruchtbaren Land wird, das Blüten treibt und Früchte bringt. Die Ur-Heimat des Menschen. „Üppigland“ wie Martin Buber übersetzt. Schau an der schönen Gärten Zier. Und mittendrin in aller Üppigkeit: der Baum des Lebens und der Baum der Erkenntnis.

Die biblische Erzählung lokalisiert diesen Garten weit im Osten, wo die Sonne aufgeht. Auf einer Landkarte ist dieser Ort zwar nicht zu finden. Aber die geografische Notiz stößt uns darauf: Das Paradies ist nicht allein ein Traum, sondern ein Raum. Ein Lebensraum, den Gott schenkt. Heilsam begrenzt, mitten in der Welt. Ein wohnlicher Garten mit eigener Melodie.

 

Musik 1: Geh aus, mein Herz 

 

Der Weizen wächset mit Gewalt; darüber jauchzet jung und alt und rühmt die große Güte

des, der so überfließend labt und mit so manchem Gut begabt das menschliche Gemüte.

 

Autorin: Und Gott nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten. 
Gott nahm den Menschen. Das heißt: Gott hat etwas Besonderes mit ihm vor. Adam, der Mensch, wird ausgewählt, in Gottes Garten zu leben und diesen als seinen Lebensraum zu bebauen und zu bewahren (1. Mose 2,15). Um Hege und Pflege geht es. Oder wie manche heute sagen: Erst durch das Gärtnern wird der Garten zum Garten.

Gott braucht Männer und Frauen, die mitarbeiten. Von Anfang an. Leute, die Seiner Sache dienen und sich dabei nicht zu schade sind, die Hände schmutzig zu machen. Das mag so manches Bild vom Paradies – nicht nur das von Urlaubsparadiesen – in ein anderes Licht setzen. Ja, neben Muße und Genuss gehört Arbeit zum Leben im Paradies dazu.[3]

So wird der Garten in Eden für den Menschen zur Gabe und Aufgabe. Er selbst soll in die Gärtnerfußstapfen Gottes treten. 

Nun leben wir jenseits von Eden. Nach der biblischen Geschichte ist der Mensch an seiner paradiesischen Bestimmung gescheitert. Die eigene Maßlosigkeit hat ihm den Zutritt zum Garten verschlossen. Es gibt keinen Weg zurück. Wohl aber einen Weg nach vorne. 

Denn der Garten in Eden lebt weiter als ein Hoffnungsbild, das durch die Zeiten hindurch leuchtet und schon jetzt unsere Wirklichkeit beleuchtet und prägt.[4] Am Ende, so die Propheten, wird wieder ein Garten stehen, voll Harmonie und Freude. Eine Erde, die jubelt und blüht.

Es ist dieses Hoffnungsbild, das mir Kraft und Schwung gibt, die Gabe des Lebens zu meiner Aufgabe zu machen. Immer wieder will ich gegen das arbeiten, was heute das Leben und seine Schönheit kaputt macht. Es ist ein bisschen wie bei Unkraut und Wildwuchs im eigenen Garten. Mühsam und schweißtreibend. Aber es ist nicht vergeblich! Gabe und Aufgabe gehören zusammen.

 

Das hat mich der Garten meiner Kindheit gelehrt. Er lag hinter dem Haus meiner Großeltern. Groß war er und wäre ohne seinen Zaun nahtlos in den dahinter liegenden Wald übergegangen. Kaninchen und sieben Bienenvölker hatten hier ihre Heimat. 
Was diesen Garten besonders auszeichnete, war seine Ordnung: sorgsam abgestochene Wege, mit Buchsbaum eingerahmte Beete, in denen Rhabarber wuchs, Bohnen an Stangen gen Himmel rankten, Salat, Spinat und in Oktober auch Kartoffeln zu ernten waren.

Mein Großvater war mit seinem Garten sehr verbunden. Tag für Tag gärtnerte er und an so manchem Wochenende wir Enkel mit ihm. Neben hacken und gießen gehörte auch das Löwenzahnstechen, Brennnesselausgraben und die Abwehr von Schneckeninvasionen zu unseren Aufgaben. Ich lernte, dass ohne Mühe nichts wächst, dass aber meiner Hände Arbeit nötig ist, damit etwas wächst.

 

Musik 2: Geh aus, Mein Herz und suche Freud (instrumenteal); 
Komposition: August Harder; Interpret: Wolf Codera; Album: Codera Goes Choral, Label: Creative Kirche; LC: 11724.

 

Autorin: Wenn ich heute mit einem von Opa geerbten Spaten in unserem Garten Löwenzahn aussteche, muss ich manchmal an das kleine Paradies meiner Kindheit denken. An seine Ausdauer und Leidenschaft, seinen Garten zu hegen und sich in den Rhythmus der Natur einzufügen.

Und ich denke an den großen Gärtner, der auch jeden Tag am Werk ist. Der auferstandene Christus, der treu an unserer Erde arbeitet und sie bewahrt. Bis wahr wird, worauf wir Christinnen und Christen hoffen: „Heut schleußt er wieder auf die Tür zum schönen Paradeis“ (EG 27,6).

Bis dahin steht die Aufgabe: Gärtner, Gärtnerin zu sein nicht nur im Garten rund ums Haus, sondern auch in anderen Lebensräumen. Beziehungen pflegen und dabei in meinem Gegenüber seine Einzigartigkeit, ihre Schönheit zu sehen. Manchmal muss ich meine Worte ordnen und sie hüten, damit ich andere nicht verletze. Manchmal höre ich zu, gebe Rückmeldungen oder biete eine Idee an. Vielleicht kann mein Gegenüber daran wachsen.  Gärtner, Gärtnerin zu sein, das kann auch heißen, das bunte Miteinander einer Gemeinschaft mitzugestalten und Menschen, wo es dran ist, zu behüten. Gärtnern, ein jeder, eine jede nach seiner und ihrer Art. Kniend und bückend der Erde und ihren Menschen dienen und damit aufrecht vor Gott stehen. So können wir leben.

 

Musik 1: Geh aus, mein Herz 

 

Ich selber kann und mag nicht ruhn, des großen Gottes großes Tun erweckt mir alle Sinnen;

ich singe mit, wenn alles singt, und lasse, was dem Höchsten klingt, aus meinem Herzen rinnen.

 

Autorin: Gärtnern ist ein lebenslanges Lernen. Egal, ob es um Gemüse, Blumen und das Gärtnern im übertragenen Sinn geht, in Beziehungen, in der Gesellschaft. Mit jeder Ernte und Missernte werde ich klüger. Irgendetwas lässt sich immer noch verändern. Zum Gärtnern gehören aber ebenso die Pausen. Auch das habe ich von meinem Großvater gelernt. Zur Kaffeezeit mit geschmierten Stullen und Wasser aus der weißen Emaillekanne auf der Bank zu sitzen und Kraft zu tanken oder auf der selbstgebauten Schaukel zwischen den Bäumen im Takt hin und her zu schwingen.

In diesem Jahr steht der „Tag des Gartens“ unter dem Motto „Grüner geht’s nicht“.
Grün – das ist die Farbe von Wachsen und Leben. Grün – das ist auch die erste Farbe, die in der Bibel genannt wird. Und Gott sprach: Die Erde lasse junges Grün grünen. (1. Mose 1,30). 

Grün, kein Luxus, sondern überlebenswichtig. Weil nicht Schotter und Beton den Sauerstoff produzieren, den wir zum Atmen brauchen, sondern das gegrünte Grün, Pflanzen und Bäume. Ich will also meinen grünen Daumen schulen und sehen, wo ich sogar selbst etwas „grünen“ kann. 

Die Psalmen sprechen – zunächst ungewohnt – vom Grünen des Gerechten.
Gerechte, das sind Menschen, die zur Gemeinschaft fähig sind, die Gemeinschaft leben mit Menschen, mit Gott und der Schöpfung. Sie sollen grünen und Heimat haben bei Gott und seine Werke verkündigen. 

Wo Menschen so grünen, da leuchtet die Schönheit des Paradieses schon jetzt auf mitten in unserer Welt. Bis zur göttlichen Wiedereröffnung des Paradieses, wenn an all unseren Türen das Schild hängen wird: „Bin im Garten“

 

Musik 1: Geh aus, mein Herz 

 

Mach in mir deinem Geiste Raum, dass ich dir werd ein guter Baum, und lass mich Wurzel treiben. Verleihe, dass zu deinem Ruhm ich deines Gartens schöne Blum und Pflanze möge bleiben.

 

 

Verwendete Literatur:

Titus Arnu, Alles blüht auf, in: Süddeutsche Zeitung vom 3./4./5. April 2021. 55.

Magdalene L. Frettlöh, Christus als Gärtner, Biblisch- und systematisch-theologische, ikonographische und literarische Notizen zu einer messianischen Aufgabe, in: Jürgen Ebach u.a. (Hg.), „Schau an der schönen Gärten Zier…“ Über irdische und himmlische Paradiese. Zu Kult und Kulturgeschichte des Gartens, Gütersloh 2007, 161-203.

Christian Link, Die Erde als Garten und die Gärten der Erde, in: Jürgen Ebach u.a. (Hg.), „Schau an der schönen Gärten Zier…“ Über irdische und himmlische Paradiese. Zu Kult und Kulturgeschichte des Gartens, Gütersloh 2007, 84-111.

Friedrich-Wilhelm Marquardt, Eia, wärn wir da. Eine theologische Utopie, Gütersloh 1997.

 

 

 

Redaktion:

Landespfarrer Dr. Titus Reinmuth 


[1] Titus Arnu, Alles blüht auf, in: Süddeutsche Zeitung vom 3./4./5. April 2021, 55.

[2] F.-W. Marquardt, Eia wären wir da, Utopie 1997, 103. 

[3] Link, 90.

[4] Marquardt, 104.

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