Aktuelles

Beiträge auf wdr5 

katholisch

Das Geistliche Wort | 03.05.2020 | 08:40 Uhr

Liest Du auch, was Du verstehst? Die Bibel


Guten Morgen!

Seit Beginn der Corona-Krise hat sich das Leben fast aller Menschen verändert. Selbstverständliches ist nicht mehr möglich, wie Hände zu schütteln oder auch einfach in einer Gruppe zusammen zu sein. Für mich als katholischer Christ ist es auch schmerzlich, seit Wochen und gerade über Ostern nicht zur Kirche gehen zu können. Die gewohnte Form der Gottesdienste war plötzlich weg. Ich vermute, es wird manchen von Ihnen ähnlich ergehen. Allerdings haben Sie ja vielleicht an Ostern einmal selbst die Bibel aufgeschlagen und nachgelesen: die Passionsgeschichte, die Ostererzählungen. Ich selbst bin Bibelwissenschaftler, und auch wenn es zu meinem Beruf dazugehört, ist auch für mich die Bibel ein Buch, das mich zum Staunen bringt, wie Texte oft unerwartete Wendungen nehmen. Gerade an den Ostersonntagen, wenn es um Erzählungen von der Auferstehung geht oder vom Handeln der ersten Christen und Christinnen. Davon und vom Umgang mit der Bibel möchte ich Ihnen erzählen.

Zwar bin ich Bibelwissenschaftler, doch das heißt eigentlich nur: Auch ich bin „nur“ einer, der die biblischen Texte liest, mit ihnen arbeitet und über sie nachdenkt.

Dabei hilft mir Folgendes: Ich nehme mir beim Bibellesen einen Bleistift zur Hand und mache mir Randbemerkungen an den Text. Ich setze ein Ausrufezeichen, wo mir etwas wichtig erscheint, mache ein Fragezeichen, wo ich etwas nicht verstanden habe oder eine Information einholen muss. Und wenn ich meine, über diesen Satz muss man einmal diskutieren, dann zeichne ich auch einen Blitz an den Textrand.

Bibellesen ist für mich immer eine Begegnung zwischen zwei Beteiligten: Text und Leser bzw. Leserin. Dabei werden nicht einfach Informationen hochgeladen, sondern ich mache ich beim Lesen meine eigenen Gedanken – zumindest wenn ich den Text ernst nehme.

Nicht selten erfahre ich: Die Bibel will mich im Glauben bestärken, oft auch auch wach machen und manchmal irritieren, so dass ich mich auf Neues einlassen muss. Die Texte der Bibel „erwarten“ geradezu eine aktive Auseinandersetzung mit ihnen. Und genau dieser Umgang mit der Bibel hat für mich etwas mit Gott zu tun: So will er mir nahekommen: mit mir als denkendem, empfindungsfähigem, widersprechendem, überraschungsfähigem Menschen in Kontakt treten. Und mich herausfordern.

Eine der überraschendsten Bibelstellen in der Osterzeit sind für mich die Begegnungen der Osterzeugen am Grab Jesu. Sie sind nicht einfach froh und glücklich, dass Jesus nun von den Toten aufweckt wurde. Vielmehr sind sie zutiefst erschüttert. Bei Matthäus heißt es von den beiden Frauen am Ostermorgen „sie gingen vom Grabmal weg mit Furcht und großer Freude“ (Mt 28,8). In diesem kurzen Satz ist für mich alles enthalten, worum es auch beim Bibellesen geht: Erschütterung und Freude. Es kommt anders, als erwartet! Die Frauen waren aus Trauer und Liebe an das Grab gekommen, um einen Toten zu ehren. Die Botschaft „er ist auferstanden“, trifft sie unvorbereitet. Plötzlich wurde ihr ganzes Leben verändert, sie haben nicht nur etwas Neues erfahren, sondern einen Auftrag bekommen. Sie werden zu Zeuginnen und zu Botinnen des Evangeliums. Was das alles heißen wird, können sie noch gar nicht abschätzen. Sie verlassen das Grab völlig erschüttert und machen sich auf den Weg ins Offene, Unbekannte. „Erschütterungsfähigkeit“ gehört dazu!

Wenn es gut geht, kann der Kontakt mit dem Wort Gottes beim Bibellesen etwas Ähnliches bewirken: dass nicht einfach Informationen gegeben werden, die ich verstehen muss, sondern dass in mir etwas angerührt wird, was die Fragen meines eigenen Lebens betrifft. Dass das auch empfindliche Punkte sein können, gehört wohl dazu. Und dass mir nicht alles davon bequem ist. Und dass ich nicht immer die Tragweite dessen erkennen kann, was mir da gesagt ist. Wenn ich mir die Frauen am Grab als Vorbild nehme: Im muss auch versuchen, eine eigene Sprache zu finden für das, was mich lebendig macht.

Bibel lesen, kann zu Überraschungen führen – wenn man offen dafür ist! Dem Theologen Karl Barth wird folgendes Wort zugeschrieben:

„Wir werden in der Bibel gerade so viel finden, als wir suchen: Großes und Göttliches, wenn wir Großes und Göttliches suchen; Nichtiges und ‚Historisches‘, wenn wir Nichtiges und ‚Historisches‘ suchen; überhaupt nichts, wenn wir überhaupt nichts suchen.“

Grundsätzlich servieren mir die Texte der Bibel keine fertigen Wahrheiten, sondern regen mich an zu eigenem Nachdenken. Die Texte der Bibel sind – eigentlich fast immer! – doppelbödiger, als es auf den ersten Blick den Anschein hat. Man muss nur danach Ausschau halten.

Dazu gibt es eine berühmte Geschichte aus dem Neuen Testament, die mich immer wieder fasziniert: Philippus, einer der nachösterlichen Jünger Jesu, ist auf Missionsreise unterwegs und trifft auf der Straße einen Äthiopier. Obwohl dieser kein Jude ist, liest er halblaut für sich in der Bibel: Altes Testament, Jesaja.

„Verstehst du auch, was du liest?“, fragt Philippus, der neben dem offenen Wagen hergeht, und der Äthiopier antwortet (Apg 8,30f.): „Wie könnte ich, wenn mir niemand den Weg zeigt?“ Daraufhin steigt Philippus zu ihm in den Wagen und legt ihm den Bibeltext aus. Irgendwann lässt der Äthiopier den Wagen anhalten. „Hier ist ein Fluss, taufe mich“. Gesagt, getan. Das ist aber noch nicht das ganze Ende. Nach der Taufe wird Philippus sofort vom Geist entrückt und findet sich ganz woanders wieder, weit entfernt. Und der Äthiopier setzt seinen Weg allein fort, gar nicht verdutzt, sondern voller Freude.

Diese Erzählung ist so einprägsam, und ihre Botschaft scheint auf den ersten Blick ganz klar zu sein. Der eine liest zwar, aber erst der Fachmann kennt sich aus. Wer Bescheid weiß, hier Philippus, erklärt es dem, der nichts weiß. Die Rollenverteilung scheint eindeutig. Schaut man allerdings genauer hin, dann ist es doch nicht so einfach und hat wieder etwas mit der Art zu tun, wie ich heute die Bibel lesen und verstehen kann. Da ist jemand, der sich mühsam durch einen Bibeltext Wort für Wort murmelnd hindurcharbeitet. Und neben ihm geht ein anderer, der den gelesenen Worten zuhört und darüber ein Gespräch anfängt. Philippus ist zwar in der Rolle des Erklärers, aber auch er muss ein Hörer sein, und zwar ein doppelter: er hört den Fragen und den Worten der Schrift zu, die der Äthiopier zitiert. Und lange davor hat auch er den Worten der Schrift gelauscht. Wir wissen nicht, wie lange Philippus gebraucht hat, bis er verstanden hatte, was Jesus mit seinem eigenen Leben zu tun hatte, bis er seine eigenen Erfahrungen mit den Texten der Bibel zusammenbringen konnte – und bis er schließlich sogar vor anderen darüber reden konnte. Auch Philippus war zunächst ein Hörender und ein Lernender, bevor er zum Lehrer wurde. Das Hören geht dem Sprechen voraus. Und es verändert den Menschen.

Am Ende haben beide unterwegs gelernt: Dem Äthiopier wurde sein sehnlichster Wunsch erfüllt, die Schrift hat in sein Leben hinein gesprochen und ihm eine neue Richtung geben, so dass er sich taufen ließ. Und sicher hat auch Philippus gelernt: Seinem vermeintlichen Schüler hat sich die Schrift womöglich schneller erschlossen als ihm selbst zuvor. Und wenn der Geist ihn am Ende an einen neuen Ort entrückt hat, verstehe ich das so: Er war nur auf Zeit für den Äthiopier verantwortlich und kann ihn jetzt seiner eigenen Wege ziehen lassen.

Am Ende haben Philippus und der Äthiopier, beide, miteinander und aneinander gelernt – und die Bibel als „Gesprächspartner“ mitten dabei.

„Verstehst du auch, was du da liest?“ – Das war die Frage des Philippus an den Äthiopier, die eine Reise eröffnet hat, die Bibel zu verstehen. Für heute Morgen habe ich mir erlaubt, diese Frage einmal umzudrehen: Liest du (auch), was du verstehst? Das ist mir wichtig: Ich muss mit dem Lesen anfangen, nicht mit dem Verstehen. Ich muss bereit sein, für neues Verstehen, über meine bisherigen Vorstellungen und Erwartungen hinaus. Lesen – und gerade auch Bibellesen – muss offen bleiben für Unerwartetes! Meine Erfahrung als Bibelwissenschaftler ist: Die Bibeltexte sind eigentlich nie so glatt, wie sie auf den ersten Eindruck scheinen. Sie sind immer noch für eine neue Überraschung gut – auch wenn ich die Texte schon oft gelesen und gehört habe.

Es lohnt sich die Bibel zu lesen. Und ich verspreche Ihnen: Es warten Überraschungen auf Sie!

Aus Dortmund grüßt Sie Egbert Ballhorn

 



evangelisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
katholisch
Abspielen (Kirche im WDR)
evangelisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen