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Das Geistliche Wort | 13.09.2020 | 08:40 Uhr

Kirchen - Orte für die Seele


Guten Morgen!

„Wie schön, die Kirche ist geöffnet!“ – höre ich die Frau sagen, die gerade in die Kirche kommt, wo ich als Seelsorgerin tätig bin, in Bochum-Wattenscheid, mitten im Ruhrgebiet. Die Kirche kann leider nicht immer geöffnet sein, nur mittwochs und samstags für einige Stunden. Dann aber treten hier immer wieder Leute ein. Manche sitzen einfach nur still in der Bank, andere gehen durch den Raum und schauen sich um, manche zünden in der kleinen Seitenkapelle eine Kerze an und bleiben eine Zeitlang dort stehen. – Manche Leute schreiben ein persönliches Anliegen auf ein Kärtchen und hängen es an ein besonderes Kreuz, das extra dafür da ist. Und manche sind einfach nur neugierig und wollen sehen, wie die Kirche innen aussieht. Eine Kirche ist für viele Menschen ein Ort, wo sie Gottes Nähe spüren oder einfach nur zur Ruhe kommen. Heute ist bundesweit der „Tag des offenen Denkmals“. Neben meiner Gemeinde in Bochum-Wattenscheid öffnen auch etliche andere Kirchengemeinden ihre Kirchen. Es ist eine Einladung, Kirchenräume kennenzulernen, nicht nur unter geschichtlichen oder architektonischen Gesichtspunkten, sondern auch als Orte, um die Seele baumeln zu lassen.

Kirchen sind für mich – egal ob Denkmal oder nicht – ganz besondere Bauwerke, gerade auch, weil sie Orte für die Seele sind. So stehe ich zum Beispiel staunend vor den großen, alten Kathedralen Europas, Ehrfurcht ergreift mich, wenn ich draußen vor ihnen stehe – und erst recht, wenn ich eintrete. Drinnen riecht es ganz besonders, so anders als sonst wo. Es kommt mir vor, als atme ich hier Geschichte und Geschichten von bewegten Zeiten, irgendwie etwas von Ewigkeit. Wie vielen Menschen mag dieser Raum in all den Jahrhunderten Ort der Zuflucht gewesen sein, in äußerer wie innerer Not? Kirchen haben Flüchtlingen Kirchenasyl bei Verfolgungen geboten oder auch Einhalt zum Nachdenken.

Der Blick durch den Innenraum einer gotischen Kathedrale ist für mich immer wieder atemberaubend: Die Wände sind so hoch, dass mir beim Hinaufschauen manchmal schwindelig wird. Als Betrachterin werde ich über mich selbst hinausgeführt. Oft sind nämlich die Deckengewölbe mit farbenprächtigen Malereien geschmückt – mit hunderten von Sternen oder auch einer fabelhaften Bilderwelt, die das Paradies darstellen soll. Diese Malereien sind nicht einfach nur Schmuck. Sie wollen auf eine Wirklichkeit aufmerksam machen, die über die irdisch erfahrbare Welt hinausgeht. Nach meinem Empfinden wird hier eine Sehnsucht des Menschen angesprochen: Das Leben soll für immer weitergehen, in der Fülle und auch in der Lebendigkeit und Vielfalt himmlischen, paradiesischen Friedens. Das entspricht auch meinem Glauben und meiner Hoffnung, dass es in diesem himmlischen Frieden auch ein Wiedersehen mit den Menschen gibt, die ich schon verloren habe.

Wenn ich dann noch sehe, wie sich das Sonnenlicht in den hohen langgezogenen Kirchenfenstern bricht und den ganzen Raum in ein mystisch wirkendes Farbspiel taucht, spüre ich förmlich, dass der Himmel nicht weit weg ist, sondern dass es den Himmel auf Erden auch hier und jetzt schon gibt! Um es anders zu sagen: Gott antwortet auf die Sehnsucht des Menschen nach dem Himmel mit der Zusage seines Schutzes und seines Segens auf der Erde. So hat sich der biblische Gott ja einst dem Volk Israel gegenüber offenbart: als „Jahwe“, das heißt als der ‚Ich-bin-da‘: Ich war gestern da für dich, ich bin es heute und ich werde auch morgen für dich da sein, immer!

Noch eine andere Beobachtung hängt mit den großen Kirchenfenstern zusammen: In gotischen Kathedralen sind Mauern und Wände aufgelöst. Selbst im Innern sind nur noch schlanke Pfeiler zu sehen. Das gibt dem Raum Großzügigkeit und Weite. Ich spüre die Offenheit und die Freiheit und gleichzeitig die bleibende Stabilität des Gesamtwerkes. Auch das ist wieder ein Bild – und beides wünsche ich mir auch für mein Leben und für meinen Glauben: Freiheit und Festigkeit. Diese gotischen Kathedralen haben immerhin Jahrhunderte überdauert! Sie stehen für den Halt und die Beständigkeit, die Gott dem Menschen gibt, und die der Mensch im Glauben annimmt – und damit für die Bewegung von Gott zum Menschen und vom Menschen zu Gott.

Ich frage mich immer wieder: Wie haben Menschen es damals nur geschafft, solche riesigen Kathedralen zu bauen, und das mit einfachen Arbeitsmitteln? Und was hat sie dazu motiviert? Die Arbeit war langwierig und gefährlich: Erfahrungen fehlten und oft genug sind bei zu gewagten Versuchen, in schwindelerregende Höhen zu bauen, Mauern und Gewölbe auch eingestürzt. Wie viele Menschen haben wohl ihr Leben dabei verloren? Und alleine die Vorstellung: Generationen von Dombaumeistern und Handwerkern mussten damit leben, „ihre“ Kathedrale zu Lebzeiten noch nicht fertig zu sehen. Trotzdem haben sie angefangen zu bauen und andere haben daran weitergebaut! Für mich hat das auch etwas für den Umgang mit Scheitern und Endlichkeit in meinem Leben zu tun: Auch wenn etwas in meinem Leben zusammengebrochen ist, das mir viel bedeutet hat, wenn ich nicht mehr weiter weiß und ein Ende nicht in Sicht ist, so fängt doch alles wieder mit dem ersten Stein an, den ich wieder aufhebe und auf einen anderen setze. Die alten Kathedralen und ihre Geschichte machen mir Mut, auch dann nicht aufzugeben, wenn die Enttäuschung am größten ist.

Kathedralen, Kirchen überhaupt sind für mich Orte für die Seele. Zu allen Zeiten haben Menschen ja heilige Stätten gebaut: Opferplätze, Tempel und nachweislich – seit dem 3. Jahrhundert – auch Kirchen, um darin Gottesdienst zu feiern. Jede Kirche erzählt ihre je eigene Geschichte, auch die jüngeren. Im Ruhrgebiet, wo ich lebe und arbeite, sind zum Beispiel um die Jahrhundertwende ins 20. Jahrhundert viele Kirchen wie Pilze aus dem Boden geschossen. Grund dafür waren die vielen Gastarbeiter, die hierherkamen, weil sie Arbeit in der Industrie, vor allem im Bergbau fanden. Sie suchten aber auch Wohnungen und ein Zuhause für die Seele. Daher der vermehrte Kirchenbau. Der vorherrschende Kunst- und Baustil jener Zeit war historistisch: Damals erinnerte man sich wieder an die markanten, altehrwürdigen Baustile des Mittelalters, die Romanik und besonders die Gotik, und baute nun mit neuen Mitteln und modernem Arbeitsgerät die alten Stile nach. So konnten große Kirchen in relativ kurzer Zeit errichtet werden. Heute, mehr als 100 Jahre später, erfüllen Kirchen immer noch die Funktion, Menschen einen Ort zu bieten, an dem sie zur Ruhe kommen können.

Jede Kirche ist ein einzigartiges Bauwerk und ein kostbares Denkmal, weil sie vom Leben und vom Glauben, von Menschen und von Gott erzählt. Allein deswegen ist jede Kirche erhaltenswert! Aber wie soll das gehen in Zeiten, wo die Gelder für die Unterhaltung knapper werden, wo die Zahl der Gläubigen immer weiter zurückgeht, wo vielerorts darüber nachgedacht wird, Kirchen zu schließen oder sogar abzureißen? Im Bistum Essen, wo ich tätig bin, hängen diese Fragen wie ein Damoklesschwert über vielen Kirchengemeinden. Viele Menschen werden mit ihrem Kirchgebäude auch ihre religiöse Heimat verlieren. Bei allen Fragen, wie mit Kirchengebäuden umzugehen ist, sollte im Blick bleiben: Kirchen sind immer noch etwas Besonderes, sogar für der Kirche fern stehende Menschen. Kirchen haben immer noch eine wichtige Funktion als Orte der Identifikation, der geistigen Orientierung, der Stille und auch der Zuflucht. Vielleicht könnten Kirchen neu belebt werden, wenn sie auch als einfache Treffpunkte für die Menschen genutzt würden. So war es auch schon in den frühchristlichen Hauskirchen. Man traf sich dort zu Gottesdiensten und auch zu Versammlungen, zum gemeinsamen Mahl und zu Debatten. Die ausschließliche Nutzung nur für religiöse Zwecke kam erst viel, viel später. Heute tut man sich besonders in der katholischen Kirche mit einer erweiterten Nutzung von Kirchengebäuden schwer. Aber ist denn die Würde des Kirchenraums nicht mehr gegeben, wenn der Raum über die gottesdienstliche Feier hinaus anders genutzt wird? Er bleibt doch, was er für viele Menschen ist: ein Ort der Stärkung für die Seele und der empfundenen Nähe zu Gott. Wenn Menschen auch zu kulturellen Veranstaltungen wie Konzerten und Lesungen, Ausstellungen und Performances oder auch zu Tagungen und Feierlichkeiten in eine Kirche kämen: Es wäre doch viel gewonnen. Der Kirchenraum selbst wirkt auch durch seine Symbolsprache, egal bei welchen Zusammenkünften!

Manche Kirchen werden im Ruhrgebiet schon seit längerer Zeit weitergenutzt, zum Beispiel als Kulturkirche oder als Bestattungsräume für Urnen, als Jugendkirche oder als Friedensorte für die Menschen unterschiedlicher Kulturkreise und Religionszugehörigkeiten oder als Zentren in besonderen sozialen Brennpunkten. Angesichts solcher Beispiele kann und muss die Um- und Weiternutzung von Kirchengebäuden eine gemeinsame Aufgabe von Kirche und Gesellschaft sein. Denn es geht doch darum, Menschen im umfassenden Sinne eine Heimat in ihrem Stadtteil zu bieten!

Wenn heute die Stiftung Denkmalschutz unter dem Motto „Chance Denkmal: Erinnern. Erhalten. Neu denken.“ zum Tag des offenen Denkmals einlädt, dann ermutigt sie dazu, auch Kirchen als schützenswert im Blick zu behalten und die Funktion von Kirchengebäuden neu und weiter zu denken. Vielleicht haben Sie ja Lust, das eine oder andere Denkmal heute zu besuchen – auch wenn es Corona bedingt nur digital möglich ist. Etliche Kirchen werden allerdings bestimmt offen stehen. Und ich bin mir sicher: Die Kirchen berühren Ihre Seele, wenn sie Ihnen vom Leben und vom Glauben erzählen!

Es grüßt Sie herzlich aus Bochum Ihre Anke Wolf.

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