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Das Geistliche Wort | 27.12.2020 | 08:40 Uhr

Familiengeschichten

 

Die Weihnachtsfeiertage sind nun um. Und ich hoffe, es war für Sie weihnachtlich trotz der Widrigkeiten, die wir in diesem Jahr durchleben müssen. In meinem Büro ist es an einer bestimmten Stelle immer weihnachtlich. Und das schon seit über 20 Jahren. Auf einem kleinen Schränkchen steht nämlich ein Kunstwerk. Und das würde da nicht stehen, wenn ich nicht kurz vor Weihnachten 1998 ein Gespräch zwischen Tür und Angel geführt hätte.

Manchmal sind es gerade die ungeplanten Gespräche, die nachhaltig und prägend sind. Damals, 1998, bitten mich meine Eltern ihren Weihnachtsgruß zu einem befreundeten Ehepaar zu bringen. So mache ich mich auf den Weg  nach Sendenhorst zu Bernhard und Maria Kleinhans. Ich treffe nur Bernhard an – wie fast immer - in seiner Werkstatt. Bernhard Kleinhans ist Künstler und ich möchte Ihnen diesen außergewöhnlichen Mann einmal kurz vorstellen. Bernhard wurde – 1927 geboren. Seit seiner Kindheit sitzt er im Rollstuhl. Die Nazis hatten ihm deshalb damals den Zugang zu höherer Bildung verwehrt. Mehr noch, er und seine Familie wissen sich bedroht durch die menschenverachtende Politik der Nationalsozialisten. In der Zeit nach 1945 holt er vieles auf.  Kleinhans studiert an der Werkkunstschule in Münster und an der Kunstakademie in München. Dabei verdient er sich seinen Lebensunterhalt unter anderem mit dem Schnitzen von Coesfelder Kreuzen – vielleicht kennen Sie diese besondere Darstellung eines Kreuzes in Gabelform. Aber erst mit der Bronze findet Bernhard Kleinhans zu seinem Material. Die Bibel wird im Laufe seines Lebens immer mehr das Buch, aus dem er sich für sein künstlerisches Schaffen die Anregungen holt. Sein durchgängiges Thema ist immer wieder der Mensch – in seiner Schönheit, in seiner Not und in seinem Leid – und in seiner ihm von Gott geschenkten unveräußerlichen Würde.

Bernhard Kleinhans: Ein spiritueller Künstler – mit dem ich vor bald 20 Jahren ein Gespräch geführt habe, das mir einen neuen Zugang zum Weihnachtsereignis ermöglicht hat.

Bevor Kleinhans ans Werk geht, meditiert er den Inhalt. Dabei entwickelt er nicht selten eine sehr eigene Sicht. Manchmal teilt er seine Gedanken mit anderen – so damals auch mit mir. Und so spricht er mich an, als ich mit dem Weihnachts-Brief meiner Eltern in seiner Werkstatt stehe. Bernhard sitzt wie üblich in seinem Rollstuhl, auf dem Tisch vor ihm ein Klumpen Bienenwachs. Mit seinen Händen formt er daraus gerade ein neues Kunstwerk. Ich will schon wieder gehen, da ruft er mich wieder zurück. In den zurückliegenden Wochen und Monaten hat er sich intensiv mit dem Inhalt des Weihnachtsfestes und seiner Bedeutung für unser Leben beschäftigt. Davon möchte er mir erzählen. Dabei spannt er einen großen Bogen – von der Gottesoffenbarung vor Mose, die im zweiten Buch der Bibel beschrieben wird, bis in unsere Tage. Seine Gedanken interessieren mich – und ich bleibe im Türrahmen stehen.

Sprecher:

„Weißt Du, das ist das entscheidende Ereignis in der Hebräischen Bibel: Gott sieht das Elend seines in Ägypten versklavten Volkes. Er beschließt, es in die Freiheit zu führen, und er beruft Mose, um dieses Entschluss umzusetzen. Da ist ein Dornbusch, der brennt, aber nicht verbrennt. Mose nähert sich diesem Dornbusch und erfährt dort von seiner Berufung. Und als Mose fragt, wer es denn ist, der ihn sendet, erfährt er den Gottesnamen: Ich bin, der ich bin da!“

So beginnt Bernhard und erzählt mir:  Irgendwo hat er bei Martin Buber von einer anderen Übersetzung dieses Gottesnamens gelesen: „Ich bin, wo du bist.“ Das ist ihm wichtig, aus dieser im Gottesnamen verborgenen Zusage kann Bernhard leben.

 „Ich bin, wo du bist“ – diese Übersetzung des Gottesnamens durch Martin Buber hat Bernhard Kleinhans als Künstler fasziniert. Und im Geheimnis der Weihnacht bekommt dieser Gottesname für ihn Hand und Fuß in Jesus von Nazareth. Als Jude wird Jesus in eine Zeit der Unterdrückung durch die Römer hineingeboren wird. So ist und bleibt er Teil einer Gemeinschaft, die immer wieder im Laufe der Geschichte bedrängt und verfolgt wird – bis heute. Das ist Bernhard ganz wichtig bei unserem Gespräch zwischen Tür und Angel, damals vor Weihnachten im Jahr 1998. Er sieht darin einen deutlichen Hinweis auf die ungebrochene Solidarität Gottes mit Menschen, die bedrängt und verfolgt werden, mit Menschen, die auf der Flucht sind. Aber darüber hinaus mit jedem Menschen in seiner Not, in seiner Krankheit, in welcher Form von Bedrängnis auch immer.

„Deine Gedanken finde ich faszinierend“ sage ich und frage neugierig: „Wie willst du sie in einem Kunstwerk zum Ausdruck bringen?“  Er lächelt leise.

Er hat das Kunstwerk schon fertig. Es steht im Nebenraum.

Es ist ein etwa 50 cm hoher Dornenstrauch aus Bronze. Er erinnert an die Zusage Gottes an Mose „Ich bin, wo Du bist.“ In diesen Dornen nun steht die Heilige Familie, Maria und Josef und Jesus, nicht mehr als kleines Kind in der Krippe, eher als Heranwachsender an der Schwelle zum Erwachsenen. Maria trägt ein Kopftuch, Josef und Jesus tragen spitze Hüte, das Erkennungszeichen der Juden im Mittelalter. Diese spitzen Hüte erinnern an die lange Geschichte des Antisemitismus. Um den Dornbusch herum liegt ein Schriftband, nicht ganz leicht zu entziffern: „Erscheinung des Herrn im verbrennenden Dornbusch.“

Bernhard erklärt dazu:

Sprecher:

„Im Dornbusch, der brennt, aber nicht verbrennt, erscheint Gott vor Mose, stellt sich vor als Gott, der um das Elend des Menschen weiß und seine Nähe sucht. Jesus von Nazareth lebt diese liebende Zuwendung Gottes zu Menschen. Er geht  in und durch das Leid bis in den Tod. Gott lässt sich verzehren von seiner Liebe zum Menschen. Kein menschliches Leid ist ihm fremd. Jedem menschlichen Leid ist er nah.“

Ich beginne zu verstehen. „Erscheinung des Herrn im verbrennenden Dornbusch“ das soll bedeuten, Gott geht mit uns durchs Feuer. Er lässt sich aus Liebe verzehren  – so wie Feuer verzehrt – und doch ist sein Vorrat an Liebe unerschöpflich und gilt jedem einzelnen Menschen.  Bernhard zitiert die für ihn bedeutsame Stelle aus dem Propheten Jesaja:

Sprecher:

„Fürchte dich nicht, denn ich habe dich ausgelöst, ich habe dich beim Namen gerufen, du gehörst mir. Wenn du durchs Wasser schreitest, bin ich bei dir, wenn durch Ströme, dann reißen sie dich nicht fort. Wenn du durchs Feuer gehst, wirst du nicht versengt, keine Flamme wird dich verbrennen. Denn ich, der Herr, bin dein Gott, ich, der Heilige Israels, bin dein Retter.“ (Jesaja, 43, 1-3)

Ich bin sichtlich bewegt . Bernhard bietet  mir an den Dornbusch mitzunehmen, um zu schauen, ob ich einen tieferen Zugang dazu finden kann. Wenige Tage später schon bitte ich ihn, das Kunstwerk erwerben zu dürfen, was ihn offensichtlich sehr freut. Seitdem begleitet es mich.

„Erscheinung des Herrn im verbrennenden Dornbusch.“: Das Kunstwerk von Bernhard Kleinhans ist noch immer in meinem Besitz.

Es steht in meinem Gesprächszimmer und bringt sich immer wieder ein in die Gespräche, die ich hier führe.  Menschen gerade in bedrängenden Lebenssituationen finden sich in diesem Bild wieder. Die Dornen stehen für das Bedrängende, manchmal auch scheinbar Aussichtslose. Und dann steht mitten in diesen Dornen Jesus mit seinen menschlichen Eltern. Da entsteht ein Raum von Gemeinschaft  mit Jesus – ganz nahbar, greifbar und ganz im Sinne dessen, was Bernhard Kleinhans mit diesem Bild sagen will.

Im Frühjahr dieses Jahres, als die Pandemie immer mehr um sich greift, deutet ein Gesprächspartner unsere aktuelle Situation in diesen Dornbusch hinein:

Sprecher:

 „Da sind wir drin in diesen Dornen – bedrängt, bedroht, ängstlich. Wir müssen Abstand halten und sehnen uns nach Zuwendung und Nähe. Ich möchte vertrauen, dass dieser Gott nach wie vor auf dem Weg zu uns ist, um uns die Kraft zu schenken, die wir jetzt miteinander brauchen.“

Und dann holt der Gesprächspartner einen Gedichtband von Andreas Knapp aus seiner Tasche und liest ein Gedicht von ihm. Ich kann es gut vor dieser Heiligen Familie unter den Dornen lesen – wie eine Deutung des Kunstwerkes:

Sprecher:

Klopfzeichen

in der Traurigkeit
für die du keinen Namen findest

in der Unruhe
die dich ziellos umtreibt

in den Träumen
die dir schlaflose Nächte bereiten

in dem Heimweh
das dich zu Hause befällt

in der Sehnsucht
die ausufert nach immer mehr

in all deinem Nichtfinden
da sucht ER dich

(Andreas Knapp, Weiter als der Horizont – Gedichte über alles hinaus,
Würzburg 72012, 32)

Bernhard Kleinhans starb im Oktober 2004 nach schwerer Krankheit. Aber was mir von ihm bleibt  ist – neben dem Dornbusch - seine hoffnungsvolle Ahnung von einem Gott, der die Verbindung zu uns Menschen sucht. Es bleibt mir sein Gespür für einen Gott, der uns Menschen unendlich liebt und sich von menschlicher Not einnehmen lässt.

Gerade in diesen Monaten der Pandemie sitze ich häufig vor dem Dornbusch. Das ist wirklich eine Not, die uns alle – weltweit - betrifft und angeht. Und es beschleichen mich im Angesicht des Kunstwerkes sorgenvolle Fragen:

Ist Gott wirklich für uns da?
Interessiert er sich für uns?
Ist seine Liebe so groß und unerschöpflich, wie Bernhard es in seiner Kunst zum Ausdruck bringen möchte?

Ich vermag die Fragen nicht letztgültig zu beantworten, aber aus diesem Dornbusch, den Bernhard gestaltet hat, kommen mir seine Ahnung und sein Gespür für die Liebe Gottes wie ein hoffnungsvolles JA entgegen.

Dazu kommt seit dem Frühsommer eine Musik. Ich habe sie geschenkt bekommen. Für mich verbindet sie sich mit dem Dornbusch. Sie zieht mich in ihren Bann und lässt mich auf eine – für mich irgendwie unerklärliche Weise - Bernhards Botschaft spüren.  Mit seinem Stück „O Magnum Mysterium“ berührt Morton Lauridsen mein Herz, der Dornbusch mit der Familie in seiner Mitte beginnt zu leben und ich spüre etwas von Gottes unerklärlicher Liebe und ahne etwas von seiner Gegenwart auch und gerade im Hier und Jetzt.

Ich möchte Sie einladen, sich für einen Augenblick auf die Musik einzulassen. Und ich wünsche Ihnen eine – vielleicht leise – Ahnung von der Liebe Gottes, die irgendwie ein großes Geheimnis ist und auch bleibt, und die doch jede und jeden von uns ganz persönlich meint.

Aus Münster grüßt Sie Spiritual Matthäus Niesmann.

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