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Kirche in WDR 2 | 31.12.2020 | 05:55 Uhr

Glaube und Unglaube

Letzter Tag des Jahres. Zeit, mal wieder das Büro auszumisten. Ich stelle einen großen Karton auf und – zack - alles hinein, was weg kann. Der alte Kalender vom Schreibtisch. Weg. Stapelweise alte Notizen. Weg. Oh, alte Sitzungsunterlagen. Vom Februar noch. Zusammenknüllen und weg damit. Das hat etwas Befreiendes. Als könnte ich dieses ganze verflixte Jahr zerknüllen und im Altpapier versenken. Das war aber auch ein Jahr! So etwas habe ich noch nicht erlebt. Wie ein winziges Virus die ganze Welt aus der Bahn wirft. Erschreckend, wie hilflos man sich plötzlich fühlt. Wie albern ich mir vorkam am Anfang, mit der Maske vorm Gesicht. Heute ganz normal. Dann eben kein Osterfest und ein Rumpf-Weihnachten mit wenigen Freunden (?). Ich denke an die Erkrankten. Die Ärztinnen und Ärzte und Pflegekräfte, die über ihr Limit arbeiten müssen. Denke an die, die finanziell vor einem Abgrund stehen. An die, die vereinsamt in ihren Wohnungen sitzen, weil es in diesem Jahr Ausdruck von Fürsorge ist, nicht zu Besuch zu kommen. Was für ein trauriges Jahr! Ab, alles in die Tonne. Ich rupfe das Plakat mit der biblischen Jahreslosung von der Wand, das ich im Januar noch voller Vorfreude aufgehängt habe und schaue es mir noch einmal an, bevor es wegkommt. „Ich glaube; Hilf meinem Unglauben!“ (Mk. 9,24), steht da. Hilf meinem Unglauben. Ich denke: So redet einer, dem alles über den Kopf gewachsen ist. Dem alles zu schwer wird. Seine Kraft reicht nicht, die Probleme sind zu kompliziert für seinen Kopf. Selbst sein Vertrauen ist ihm abhandengekommen. Stück für Stück, mit jeder Hoffnung, die sich nicht erfüllt hat. Ich lese und stutze. Für einen Moment fühlt es sich so an, als wäre dieses Wort speziell für mich geschrieben. Extra für heute. Seltsam, wie ein uraltes Bibelwort mit einem Mal so aktuell werden kann. Als ob ich das selbst sage und über meine Sorge rede, meine Ratlosigkeit und meine tiefe Frustration über dieses verflixte Jahr 2020. Hilf meinem Unglauben! Immerhin, denke ich, dieser Mensch damals hat jemanden. Er hat ein „Du“, dem er seine Not sagen und anvertrauen kann: Jesus. Er ist erschöpft, erschreckt, mutlos. Aber er ist nicht allein. Er weiß nicht, wie es ausgeht, er hat keine Antworten. Aber er ist nicht allein. „Ich kann nicht mehr. Mach du das für mich.“ Daran klammert er sich fest. Und das reicht, um nicht im Strudel seiner Sorgen zu versinken. Das ist immer noch nicht triumphal, kein großer Durchbruch. Aber es bedeutet: Ich kann durchhalten. Ich werde nicht zerbrechen unter der Last. Weil da dieses „Du“ ist, mit dem ich meine Sorge teilen kann. Mit einem Menschen. Mit Gott. Und Durchhalten ist ja schon mal kein schlechter Anfang.

 

 

Redaktion: Landespfarrer Dr. Titus Reinmuth

 

 

 

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