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Kirche in WDR 5 | 19.06.2020 | 06:55 Uhr

Freitag

Autorin: Guten Morgen!

Freitag. Für viele ist dieser Tag der kleine Samstag geworden. Es liegt schon ein bisschen die Entspannung des Wochenendes in der Luft. In der christlichen Tradition ist der Freitag ein Werktag. Aber einer mit einem besonderen Auftrag. Er ist der kleine Bruder vom Karfreitag, also dem Gedenktag der Kreuzigung Christi. Und daran soll der Freitag als Wochentag auch immer wieder erinnern. Er ist ein Tag der Einkehr und der Umkehr. An diesem Tag wird gefastet. Darum isst man Fisch und verzichtet auf Fleisch.


Seiner Ursprungsidee nach ist der Freitag schon immer ein „Friday for Future. Ein Tag, der das „Weiter so“ unterbricht. Ein Tag, an dem ich einmal die Perspektive wechsele und zur Besinnung komme. Ein Tag, an dem ich mich mit dem beschäftige, was unangenehm ist und was ich deshalb gerne wegblende, mit dem, was kaputt ist und kaputt macht. Christlich gesprochen: mit der Not der Schöpfung, mit dem Leiden der Geschöpfe, mit der Zerstörung des Lebens, in einem Wort: mit dem Kreuz. Dazu soll der Freitag einen Stups geben.


Am Freitag auf die gekreuzigte Kreatur schauen. Wie könnte das gehen, ohne dass es eine religiöse Floskel ist? Manchmal kann man von den Unreligiösen am besten lernen. Den Freitags-Blick auf die Welt, den ich meine, habe ich zum Beispiel von Rosa Luxemburg gelernt. Sie erzählt in einem Brief aus dem Gefängnis, wie ein Militärwagen mit einem Büffelgespann in den Hof kommt. Ein Soldat peitscht auf die Tiere ein, bis sie bluten. Als eine Aufseherin ihn zurechtweist, antwortet er: „Mit uns Menschen hat auch niemand Mitleid“ und prügelt noch kräftiger. Rosa Luxemburg schreibt:


Sprecherin: Die Tiere standen dann beim Abladen ganz still erscho?pft und eines, das, welches blutete, schaute dabei vor sich hin mit einem Ausdruck in dem schwarzen Gesicht und den sanften schwarzen Augen wie ein verweintes Kind. ... ich stand davor und das Tier blickte mich an, mir rannen die Tra?nen herunter (1)


Autorin: Die Niedergeschlagenen sehen, sie wirklich anschauen. Das könnte ein Vorsatz für den Freitag sein. Nicht wie sonst wegschauen oder vorbeischauen. Hinschauen ohne sich damit herauszureden, dass man doch nicht auf fremdes Leid glotzen soll. Einfach mal wahrnehmen, was ist. Ohne diese kleinen Monologe im Kopf, die da heißen: Der müsste doch nicht in dieser Situation sein. Die hat selbst Schuld. Darum kann ich mich nicht auch noch kümmern.

Einfach mal sehen, ohne zu urteilen. Ohne das, was man sieht, gleich in seine Meinung einzubauen. Hinschauen, ohne Lösungen zu haben – sich dem Anblick aussetzen und sich berühren lassen! Diesen Tag heute.


Vielleicht kommt dann das auf, was uns erst zu Menschen macht: Mitleid. Man glaubt ja oft, es sich nicht leisten zu können. Dabei ist es umgekehrt. Wir können es uns einfach nicht leisten, kein Mitleid zu haben. Der Freitag - ein Freitag für die Zukunft, für das Leid der anderen, für die Barmherzigkeit – für das Leben.


Einen gesegneten Tag wünscht Ihnen Pfarrerin Silke Niemeyer aus Lüdinghausen.



1. http://www.welcker-online.de/Texte/Karl_Kraus/glossen_1924/glos_2_15.pdf (zuletzt abgerufen am 29.05.2020)




Redaktion: Landespfarrerin Petra Schulze


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