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Das Geistliche Wort | 30.06.2019 | 08:40 Uhr

Vielfalt leben

Autorin: „Wer nach allen Seiten offen ist, kann nicht ganz dicht sein.“ So steht es auf einer Postkarte, die in meinem Büro hängt. Fand ich ganz witzig. Die Frage, die dahinter steht, ist aber ernst, und sie betrifft uns alle: Wie offen will ich sein? Wo ist die Grenze? Wie gehe ich mit Vielfalt in unserer Gesellschaft um? Wo bereichert sie und wo macht sie mir Angst? Wo wünsche ich mir Einheitlichkeit? Einheitlichkeit schafft Sicherheit und Nähe. Das beruhigt mich. Veränderung dagegen braucht Vielfalt, braucht das Fremde und Neue. Eine Gesellschaft, die sich weiterentwickelt, braucht das Andere, das Fremde, als Ressource. Nur so kann Neues entstehen.

Die einen begrüßen die Vielfalt. Wie etwa die Evangelische Jugend von Westfalen mit ihrem Slogan „Wir können bunt!“. Hier engagieren sich Jugendliche in der interreligiösen Begegnung und in der Arbeit mit Geflüchteten. Bei anderen wird der Ruf nach Einheit und Leitkultur laut. Schnell werden daraus Parolen. Das Thema spaltet die Gesellschaft.

Am Thema Sprache entzündet sich vieles. Sprache steht für gegenseitiges Verstehen, sich untereinander zu verständigen. Zumindest, wenn man dieselbe Sprache spricht. Solange man spricht, schweigen die Waffen. 

Musik: Avril 14th, CD: Drukqs, Track: 9, Musik: James, Richard Davis, Label: WARP (02070), EAN: 5021603092129, WDR-Archiv: 6673694109.1.01 

Autorin: Schon in der Bibel gibt es Geschichten von Sprachbarrieren. Allen voran die Erzählung vom Turmbau zu Babel.

Im ersten Buch der Bibel findet sich diese Geschichte. Dort heißt es:

Sprecher: Damals, zu uralten Zeiten, sind die Menschen in einer Stadt namens Babel hochmütig geworden. Sie bauen einen Turm, der bis in den Himmel reichen soll. Damit wollen sie sich einen Namen machen und bekannt werden. Als Gott das sieht, wird er zornig und zerschlägt den Turm. Damit die Menschen nicht gleich anfangen den Turm wiederaufzubauen, verwirrt Gott die Sprache der Menschen. Gott sorgt dafür, dass jeder eine andere Sprache spricht und keiner mehr den anderen versteht. 

Autorin: Als Gegenstück dazu wird die Geschichte vom Pfingstwunder erzählt. Sie steht im Neuen Testament, im zweiten Teil der Bibel:

Sprecher: Noch keine 50 Tage ist es her, dass Jesus am Kreuz hingerichtet worden ist. Als Aufrührer und politischer Gegner ist Jesus gekreuzigt worden. Seine Anhänger, die Jünger, die mit ihm durchs Land gezogen sind, sind total verängstigt. Jetzt könnte die Rache und die Furcht des König Herodes leicht sie treffen. Noch am gleichen Tag fliehen sie.

Später aber sind sie zurückgekommen nach Jerusalem – zum Ort des Geschehens. Mehrfach haben sie erlebt, dass Jesus auch nach seinem Tod mitten unter ihnen ist: Beim Fischen am See Genezareth, auf dem Weg nach Emmaus, beim Brotbrechen. Schließlich ist er vor ihren Augen verschwunden, und sie sind überzeugt, er ist in den Himmel gefahren. Dorthin, wo er bei seinem Vater zuhause ist und wo seine Kraft und Überzeugungen ihren Platz haben. Von da an ist den Anhängern Jesu klar: Das ist jetzt unser Auftrag, unsere Mission, das weiterzuerzählen, was wir mit Jesus erfahren haben. Wenn nur diese Angst nicht wäre! Sie haben sich gemeinsam versteckt, als plötzlich ein Brausen im Haus ist. Sie spüren, wie Gottes Geist sie ergreift. Von da an ist alles anders. Die Jünger fassen neuen Mut und gehen raus auf die Plätze in Jerusalem. Die sind voll mit Menschen aller Völker, die gekommen sind, um den Beginn der Weizenernte zu feiern. Die Jünger erzählen von Jesus, wie er gestorben ist und wie er gelebt hat. Von seinen Wundern und den großen Taten Gottes. Und alle Menschen können sie verstehen.  

Autorin: Später haben Theologen gesagt, dass mit diesem Sprachwunder an Pfingsten die Strafe für den Turmbau zu Babel aufgehoben ist. Erst das Pfingstwunder macht ein völkerübergreifendes Christentum möglich. Das ist sozusagen der Geburtstag der Kirche. 

Musik: Il est cinq heures, Paris s'éveille, CD: Joyeux anniversaire M'sieur Dutronc, Musik/Text: Dutronc, Jacques, Lanzmann, Jacques,          Ségalen, Anne, Interpret: ZAZ, Label: SONY (06667), EAN: 888750738028, WDR-Archiv: 6999868176.1.01

Autorin: So oft habe ich diese Geschichten schon gehört, dass sie mir irgendwie vertraut sind. Und doch: Es hakt auch. Dieser Gott, der eifersüchtig darüber wacht, dass die Bäume ja nicht zu hoch in den Himmel wachsen. Und der die Menschen bestraft, wenn sie zu übermutig werden. Irgendwie passt dieser Gott so gar nicht zu dem liebenden und mitfühlenden Gott, von dem Jesus erzählt. Lassen Sie uns noch einmal genauer hinhören: Gottes Geist schafft nicht Einheitlichkeit und eine Sprache, nicht dieselbe Sprache für alle. Sondern er schafft Verstehen! Er ermutigt und inspiriert die Anhänger Jesu, öffentlich von dem zu reden, was sie bewegt und ihnen auf dem Herzen liegt. Der Geist Gottes überwindet nicht die Vielfalt, sondern die Angst und die Abschottung. So hören die Menschen, die aus den unterschiedlichen Ländern zum Fest nach Jerusalem gekommen sind, die Jünger jeweils in ihrer eigenen Sprache reden – eigentlich eher ein Hörwunder als ein Sprachwunder. Die Menschen reden nach wie vor in unterschiedlichen Sprachen, aber plötzlich verstehen sie einander. Das war so ungewöhnlich, dass Außenstehende mutmaßen, sie seien betrunken, wie es in der Bibel heißt.

Mit diesem neu geschärften Blick möchte ich noch mal auf die Erzählung vom Turmbau zu Babel schauen. Ich möchte ergründen, ob ich sie auch anders lesen kann – so, dass ich sie als Erzählung von dem liebenden Gott Jesu Christi hören kann. Dabei habe ich mich von Jakob Fehr, einem mennonitischen Pastor und seiner Auslegung der Geschichte (1) leiten lassen. 

Musik: Days of fire, CD: London undersound, Musik/Text: Sawhney, Nitin, Label: Cooking Vinyl (07180), Verlag: Imagem, Bestellnummer: 941102, EAN: 0711297680324, WDR-Archiv: 7057182101.1.01 

Autorin: Wenn ich die Geschichte vom Turmbau zu Babel im biblischen Zusammenhang lese, dann schließt sie an die Erzählung von der Sintflut und der Arche Noah an. Wir befinden uns in der so genannten Urgeschichte. Hier finden sich frühe Mythen und Erzählungen vor dem Beginn der historischen Zeit. Von der Schöpfung und von Adam und Eva wird dort erzählt und von der Sintflut. Als die Fluten die ganze Erde bedecken, rettet Noah sich und seine Söhne und die Vielfalt der Tiere auf seine Arche. Am Ende wird er von Gott gesegnet. Der Segen zeigt sich in der Fruchtbarkeit: Noahs Söhne haben viele Kinder und die werden zu ganzen Völkern und die verteilen sich wieder über das Land, das seit der Sintflut leer ist. Die kulturelle Vielfalt dieser Völker ist ein Zeichen der wiederhergestellten Schöpfung nach der Katastrophe der Sintflut. 

Und dann beginnt die Geschichte vom Turmbau zu Babel. Jetzt, wo alles so unübersichtlich ist, fangen Menschen an, sich Sorgen zu machen. Sie fürchten, zerstreut zu werden – die Einheit des Stammes, die Sicherheit gibt, scheint in Gefahr. Die Unsicherheit und die Angst sind der Motor, dass sie anfangen eine Stadt zu bauen mit schützenden Mauern. Von Hochmut ist in der biblischen Geschichte keine Rede. Aus Furcht, Kultur, Identität und Sprache zu verlieren, richtet Babel eine zentrale Machtstruktur ein. Eine Stadtkultur muss her, von Mauern geschützt. Und ein Turm, der eindrücklich bis in den Himmel reicht, soll Symbol werden für diese einheitliche Kultur. Aber das, was sich für die einen wie Schutz anfühlt, schließt andere aus. Die, die außerhalb der Mauern sind. Die nicht zu dem Turm gehören. Die Stadt hat jetzt ein Drinnen und ein Draußen.

Und das ist jetzt der Moment, wo Gott eingreift. Er überwindet die Stadt und den Turm, er führt die Menschen weg von ihrer Idee, sich abzukapseln. Der Turm wird zerstört, die Menschen laufen auseinander – zerstreuen sich, steht in der Bibel. Immer, wenn die Bibel von Zerstreuung redet, spricht sie von Völkern, die sich vermehren und ausbreiten unter dem Segen Gottes, des Gottes, der das Leben liebt und die Vielfalt. Diese Vielfalt nutzen zu können in gegenseitigem Verstehen, das ist noch ein weiter Weg. Von den Irrungen und Wirrungen erzählen die biblischen Geschichten. Und Pfingsten erzählt dann vom Geist Gottes, der Menschen ermutigt und inspiriert, einander zu verstehen und sich friedlich auseinanderzusetzen über das, was Ihnen wichtig ist und was sie trägt und was sie glauben, was unverzichtbar ist und was es wert ist, als Norm und Richtschnur zu gelten. Er ermutigt die Anhänger Jesu, wieder vor die Tür zu gehen und anderen von dem zu erzählen, was Sie bewegt und was sie mit Jesus erlebt haben: von seinen Wundern und seinem Einsatz für Kranke und Außenseiter, von seiner radikalen Menschenfreundlichkeit. 

Musik: Days of fire, CD: London undersound, Musik/Text: Sawhney, Nitin, Label: Cooking Vinyl (07180), Verlag: Imagem, Bestellnummer: 941102, EAN: 0711297680324, WDR-Archiv: 7057182101.1.01 

Autorin: Vielfalt darf also auch nicht heißen, dass alles egal ist und alles erlaubt. Toleranz heißt nicht, dass ich für meine Werte nicht eintreten darf und soll. „Gleichgültig ist anderswo“ sagt die Arbeitsgemeinschaft der evangelischen Jugend Deutschlands. Verstehen heißt eben noch lange nicht: einverstanden sein. Verstehen kann bedeuten, sich auseinanderzusetzen, für das einzutreten, das mir wichtig ist, und die Grenzen dessen zu markieren, was mit mir möglich ist. Zu beschreiben, wo meine Toleranz endet. Denn „wer nach allen Seiten offen ist, kann nicht ganz dicht sein!“ Und da wird Vielfalt Arbeit. Das geht nicht, wenn ich mich raushalte. Das bedeutet, dass ich mich engagieren muss. Rausgehen aus den Schutzräumen unter den Gleichgesinnten, in die ich mich zurückgezogen habe. Gottes Geist ermutigt und inspiriert, rauszugehen aus den eigenen Gruppen und Milieus, den Mut zu haben, mit Andersdenkenden in Kontakt zu treten, und ihnen von dem zu erzählen, was mich trägt und begeistert, was meine Grundwerte sind. Kompromisse zu finden, wo es möglich ist, und im Diskurs zu verteidigen, was für mich unaufgebbar ist. Im Vertrauen auf den Gott, von dem ich in der Bibel lese: „Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.“ (Lutherbibel 2017, 2. Timotheus 1,7)   

Ich verabschiede mich von Ihnen. Pfarrerin Sabine Haupt-Scherer aus Bielefeld. 

Musik: The Call, CD: The chronicles of Narnia - Prince Caspian, Track: 13, Musik/Text/Interpret: Spektor, Regina, Label: Walt Disney Records (10025), Verlag: Wonderland Music, Bestellnummer: 2264610, EAN: 5099922646101, WDR-Archiv: 6828211113.1.01 

( 1 ) Fehr, J. Jakob: der Turmbau zu Babel oder: Gottes milde „Strafe“ (1.Mose 11,1-9). In: Weingardt, Markus A. (Hg.): Warum Schlägst du mich? Gewaltlose Konfliktbearbeitung in der Bibel. Impulse und Ermutigung. Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus 2015, S. 29-36.

 

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