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Choralandacht | 29.08.2020 | 07:50 Uhr

„In dir ist Freude“ (eg 398)

Musik 1: In dir ist Freude, Interpret: Olivier Latry, Komponist: Johann Sebastian Bach, CD: Bach to the future, Track 7, Label: La Dolce Volta, LC-Nr. 55458 Best.Nr. 8984217.

0:00 - 0:36  L 0:36


Autorin: Am 15. April 2019, am Montag der Karwoche brannte in Paris die Kathedrale Notre Dame. Die letzte CD-Aufnahme auf der großen Orgel von Notre Dame ist der Choral ‚In dir ist Freude‘ in der Bearbeitung von Johann Sebastian Bach. Der Titularorganist Olivier Latry hat die CD im Januar eingespielt und ihr den Titel gegeben: ‚Bach to the future‘ – Bach für die Zukunft. Hoffnung drückt sich aus in diesem Titel. Die Orgel ist bei dem Brand nicht zerstört worden, aber sie wird für viele Jahre schweigen müssen. Im Angesicht der Katastrophe beschreibt Olivier Latry sein Gefühl als Tröstung, französisch Consolation:


O-Ton Olivier Latry 1: Das ist ein bisschen wie wenn jemand ist gestorben, es gibt zwei verschiedene Beweg: Sie haben genug Zeit mit diesem Mann, diese Frau gehabt, und das ist ein bisschen wie ein Consolation oder sie haben nicht genug Zeit gehabt, sie haben nicht genug zusammen verschiedene Sachen gelebt, und dann ist es sehr traurig und dramatisch, aber mit Notre Dame habe ich so viel gemacht, so das ist eine gute Consolation.


Musik 2: Track 17: In dir ist Freude, Komposition: Gastoldi, Giovanni Giacomo; Text: Schneegaß, Cyriakus; CD: Lob, Ehr und Preis sei Gott. Die schönsten deutschen Kirchenlieder, Interpret: Vocal Concert Dresden; Leitung: Peter Kopp; Label: BERLIN Classics; LC: 06203.

1:21 - 1:37  L 0:16


In dir ist Freude in allem Leide, o du süßer Jesu Christ!

Durch dich wir haben himmlische Gaben, du der wahre Heiland bist.


Autorin: In dir ist Freude in allem Leide – was für eine Spannung! Mir geht es nämlich so: Wenn ich in Leid und Elend sitze, dann bin ich untröstlich, und auch die Erinnerung an gute Zeiten hilft mir nicht wirklich weiter.

Voller Spannungen ist dieses Lied: die Melodie, ursprünglich ein weltliches italienisches Tanzlied von Giovanni Giacomo Gastoldi. Ob man mit „einem lockeren Trällerliedchen“(1) den Glauben verharmlost, wie manche behaupten? Verliert ein elegantes italienisches Musikstück seine musikalische Qualität, wenn man einen schwerfälligen Choral daraus macht? (1)

Die Bearbeitung dieses Liedes von Johann Sebastian Bach auf einer Orgel, die gebaut wurde für Notre Dame , ist das nicht meilenweit entfernt von dem, wofür Bach komponiert hat? Diese urprotestantische Musik, gespielt in dieser geschichtsträchtigen Kathedrale des Katholizismus? ‚Kein Problem‘ meint Olivier Latry und nennt seine CD-Einspielung ‚Bach to the Future‘ Das ist jedenfalls meine große Hoffnung, dass sich in Gott am Ende alle Spannungen auflösen werden. Auch das Leid.

Spannungen kommen in meinem Leben häufiger vor, und ich empfinde sie nicht immer als problematisch, sondern sie können mir auch neue Energie geben und mich nach vorne bringen. Auch wenn ich von tiefem Leid befallen bin, habe ich ja nicht nur meine Erinnerung an vergangene gute Zeiten, sondern auch meine Hoffnung. Und die ist für mich „himmlische Gabe“, Geschenk Gottes, allemal des tiefen Dankes und des Lobens wert:


Musik 2: Choral, Strophe 1

3:03 - 3:45  L 0:42


Sprecherin (overvoice):

In dir ist Freude in allem Leide, o du süßer Jesu Christ!

Durch dich wir haben himmlische Gaben, du der wahre Heiland bist.

Hilfest von Schanden, rettest von Banden.

Wer dir vertrauet, hat wohl gebauet, wird ewig bleiben. Halleluja.

Zu deiner Güte, steht unser G’müte,

an dir wir kleben im Tod und Leben,

nichts kann uns scheiden. Halleluja.


Autorin: An dir wir kleben in Tod und Leben. – So besingt der Choral die Bindung an Jesus Christus: Eine intensive, innigliche und langandauernd tragfähige Beziehung. Und noch mit demselben Atemzug singe ich: „Nichts kann uns scheiden, Halleluja“.

Als Cyriakus Schneegraß diese Zeilen schreibt, Ende des 16. Jahrhunderts, ist das Leben alles andere als normal. Die Lebenserwartung ist generell gering, und auch die Pest wütet mal wieder in Europa. (1) Krankheit und Tod gehören zum Alltag.

Alles andere als normal ist das Leben auch für uns in diesem Jahr, weil ein unbekanntes Virus um die Welt geht. Gleichzeitig sind viele um Normalität bemüht, und manche von uns sind dabei auch ganz erfolgreich. Aber anstrengend bleibt das Leben, und mit der Pandemie umzugehen, ist für die meisten nicht leicht. Wer hat schon gern jeden Tag vor Augen, dass das eigene Leben verletzlich und endlich ist? ‚Ars Moriendi‘ war damals der Fachbegriff für dieses bewusste Leben mit dem Blick auf den Tod. Es ist tatsächlich eine Kunst. ‚Vorsorglich trauern‘ nennen wir es unter Seelsorgerinnen und Seelsorgern. Sich bewusst damit auseinanderzusetzen, dass das eigene Leben endet, aber auch zu fragen: Worauf darf ich hoffen. All das schwingt hier mit. Johann Sebastian Bach hat in all seinen Kompositionen seine Hoffnung wunderbar zum Ausdruck gebracht. Seine Hoffnung auf Gott, auch in tiefstem Leid. In seiner Choralbearbeitung sind die Melodienoten doppelt so lang wie im ursprünglichen Choral. So wirkt die Melodie getragen und schwergewichtig. Und die Freude umspielt in hellen und heiteren Achtelnoten die langen Töne. (2)


Musik 1: In dir ist Freude

5:26 - 5:45  L 0:18

Autorin: Jesus Christus, wahrer Mensch und wahrer Gott. Daran glaube ich. Daran halte ich mich fest. Er hat gelitten am Kreuz und kennt Schmerz und Tod. Und wenn ich leide, versteht er mich, dieser Mensch Jesus. Jesus Christus ist eins mit Gott. Und Gott gibt neues Leben. Das ist Auferstehung. Wenn ich sterbe, dann will ich mich daran festhalten und darauf hoffen, dass es mir dann genauso gehen mag wie damals Jesus Christus.


Musik 2: In dir ist Freude

6:12 - 6:28  L 0:16


Sprecherin (overvoice):

Wenn wir dich haben, kann uns nicht schaden

Teufel, Welt, Sünd oder Tod;

Du hast’s in Händen, kannst alles wenden,

wie nur heißen mag die Not.


Autorin: Ja, Not wendet sich. Leid wird kleiner mit der Zeit. Mit Gottes Hilfe gelingt es schon jetzt und auch bei mir: ich spüre neues Leben, eine neue Lebendigkeit entwickelt sich. Und ein anderes Mal: Ich mache etwas, und es gelingt. Ich mache etwas um der Menschen willen, strenge mich dafür auch an, und plötzlich frage ich mich: War hier vielleicht Gott am Werk eher als ich selbst? Olivier Latry, Titularorganist von Notre Dame in Paris hat es so ausgedrückt:


O-Ton Latry 2:

Das ist nicht mich, ich bin nur an der Mitte zwischen die Zuhörer und etwas anders, ich bin wirklich nur (…) meine Finger bewegen, aber (…) ich spiele nicht selbst, das ist eine sehr, ja komische Fühlung.


Autorin: Ich finde es manchmal schwer, von meinem Glauben zu reden, werde aber immer wieder danach gefragt. Und ich will dazu ja auch Rede und Antwort stehen, ist ja außerdem mein Beruf. Das ist eine Spannung in meinem Leben, aber eine positive. Denn sie setzt ein Suchen in mir frei. Immer wieder suche ich nach Erklärungen, Denkmöglichkeiten oder einleuchtenden Geschichten, die ausdrücken, was eigentlich unsagbar ist. Aber ich will es ja gerne sagen, aus meinem Gefühl heraus, denn ich bin Gott ja sehr dankbar für meinen Glauben.


Musik 2: In dir ist Freude

7:42 - 8:08  L 0:26


Sprecherin (overvoice):

Drum wir dich ehren, dein Lob vermehren

mit hellem Schalle freuen uns alle zu dieser Stunde. Halleluja

Wir jubilieren und triumphieren, lieben und loben dein Macht dort droben

mit Herz und Munde, Halleluja


Autorin: Die Musik ist die himmlische Gabe, die mich schon durch mein ganzes Leben begleitet: ob beim Hören oder beim eigenen Singen: Musik tut mir gut. Musik zieht mich heraus aus meinen eigenen Gedanken, aus meinen eigenen Stimmungen. Oft nimmt sie mich mit woanders hin.

Der Anblick der Kathedrale Notre Dame in Paris ist im Moment ein ganz trostloser. Aber die letzte CD-Aufnahme von der großen Orgel in Notre Dame, die Orgelmeditation von Bach über ‚In dir ist Freude in allem Leide‘, die lässt mich hoffen.


Musik 1: In dir ist Freude

8:33 - 9:21  L 0:48


Autorin (overvoice): Musik bringt mich heraus aus meiner eigenen Trostlosigkeit und nimmt mich mit in eine Dimension, über die ich selber nicht verfügen kann. Da klingt dann etwas an von der Ewigkeit Gottes, da klingt etwas nach in mir, das diese Musik ausgelöst hat. Die Musik verleiht meinem Glauben und meiner Hoffnung die Flügel, die sie brauchen, um leben zu können.



Redaktion: Landespfarrer Dr. Titus Reinmuth




1 vgl. Marti, Andreas, In dir ist Freude, in: Herbst, Wolfgang, Seibt, Ilsabe, Liederkunde zum Evangelischen Gesangbuch, Heft 15, Göttingen, Vandenhoeck und Ruprecht 2009, S. 48-53.


2 Herzlichen Dank an José Henriques, Kirchenmusiker der Evangelischen Kirchengemeinde an Dhünn Wupper und Rhein.




O-Ton 1

https://www1.wdr.de/mediathek/audio/wdr3/wdr3-tonart/audio-der-organist-olivier-latry-100.html abgerufen am 15.06.2020


O-Ton 2

https://www.br-klassik.de/video/notre-dame-paris-orgel-latry-100.html abgerufen am 15.06.2020

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