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Kirche in WDR 5 | 20.10.2019 | 06:55 Uhr

Höflich - eine Haltung des Herzens

Autor: Guten Morgen. Vor einigen Wochen in der Stadt: Ich stehe in einer Schlange vor einem Geldautomaten, brauche Bargeld. Vor mir ein älterer Herr, der nervös und etwas ungeschickt auf den kleinen Tasten herumhackt. Er muss seine Eingabe mehrfach wiederholen, weil irgendetwas nicht korrekt ist. Hinter mir stöhnt ein junger Mann, ihm geht es offenbar nicht schnell genug. Ich werfe einen nervösen Blick zurück zur Straße, in Richtung des eingeschränkten Halteverbots, in dem mein Wagen steht. Alles gut, das Auto ist noch da, kein Ordnungsamt in Sicht. Gerade muss der ältere Herr vor mir fertig geworden sein, denn der junge Mann hat mich sozusagen überholt, als ich soeben kurz abgelenkt war. Er ist bereits dabei, seine Eingaben zu machen. Warum soll ich ihm das durchgehen lassen, frage ich mich und sage zu ihm: „Entschuldigung – ich war ja wohl vor Ihnen dran…“ Er hält es nicht für nötig, sich zu mir umzudrehen, sondern wirft ein wenig freundliches „Da kann ich doch nichts dafür, wenn Sie hier einschlafen“ zurück. Als ich darauf etwas erwidern will, höre ich ihn sagen: „Halten Sie doch die Klappe.“ Wenn ich jetzt weiter dagegen halte, könnte die Sache übel eskalieren, das spüre ich. Super gelaufen, denke ich wütend. 1-A-Kommunikation! Was für ein netter Mitmensch… 

Musik 1: Track 8 “Party On The Planet” von CD: Liberetto, Interpreten: Lars Danielsson, Tigran, John Parricelli, Arve Herniksen, Magnus Öström, Komponist: Lars Danielsson; ACT Music, München 2012; LC-Nr.: 07644.

Autor: Mir ist aufgefallen: Ganz oft fehlt mir im Alltag die schöne altmodische Verhaltensweise namens „Höflichkeit“. Höflichkeit – als Kind wurde ich dazu erzogen, höflich zu sein. Wie die meisten anderen Kinder meiner Generation auch. Und so scheint es mir noch gar nicht so lange her, dass Höflichkeit im Umgang mit anderen der Normalfall war. Sie war über lange Zeit ein Tagesordnungspunkt auf der Agenda der Kindererziehung. Wie kommt es, dass sich Höflichkeit nur noch so selten zeigt im Alltag? Da muss doch etwas passiert sein.
Letztens kam ich aus dem Urlaub in den Alpen in meine rheinische Großstadt. In den Bergdörfern konnte ich in aller Ruhe die Busfahrer nach Fahrtrouten und Umsteigestationen fragen und das gegenseitige „Grüß Gott“ bei Ein- und Ausstieg war eine Selbstverständlichkeit. Hier zu Hause musste ich mich jetzt wieder umstellen. Da weht dir schon mal ein rauer Ton entgegen in Bussen und Bahnen, wenn du die Ausstiegsstufe berührst und sich deshalb die Türen nicht umgehend schließen lassen.

Du sagst freundlich „Guten Tag“ in der U-Bahn, wenn du in den Aufzug steigst oder den Umkleideraum des Fitnesscenters betrittst. Und guckst in unfreundliche Gesichter. Der eine runzelt die Stirn, die andere ignoriert dich komplett.

Wie schön wäre es, ein schlichtes „Guten Tag“ als Antwort zu bekommen. Und wenn es auch nur aus Höflichkeit ist. Kurz genuschelt wäre schon ein Anfang. Noch schöner: kurzer Blickkontakt. „Guten Morgen“. Wir haben uns wahrgenommen, obwohl wir uns gar nicht kennen. Wir schenken uns zwei Wörter lang Aufmerksamkeit. Ah, noch ein Mensch hier. Dem ich etwas wünsche, fast wie ein kurzes Segenswort: Haben Sie einen schönen, einen guten Tag. Sich beim Zusammentreffen wahrnehmen, einige Sekunden Aufmerksamkeit schenken. Schauen, wer mit mir unterwegs ist auf diesem Planeten. Und ihn oder sie wertschätzen. Höflichkeit – eine Sache des Herzens.

Musik 2: Track 4 ”Shape Of My Heart” von CD: Surrender, Interpret: Novecento, Dominic Miller, Komponist: Novecento feat. Dominic Miller, Soultrade, Mailand 2009; LC-Nr.: 28705.

Sprecherin: „Wenn du an einem reichgedeckten Tisch sitzt, dann lass nicht vor Staunen den Mund offen stehen und sage auch nicht: ‚Das ist mehr, als ich essen kann!‘ Denk dran, wie hässlich gierige Augen sind! (…) Streck nicht die Hand aus nach etwas, worauf dein Tischnachbar blickt; sonst stößt du mit seiner Hand in der Schüssel zusammen. Lass dir von deinem eigenen Gefühl sagen, was der andere empfindet, und überleg dir genau, was du tust! Was man dir vorsetzt, das iss wie ein Mensch! Schling es nicht in dich hinein, das kann niemand ausstehen! Zeig, dass du dich benehmen kannst (…) Bist du älter als die anderen Gäste, so steht es dir zu, das Wort zu ergreifen. Sprich nur über Dinge, die du genau kennst, aber (…) halte keine langen Reden. Es wäre der schlechteste Augenblick, dein Wissen anzubringen. (…) Wenn du jung bist, sprich nur, wenn es nötig ist, aber höchstens zweimal und nur, wenn man dich etwas fragt! Fass dich kurz, sag viel mit wenigen Worten! (…) Einem bescheidenen Menschen geht ein guter Ruf voraus (…) Wenn es Zeit ist zu gehen, musst du nicht zu den Letzten gehören. Geh schnell nach Hause und mach unterwegs keine Dummheiten! (…) Und für alles danke deinem Schöpfer, der dich mit so vielen guten Gaben erfreut!“ (Die Bibel nach der Übersetzung: Die Gute Nachricht, Jesus Sirach, Kapitel 31 und 32 in Auswahl)

Musik 3 = Musik 2

Autor: Diese Sätze finden sich nicht etwa in einem Benimm-Buch, sondern in der Bibel. Wer hätte das gedacht? Es geht hier um gutes Benehmen. Gutes Benehmen versteht sich nicht von selbst. Man muss es lernen. Und weil Menschen es früher „bei Hofe“ gelernt haben, an Adels- und Fürstenhöfen, sprechen wir heute von der Höflichkeit. Es hat offenbar lange gedauert, bis die Menschen höfliche Umgangsformen gelernt haben. Dass man sich mit dem Messer nicht die Zähne reinigt, nicht im Unterhemd durch die Straßen läuft, die abgenagten Knochen nicht wieder in die gemeinsame Mittagsschüssel wirft und seine Notdurft nicht am Straßenrand verrichtet – das alles haben unsere Vor-Vor-Vorfahren noch nicht gewusst. Das lernte man erst beizeiten, zuerst am fürstlichen Hof, später dann durch Adolph Freiherr von Knigges Benimmbuch und meine Generation auch noch in der Tanzstunde.

War das alles für die Katz? Gewiss, wir leben nicht mehr im Mittelalter, essen mit Messer und Gabel, geben dem Friseur ein Trinkgeld, stellen uns an der Kasse in die Schlange und beenden eine Email oder einen Brief nicht ohne „freundliche“ oder „herzliche Grüße“ hinzuzufügen. Und doch habe ich den Eindruck, dass es schon mal höflicher zuging unter uns und in der Gesellschaft. Beispiel Autoverkehr: Wenn ich mit meinem Wagen unterwegs bin, erlebe ich es kaum noch, dass ein Autofahrer mal auf seinen Vorteil verzichtet. „Defensiv fahren“, sagte damals mein Fahrlehrer. Dann passiert auch weniger. Und jetzt: Auf unseren Straßen scheint nur noch das Recht des Stärkeren zu regieren. Da wird gerast, gedrängelt, lichtgehupt, genötigt, geschnitten, die Vorfahrt genommen und wie selbstverständlich über die rote Ampel gefahren. Statt Fairness machen sich Ignoranz und Rücksichtslosigkeit breit. Vernunft weicht Rechthaberei.

Sprecherin: Lass dir von deinem eigenen Gefühl sagen, was der andere empfindet, und überleg dir genau, was du tust!

Musik 4 = Musik 2

Autor:
Mir scheint, der Gemeinschaftssinn ist weitgehend im Schwinden begriffen und die Orientierung allein am eigenen Vorteil ist im Vormarsch. Nicht zufällig sprechen Soziologen schon von einer „Generation Rücksichtslos“ ( 1 ) und stellen fest, dass die Deutschen stärker als früher zu ihren Mitmenschen auf Distanz gehen, weniger gesellig sind und sich weniger um andere Menschen kümmern. Jede Talkshow im Fernsehen, jedes Reality-Show-Format im Kommerz-TV kann dafür den Beweis antreten. Ob „Sommerhaus“, „Großer Bruder“ oder „Liebesinsel“ (englische Originaltitel verdeutscht): Jegliche Höflichkeitsregeln sind hier außer Kraft gesetzt. Es wird gestritten, bis die Fetzen fliegen, und wer am heftigsten um sich schlägt, gewinnt beim Voting des Publikums.

Ist Höflichkeit also unmodern geworden? Oder anders: Ist sie unzeitgemäß? Sie hat es jedenfalls als Tugend schwer. Wir nehmen sie nicht so richtig ernst. Klugheit, Mut, innere Stärke, Zielstrebigkeit ? das sind eher Tugenden, die hoch im Kurs stehen. Aber Höflichkeit? Vielen gilt höfliches Verhalten als gestrig, überholt, unnatürlich. Höfliches Verhalten wird allenfalls für gut befunden, wenn man jemanden für sich gewinnen möchte. Hat ansonsten den Beigeschmack von Heuchelei und Verlogenheit. Höflichkeit als Trick. Sie gerät schnell unter Verdacht, dass man sich mit ihrer Hilfe bei jemandem 'einschleimen' will.

Sprecherin: Lass dir von deinem eigenen Gefühl sagen, was der andere empfindet, und überleg dir genau, was du tust!

Autor: Man kann Höflichkeit auch anders sehen. Jemandem beim Einsteigen helfen, eine Tür für einen anderen öffnen, grüßen, womöglich stehenbleiben und ein paar freundliche Worte reden, beim Essen warten, bis alle etwas haben – alles kleine Gesten und Zeichen, die signalisieren: Ich nehme mir Zeit. Ich lasse mich auch einmal aufhalten, ich laufe nicht wie eine Dampfwalze durch die Welt.

Höflichkeit ist eine Haltung des Herzens. Höflichkeit ist eine Form der Aufmerksamkeit füreinander – und zwar unabhängig davon, ob mir jemand sympathisch ist.

Höflichkeit bewahrt mich davor, meine kleinen Boshaftigkeiten ungehemmt auszuleben; sie ist meine Beißhemmung; sie lässt mich runterzählen – zehn, neun, acht… - da, wo ich ansonsten in die Luft gehen würde wie einst das Männchen aus der Zigarettenwerbung.

Und sie deeskaliert, wo angespannte Verhältnisse herrschen, kann sogar Konfliktsituationen entschärfen. Und: höfliches Verhalten reguliert meinen Drang zu restloser Aufrichtigkeit. Denn die kann äußerst kränkend und verletzend sein.

Sprecherin: Lass dir von deinem eigenen Gefühl sagen, was der andere empfindet, und überleg dir genau, was du tust!

Musik 5 = Musik 2

Autor: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst, lese ich in der Bibel (3. Mose 19,18; Matthäus 19,19). Höflichkeit ist mein Trainingsprogramm, meine Vorübung auf dem Weg zur Nächstenliebe. Das heißt nicht nur „Seid nett zueinander“. Das geht tiefer. Das fängt bei mir an. Wie ich mit mir selbst umgehe. Wie ich meine Grenzen erforsche, meine Bedürfnisse. Und wie ich mich dann in andere einfühlen kann. Ihnen respektvoll begegne. Mit ihnen verhandeln kann, wenn wir unterschiedliche Bedürfnisse haben. „Seid nett zueinander“ – das wäre zumindest ein Anfang, wenn ich „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ einüben will. In einer Zeit, in der viele zum „Tanz um’s goldene Ich“ angetreten sind, in der Forscher das „Zeitalter des Narzissmus oder das Zeitalter der Grandiosität “ (2) gekommen sehen und die Selbstinszenierung per Youtube, Instagram und Facebook als höchster Lebenswert proklamiert wird, da brauchen wir eine neue Kultur der Aufmerksamkeit füreinander. Gewiss, ein Leben, das sich an christlichen Werten misst, ist mehr als Höflichkeit, aber die Höflichkeit ist doch die Schwester von Freundlichkeit und Nächstenliebe. Sie geht mit ihnen durch die Welt und kann Menschen berühren und stützen. Sie macht alles erträglicher, weil sie ein gutes Wort findet, die Wahrheit freundlicher gestaltet und den Humor im Proviant hat. Und sie verleiht dem anderen Menschen Bedeutung, und sei es auch nur in kleiner Münze…

Sprecherin: Lass dir von deinem eigenen Gefühl sagen, was der andere empfindet, und überleg dir genau, was du tust!

Autor: Eine Begegnung der höflichen Art wünsche ich Ihnen am heutigen Sonntag, Ihr Michael Opitz von der evangelischen Kirche in Düsseldorf.

Musik 6: Track 02 ”Just being me” von CD: Just Being Me, Interpret: Myles Sanko; Komponist: Myles Sanko; Légère Recordings, Hamburg 2016; LC-Nr.: 14924.

( 1 ) https://www.deutschlandfunkkultur.de/jugendstudie-generation-ruecksichtslos.1008.de.html?dram:article_id=452230 (letzter Abruf 22.09.2019)

( 2 ) https://www.deutschlandfunkkultur.de/kollektiv-gestoert-sind-wir-alle-narzissten.976.de.html?dram:article_id=432961m (letzter Abruf 22.09.2019)

 

Redaktion: Landespfarrerin Petra Schulze

 

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