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Kirche in WDR 4 | 21.06.2021 | 08:55 Uhr

Die Kränkung der Endlichkeit

Heute ist wieder Montag, und weil heute Montag ist ist das Wochenende auch schon wieder rum. Tja. Und Ende letzter Woche, da hab ich eine Freundin wieder getroffen. Sie sah ganz verändert aus. Eigentlich hat sie längere blonde Haare. Nun waren sie kürzer geschnitten und leicht rötlich getönt. Sah gut aus. Da hat sie gelacht und mir erzählt, dass sie Model gesessen hätte. Bei der Gesellinnenprüfung einer Friseurin.

Ich war verblüfft. Zum einen, weil ich das großartig finde, dass es Menschen gibt, die das machen: Sich selbst und ihren Haarschopf bei so ner Prüfung zur Verfügung stellen. Gleichzeitig hab ich gedacht: Das ist eine von den Sachen, die ich in meinem Leben wohl nicht mehr schaffen werde. Obwohl mich das sehr reizen würde, denn ich gehe furchtbar gern zum Friseur. Andererseits würden meine rarer werdenden Haare einen angehenden Friseur vermutlich eher zur Verzweiflung treiben. Sollte jemand da draußen bei seiner Gesellen- oder Meisterprüfung mal eine echte Herausforderung suchen, kann er sich jedenfalls gern melden. Ich wäre bereit.

Und dann fielen mir einige andere Dinge ein, die ich auch nicht mehr schaffen werde: Mit einer Band auf der Bühne stehen. Schwierig. Eine Reise zum Himalaya zu machen. Nicht total unwahrscheinlich, aber wo sollen Pferd und Hund so lange hin? Eben. Ein Kino betreiben. Eine Minirolle im Tatort spielen, und wenn es nur eine Leiche auf dem Tisch von Professor Börne wäre. Noch mal einen Marathon laufen. Hab ich ja schon mal gemacht, ist aber lange her, und meine Gelenke und ich werden nicht jünger. Klavierspielen lernen. Das würde ich wirklich gern können – tja, ist aber zu spät, denke ich. Ein paar Fremdsprachen lernen. Endlich Mathe kapieren. Unmöglich. Ein Wiener Schnitzel so gut braten zu können wie Alexander Schelds. Wenigstens das müsste doch machbar sein – aber immer wenn ich in diese fantastische Panade beiße weiß ich: vergiss es.

Neulich bin ich mit meinem Hund durch den Rheinpark in Köln gelaufen. Aus meinem Augenwinkel habe ich einen Gärtner beobachtet, wie er hingebungsvoll ein neues Beet mit bunten Blumen bepflanzt hat. Ich bin kurz stehen geblieben und habe ihm fasziniert zugesehen. Aber ich habe gemerkt: Ich habe keine Ahnung von Blumen. Ich weiß nicht, wie das ist, eine Filmrolle auf einen Projektor zu schrauben. Auf einer Bühne ein Gitarrensolo hinzulegen. Ich weiß nicht, wie die Nepalesen leben. Wie ein Statistiker rechnet. Ich bräuchte zwei Leben. Oder besser drei, vier oder noch mehr, um all das unterzubringen, was mich fasziniert. Was ich gern mal ausprobieren würde. Oder um zu wissen, wie andere Menschen leben. Was sie denken. Wie sie lieben. Worauf sie hoffen.

Heute ist wieder Montag, eine neue Woche beginnt – und ich weiß: das geht natürlich nicht. Ich werde nicht mehr ein John Lennon. Ein Steven Hawkins oder ein berühmter Regisseur. Ich werde vermutlich auch keine Blumen mehr züchten oder im Kino das Licht ausmachen. Das ist die Kränkung der Endlichkeit. Und die zehrt. Gebe ich zu. Und doch: Die anderen machen ihres, ich darf meins machen. Und jeden Tag schauen wir einander zu. Und ich finde: Das ist schön. Nicht nur an einem Montagmorgen.

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