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Das Geistliche Wort | 27.09.2020 | 08:40 Uhr

Bleibt, ihr Engel, bleibt bei mir...

Guten Morgen,

Wer in Köln aus dem Hauptbahnhof tritt, der sieht links vor sich - natürlich den Dom. Dort bin ich als Domkapitular mitverantwortlich für die Gottesdienste und vieles mehr. Wer aus dem Bahnhof tritt, sieht aber rechts noch eine weitere Kirche, St. Mariä Himmelfahrt. Viele nennen diese größte Barockkirche Kölns nur einfach „die rosa Kirche“ wegen der Farbe ihres Putzes.

Wie in vielen Kirchen aus dem 17. und 18. Jahrhundert ist dieses Gotteshaus im Inneren überreich mit Engeln geschmückt: kleine und große, immer mit Flügeln, insgesamt wohl an die Zweihundert. Gezählt habe ich sie noch nicht.

Weil ich nebenher auch für diese Kirche Verantwortung tragen darf, sind sie mir über die Jahre in ihrer Vielgestaltigkeit immer vertrauter geworden. Und so kam mir die Idee, heute, zwei Tage vor dem 29. September, dem Festtag der Erzengel, mit Ihnen einmal über Engel nachzudenken.

Bei dem Wort Engel können im Menschen ganz verschiedene innere Bilder aufsteigen. Vielleicht stellen Sie sich da Engel vor, die wie Kleinkinder aussehen, nur eben mit Flügeln. Raffael hat ein berühmtes Marienbild gemalt, das heute in Dresden hängt. Die kleinen Engelchen vom unteren Bildrand sind richtig populär geworden. Sie schmücken Tassen, Kissen, Bettwäsche, Schlüsselanhänger und Regenschirme.

Nachbildungen dieser Engel aus Terrakotta habe ich auch auf vielen Gräbern gesehen.

Ich glaube, für viele Menschen sind diese kleinen Engel Ausdruck des tiefen Wunsches, behütet zu sein. In der Nacht, beim Autofahren, und ja – eben auch beim Regen. Auf dem Grab drückt der Engel vielleicht die tiefe Sehnsucht aus, dass der Mensch im Tod und darüber hinaus gut behütet und beschützt bleibe.

Engel sind nichts exklusiv Christliches. Viele Religionen und Mythen kennen die Vorstellung von körperlosen Geistwesen, die Teil einer göttlichen Welt sind. Sie treten ein in die menschliche Welt, Engel beschützen Orte oder Personen, dienen dem Göttlichen.

Ich will nicht verhehlen, dass ich mit den Engeln so meine Schwierigkeiten hatte. In meinem Kinderzimmer hing zwar das Bild eines Schutzengels von der Kindermalerin Maria Hummel. Aber in meinen Gebeten spielte das keine Rolle. Und auch später nicht. Im Theologiestudium spielten Engel bestenfalls eine Nebenrolle.

Irgendwie scheinen die Engel nicht in eine aufgeklärte, rationale Weltsicht zu passen. Himmlische Wesen, geflügelte Figuren, das gehört doch mehr in die Welt archaischer Religionen, in Mythen und Märchen.

Bestenfalls in der Kunst, vor allem der Malerei, begeisterten sie mich. Ich erinnere mich noch gut an einen Besuch im Kölner Wallraf-Richarz-Museum, da war ich 18 Jahre alt. Mein Heimatpfarrer erklärte uns damals, die großen Maler der Kunstgeschichte hätten deshalb so gerne Engel gemalt, weil sie dabei ihrer Fantasie freien Lauf lassen durften. Besonders beliebt war für die Künstler die Möglichkeit, eine dynamische Bewegung darzustellen, wenn ein Engel vom Himmel herab in die Menschenwelt kam, z. B. in der Szene, in der der Engel Gabriel Maria besucht und ihr verkündet, dass sie Gottes Mutter werden soll.

Nicht nur in der bildenden Kunst sind die Engel sehr gegenwärtig, auch in der Musik. Der Festtag des Erzengels Michael am 29. September war im Mittelalter und auch noch danach ein wichtiges Hochfest. An diesem Tag fanden Märkte und Messen statt, Zinsen und Pachten waren zu zahlen. In Leipzig musste Johann Sebastian Bach eine festliche Musik komponieren. Nach einem fulminanten Eröffnungschor mit Pauken und Trompeten folgt später eine berückend schöne Tenorarie.

Bleibt, ihr Engel, bleibt bei mir. Ich habe diese Musik mit Begeisterung als 17jähriger zum ersten Mal gehört. Aber eine wirklich innere Beziehung zu den Engeln haben mir weder die Begegnung mit der Malerei noch mit der Musik verschafft.

Das hat sich dramatisch geändert, nachdem ich zweimal, 1994 und 1999, schwerste Autounfälle fast unverletzt überlebt habe. Besonders erinnere ich mich an mein Nachhausekommen nach dem zweiten Unfall. Mit zerrissener Kleidung stand ich im Schlafzimmer vor dem Spiegel und schaute mir meine Platzwunden an. Da fiel plötzlich mein Blick im Spiegelbild auf ein kleines Bild an der gegenüberliegenden Wand. Es war der Schutzengel von Maria Hummel, den ich – vermutlich aus Sentimentalität – als einziges Stück aus meinem Kinderzimmer immer bei allen Umzügen mitgenommen habe.

In diesem Moment schoss es mir durch den Kopf, dass es aus irdischer Sicht vielleicht Zufall war, dass der PKW, der auf mich flog, zwar meinen Wagen, nicht aber mich zum Totalschaden machte. Und mir kam die Frage: War es Zufall, dass der Sattelschlepper 1994 zwar mein Auto, nicht aber mich zerquetscht hatte.

Gibt es aus Gottes Sicht Zufälle? Diese Frage ließ mich nicht mehr los. Und damit verbunden die Frage nach den Engeln. Ich habe gelernt, die aufgeklärte Arroganz beiseite zu legen, die die Engel in die Welt der Mythen und Märchen verbannt. Warum auch nicht! Die Psychologie hat in den letzten Jahrzehnten neu in den Blick genommen, dass Märchen und Mythen oft etwas sehr Tiefes und Verborgenes vom Menschen und seinen Erfahrungen vermitteln.

Meine Erfahrung war: Ich durfte weiterleben. Und das war für mich kein Zufall mehr. Der Polizist sagte mir damals im Krankenhaus: So wie Ihr Auto aussieht, dürften Sie eigentlich nicht mehr leben. Viele Menschen überleben nicht. Das bleibt auch für mich eine bedrängende Frage. Meine persönliche Erfahrung kann nicht alle Fragen beantworten. Aber ich habe erfahren und gespürt: Gott hat ein Interesse an meinem Leben. Ich bin ihm nicht egal. Er will sich einmischen. Und dazu schickt er mir ständig Engel.

Die unzähligen Engelgeschichten der Bibel höre ich seitdem mit ganz anderen Ohren. Nicht als etwas, das dem aufgeklärten Verstand peinlich sein müsste. Sondern als Erzählung gewordene Erfahrung von Menschen mit Gott.

Der alttestamentliche Patriarch Jakob sieht in einem Traum eine Himmelsleiter, auf der die Engel Gottes auf- und niedersteigen. Er erlebt darin Gott als nah. Gott ist nicht einer, der irgendwann einmal die Welt erschaffen hat, sich dann zurücklehnt und zuschaut, wie wir Menschen uns gegenseitig an die Gurgel gehen. Gott hat ein Interesse am Menschen, will in sein Leben eintreten.

Engel kommen in der Bibel in menschlicher Gestalt auf Menschen zu. Der Erzengel Raphael begleitet und beschützt den Tobias auf seiner Reise. Gabriel bringt einer jungen Frau in Nazareth die Botschaft, dass sie die Mutter eines Kindes wird, das der Engel Sohn Gottes nennt. Engel sind in der Bibel genau das, was ihr Name wortwörtlich bedeutet. Engel, das kommt von Angelos, und das heißt Bote. Bote nicht des Unheils, sondern des Heils, des Lebens, der Zukunft, die Gott schenkt.

Ich finde es deshalb gut und richtig, dass auch Menschen andere Menschen als Engel bezeichnen. Gelbe Engel machen mein Auto wieder flott, Blaue Engel tun was für die Umwelt, Grüne Engel sind im Krankenhaus für Patienten da. Corona-Engel helfen beim Einkaufen für Risiko-Personen. Wo immer einer dem anderen zum Boten der Hoffnung und des Lebens wird, wird er mit Recht Engel genannt. Und wo Menschen in Liebe einander zu Engeln werden, da geschieht ganz sicher Gottes Wille.

Die Erbauer der Kirche St. Mariä Himmelfahrt hier in Köln, von der ich Ihnen eingangs erzählte, haben ihre ganze Fantasie und Kreativität in die Gestaltung der unzähligen Engelfiguren gesteckt. Wenn ich unter ihren lächelnden Blicken hindurchgehe, dann bin ich richtig dankbar für die Vorstellung, dass es Engel gibt. Und dann ergreift es mich jedes Mal wieder, wenn ich im Gottesdienst sogar ein Lied der Engel singen darf. Denn das kommt in jeder Messfeier vor: Unmittelbar vor dem Höhepunkt der katholischen Messe, wenn Jesus Christus wirklich gegenwärtig wird in Wein und Brot, stimme ich mit der Gemeinde ein in das Lied, das der Prophet Jesaja im Alten Testament in einer Traumvision gehört hat. Quadosch – Sanctus – Heilig! rufen sich die Engel im Angesicht Gottes zu.

Da berühren sich für mich Himmel und Erde. Und ich weiß: Gott ist da.

Das Gottes Engel Sie heute und an allen Tagen begleiten und schützen, das wünscht Ihnen

Ihr Markus Bosbach Domkapitular in Köln

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