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Das Geistliche Wort | 23.08.2020 | 08:40 Uhr

Neues schaffen

Musik 1: „Heut‘ liegt was in der Luft“

Titel: Es liegt was in der Luft (Aus "Fräulein vom Amt"); Interpreten: Bully Buhlan & Michael Jary; Album: Das machen nur die Beine von Dolores – Evergreens und Chansons von Michael Jary, Vol. 2 (Recorded 1946–1957), Track 20; Komposition: Michael Jary; Label: ? 2013 Jube Classic, LC: unbekannt.

 

Heut‘ liegt was in der Luft, in der Luft, in der Luft.
Heut‘ liegt was in der Luft, in der Luft, in der Luft.
Heut‘ liegt was in der Luft, in der Luft, in der Luft.

 

Autorin (overvoice): Knackige Paprika und rote Tomaten duften mir entgegen. Auch Salat und Gurke lachen mich an.

 

Musik 1: „Heut‘ liegt was in der Luft“

Heut liegt was in der Luft, / ein Duft, der lockend ruft, / der liegt heut in der Luft.

 

Autorin: Guten Morgen, ich bin in einem Gewächshaus in der Remscheider Innenstadt verabredet. Mit Florian Schäfer, dem Geschäftsführer der Diakonie. Zwischen Häuserzeilen wird hier Gemüse angebaut, mit jeder Pflanze ein Stück Natur zurück in die City geholt. Ein so genanntes urban gardening-Projekt. Die Diakonie hat sich in einer ehemaligen Gärtnerei eingemietet. Seit gut einem Jahr betreibt sie hier in Kooperation mit dem Jobcenter das „Werkstattatelier“.

 

O-Ton Schäfer: Das ist ein ganz spannendes Projekt, wo ein Mix aus Kunsthandwerk und Natur geboten wird. Künstlerisch insbesondere mit dem Thema Upcycling, wo wir aus alten Möbeln neue Dinge entstehen lassen. Ebenso auch ist ein besonderer Bereich rund um die Natur. Wir haben ein großes Glas-Gewächshaus, auf das wir ganz stolz sind, wo unsere Teilnehmerinnen und Teilnehmer verschiedenes Obst, aber auch Gemüse anbauen.

 

Autorin: Nun arbeiten hier keine Garten-Profis, sondern Frauen und Männer mit ganz unterschiedlichen Vorerfahrungen und Kenntnissen.

 

O-Ton Schäfer: Das sind insgesamt 18 Menschen, die Kunden des Jobcenters sind. Diese Menschen sind langzeitarbeitslos, haben verschiedene Vermittlungshemmnisse. Diese gehen von psychischen Erkrankungen bis zur Suchterkrankung, und da ist es natürlich gut, dass wir mit unserem Beratungszentrum und unseren Sozialarbeitern Leute zur Seite haben, die diese Menschen dann auch mit ihrem psychosozialen Problemen unterstützen können. Das Gewächshaus ist sehr beliebt. Insbesondere bei den weiblichen Teilnehmerinnen ist es immer wieder schön mit anzusehen, mit welcher Hingabe und Leidenschaft die Teilnehmer jeden Morgen direkt schauen, wie das Gemüse sich entwickelt hat, sich darauf freuen, es ernten zu können und das macht einfach unheimlich viel Spaß und ist ein sehr, sehr beliebter Ort hier im Werkstatt-Atelier.

 

Autorin: Was in der Fläche im Gewächshaus keinen Platz findet, wächst nebenan im Innenhof. Kräuter wie Thymian oder Katzenminze und Gräser sind in speziellen Taschen an die Wand gepflanzt. Mit einem ausgeklügelten Bewässerungssystem werden sie versorgt. Aus grauen Wänden werden grüne. Damit ist Remscheids erste grüne Wand an den Start gegangen. Vertikal gardening nennt man das. Es ist schön hier. Der offene Innenhof ist zu einer grünen Lounge geworden. Ein einladender Ort. Hier wachsen nicht nur Pflanzen, sondern auch Kontakte. Florian Schäfer, dem Geschäftsführer der Diakonie, ist das besonders wichtig.

 

O-Ton Schäfer: Wir wollen einen Ort schaffen, in dem die Menschen miteinander ins Gespräch kommen, Kontakte im Quartier hier fördern und so haben wir auch eine kleine Garten-Lounge eingerichtet, wo sich die Menschen bei gutem Wetter wunderbar aufhalten können. Es gibt in der Remscheider Innenstadt einen Verein, der heißt My Viertel. Der besteht aus Gewerbetreibenden, Anwohnern und eben auch Gastronomen, die sich hier auf die Fahnen geschrieben haben, den Stadtteil weiterzuentwickeln und worauf wir besonders stolz sind ist, dass dieser Chor von My Viertel regelmäßig auch im WerkstattAtelier probt und wir da wirklich einen Raum für Begegnung und Austausch geschaffen haben.

 

Musik 2: Gott Ist gegenwärtig (instrumental)

Titel: Gott Ist gegenwärtig; Interpret: Wolf Codera; Komposition: Joachim Neander; Album: Codera Goes Choral, Track 9; Label: Creative Kirche; LC: 11724.

 

Autorin: Pflanzen und Wachsen geschieht im Werkstattatelier in Remscheid auf unterschiedliche Weise. Hier wachsen Pflanzen, klar, aber auch Menschen. Miteinander und aneinander. So mancher wächst sogar über sich hinaus. Vor allem aber wachsen sie über die Arbeit und den Austausch zusammen.

Es entstehen neue Formen des Zusammenlebens. Verständigung wächst. Auch die Erfahrung, dass etwas anders werden kann. An einem neuen Ort, mit anderen Menschen.

 

O-Ton Schäfer: Auch vom Ehrenamt wird das Werkstatt-Atelier sehr gut angenommen. Es gibt ein Reparatur-Café, was hier direkt ums Eck ist und wir haben hier im Werkstatt-Atelier auch eine Fahrradwerkstatt aufgebaut, und also hier kommen die Leute wirklich in Kontakt, ob das Ehrenamtler sind, ob das die Anwohner sind oder eben die Teilnehmer aus unserem Projekt; und das macht uns sehr stolz.

 

Musik 2: Gott ist gegenwärtig (instrumental)

 

Autorin: Wenn ich hier in der grünen Lounge stehe, gehen meine Gedanken weit zurück. Ich tauche ein in die Geschichte des Volkes Israel, von der das Erste Testament erzählt. Israel ist im Exil. Die Babylonier haben das Land besetzt. Jerusalem, die Stadtmauern, der Tempel: nur noch Trümmer. Die führenden Kreise deportiert. Männer und Frauen sitzen an den Flüssen Babylons und trauern, so wird erzählt. Wartend und hoffend, dass es anders wird mit ihnen und in ihrem Leben. So vieles liegt brach. Das Überleben ist zwar gesichert, aber das Leben ist trostlos. Das Vertrauen in Gott? Enttäuscht. Der Pegelstand des Glaubens? Sinkt. Woher kommt uns Hilfe? So sitzen sie da und grübeln, als Gott unvermutet in ihre Gedanken einfällt und durch den Mund eines Propheten zu ihnen redet:

 

Sprecher: Siehe, ich will ein Neues schaffen, jetzt wächst es auf, erkennt Ihr es nicht?
Ich mache einen Weg in der Wüste und Wasserströme in der Einöde.

 

Autorin: Wo Wüste ist, wird ein Weg sein. Wo Trockenheit ist, wird Wasser strömen. Was für eine Verheißung! Brache und Dürrezeiten haben nicht das letzte Wort. Wie einst am Anfang der Geschichte des Volkes Israel. Beim Auszug aus Ägypten. Da schon einmal hat Gott ihnen einen Weg durch die Wüste gebahnt, sie durch das Schilfmeer geleitet und so in die Freiheit geführt. Gott schafft Neues. Wie in der Schöpfung. Gott sprach und es wurde. Jetzt spricht Gott wieder:

 

Sprecher: Denn siehe, ich will ein Neues schaffen, jetzt wächst es auf, erkennt Ihr es nicht?

 

Autorin: Doch wie das Neue sehen? Wenn Vergangenes auf mir lastet, ich mich wie in einem Netz gefangen fühle. Wenn ich nichts Neues mehr erwarte. Weder von meinen Mitmenschen noch von mir selbst. Und auch von Gott nicht mehr.

 

Sprecher: Jetzt wächst es auf, erkennt Ihr es nicht?

 

Autorin: Fast ungeduldig kommt die Aufforderung daher: Seht doch hin! Ich will das Sehen lernen. Hinschauen auf den Boden unter meinen Füßen. Hinschauen in mein Leben. In die Welt. Und sehen, dass es da sprosst. Vielleicht nur ganz zart. Dass es da keimt. Vielleicht nur ganz vorsichtig.

Manchmal braucht es Zeit, das Neue wachsen zu sehen. Wie bei den Pflanzen im Gewächshaus. Bis sie aus dem Boden hervorlugen, dann wachsen und größer werden und schließlich zum Sehen und Schmecken einladen. Warten und hoffen. Hinsehen und erkennen. Mit dem Glauben ist es genauso. Gott ist gegenwärtig. Mitten im Leben bricht er sich Bahn. Verwandelt Wüste in fruchtbaren Boden. Eröffnet Zukunft, für die zu leben und zu arbeiten sich lohnt. Und siehe: das Land und mit ihm die Menschen blühen auf und leben. Dass sie wieder singen und Gott loben können.

„Gott ist gegenwärtig“ – so dichtet Gerhard Tersteegen 1729 in Zeiten des Pietismus, einer neuen Frömmigkeitsbewegung. Das Lied lädt ein, sich von Gott berühren zu lassen. „Geistliches Blumengärtlein“ heißt die Sammlung, in der das Lied erschienen ist. Gott ist da, in unserer Mitte, schreibt Gerhard Tersteegen. Das Leben wächst in seiner Nähe.

 

Musik 3: „Gott ist gegenwärtig“ (EG 165); Strophe 5
Titel: Gott Ist gegenwärtig; Interpret: Sarah Kaiser; Komposition: Joachim Neander; Album: Vater, ich komme zu dir, Track 7; Label: ? 2016 SCM Hänssler, LC: 07224.

 

Du durchdringest alles; lass dein schönes Lichte, Herr, berühren mein Gesichte.
Wie die zarten Blumen willig sich entfalten und der Sonne stille halten,
lass mich so, still und froh, deine Strahlen fassen und dich wirken lassen.

 

Autorin: Gottes Strahlen fassen und an mir wirken lassen. Selbst Sprössling sein. Ein Sprössling, in dem und durch den Gott Neues wachsen lässt.

Es liegt was in der Luft… Knackige Paprika und rote Tomaten sind mir Zeichen dafür, wie Gott auch in meinem Leben sein Samenkorn aussät und Wurzeln schlagen lässt. Wie es aufkeimen und Frucht bringen kann. Auch dank der Pflege so mancher Gärtnerarbeit, die andere und ich selbst erbringen. Und dann? Dann entstehen daraus wieder neue Samenkörner, die neue Lebenskraft entfalten. Das kann ich nicht machen. Dazu will ich aber beitragen. Gottes Strahlen fassen und an mir wirken lassen. Wie im urban gardening-Projekt der Diakonie in Remscheid. Das Gemüse, das hier angebaut ist, sät auf seine Weise auch wieder aus.

 

O-Ton Schäfer: Diese Erzeugnisse, die wollen wir natürlich in eine sinnvolle Wertschöpfungskette wieder einfließen lassen, sodass bei der Tafel Ausgabestelle oder dem City-Brunch, einem Angebot der Kirche das direkt neben dem Werkstatt Atelier ist, diese Erzeugnisse dann auch sinnvoll eingesetzt werden und den Menschen da zugutekommen.

 

Autorin: Und wie es weiter geht? Florian Schäfer und sein Team haben schon neue Ideen und Perspektiven für das Werkstatt-Atelier.

 

O-Ton Schäfer: Das geht bei uns rasant weiter. Grundsätzlich ist für uns natürlich wichtig, dass wir hier als kirchlich diakonische Einrichtung auch Gottes Werk schützen wollen. Das bedeutet konkret, dass wir zum einen wollen, dass Menschen sich hier in Remscheid wohlfühlen, und so haben wir damit begonnen, Bänke zu bauen, die wir auch schon in der Innenstadt ausgestellt haben, wo die Anwohnerinnen und Anwohner Probesitzen konnten. Das andere übergeordnete Thema ist, dass wir natürlich auch einen Beitrag dazu leisten wollen, dass der Klimawandel, dass man dem so ein Stück weiter entgegenwirkt und so haben wir zum Beispiel eine große vertical gardening Wand bei uns im Werkstatt-Atelier aufgebaut. Diese Pflanzen, die dort eingepflanzt sind tragen dazu bei, dass sich das Mikroklima gerade in Innenstädten deutlich verbessert. Und ein schöner Vorteil ist auch, dass viele graue Häuserfassaden dadurch eine deutliche Aufwertung erfahren, schöner aussehen und den Menschen dann auch viel Freude bereiten.

 

Musik 1: „Heut‘ liegt was in der Luft“:

Mir ist so komisch zumute / Ich ahne und vermute
Heut‘ liegt was in der Luft / Ein ganz besond’rer Duft / Der liegt heut‘ in der Luft.
Ich könnte weinen und lachen / und lauter Unsinn machen.
Heut‘ liegt was in der Luft / Ein ganz besond’rer Duft / Der so verlockend ruft.
Das ist kein Alltag so trübe und grau / Nein, das ist ein Tag wie der Frühling so blau.
Das ist ein Tag wo jeder gleich spürt / Ach, dass  noch was passiert.
Mir ist so komisch zumute / Ich ahne und vermute
Heut‘ liegt was in der Luft / Ein Duft, der lockend ruft / Der liegt heut‘ in der Luft.
Heut‘ liegt was in der Luft.

 

Autorin: Hier liegen sie in der Luft. Die Lust, Neues aufwachsen zu sehen, und die Herausforderung, aufzubrechen auf neue Wege. Und ich könnte mir vorstellen, dass auch Gott gespannt ist auf das, was da wachsen wird. Auch bei Ihnen und bei mir.

„Es liegt was in der Luft“, so sagen wir, wenn etwas noch nicht konkret zu erkennen ist, sich aber andeutet.
Es liegt was in der Luft. Denn siehe, sagt Gott, ich will ein Neues schaffen, jetzt wächst es auf, erkennt Ihr es nicht?

Ein gutes Hinsehen und Wachsen wünscht Ihnen Pfarrerin Antje Menn aus Remscheid.

 

Musik 2: Gott Ist gegenwärtig (instrumental)

 


Redaktion: Landespfarrer Dr. Titus Reinmuth

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