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Das Geistliche Wort | 31.05.2020 | 08:40 Uhr

Rettung aus der Not

Musik: „Send Word“, CD „Legend of the seven Dreams”. Track 6. Komponist: Jan Garbarek. Interpreten: Garbarek, Weber, Brüninghaus, Vasconcelos. ECM Records 1988, LC-Nr.: 02516. (0:00-0:15)


Autor (Originalton am Bahnhof): Essen, Hauptbahnhof. Ein halbes Jahr ist das jetzt her. Es ist noch Winter, lange vor der Corona-Pandemie. Berufspendler, Fernreisende, Obdachlose. Geschäftsleute, Ordnungskräfte, die Bahnhofsmission. Mich interessiert, wie es hier zugeht, tagein, tagaus, wenn so verschiedene Welten aufeinanderprallen. Am Bahnhof habe ich Rouven kennengelernt, einen 45-Jährigen, der „Platte macht“, also zu denjenigen gehört, die den ganzen Tag am Bahnhofsvorplatz sitzen. Rouven nennt den Bahnhof sein Wohnzimmer. Ihn treffe ich zum ersten Mal an einem Samstagabend im November, es ist schon nach zehn. Er hockt auf einer Treppenstufe, eingehüllt in einen Wintermantel aus der Kleiderkammer, vor ihm auf dem eiskalten Asphalt liegt sein Kumpel Peter in einer dünnen Windjacke. Ob er schläft?


O-Ton Rouven: Was wir jetzt sehen…ich könnte jetzt….Das ist genau das, was ich nicht will. Das sind wir nicht. …..Peter….setz dich hier hin. Mir ist das unangenehm, weil ich glaube einfach, ich bin ein gut erzogener Mensch. Und ich möchte, und das ist das Schlimme daran, ich möchte hier gar nicht sein. Eigentlich - und das ist das Problem – ich möchte gerne da sein.


Autor: Rouven wäre gerne auf der anderen Seite des Lebens, da, wo Ordnung herrscht. Aber irgendwann ist ihm das bürgerliche Leben aus den Händen geglitten.


O-Ton Rouven: Ich hatte eigentlich eine normale Kindheit. Ich bin sehr gerne zur Schule gegangen, Realschulabschluss, Lehre gemacht, habe meine Lehre erfolgreich abgeschlossen, Militärzeit habe ich gemacht, vier Jahre im Ausland. Habe geheiratet, Kind gekriegt, geschieden, tja heute sitze ich hier.


Autor: Am nächsten Morgen sind wir wieder auf der Platte. Rouven ist da und ein Dutzend andere Männer jeden Alters, außerdem eine Frau schätzungsweise um die 40. Alle sind dick eingepackt in Jacken, Mäntel, Schals, denn es ist fürchterlich kalt.


O-Ton Atmo: Geburtstagsständchen. Eine Frau singt Happy Birthday to you.


O-Ton Rouven: Komm, pack mal aus hier. Komm mach mal.


Autor: Rouven hat eine Runde Bier spendiert. Er wird heute 46 Jahre alt. Seit 2011 ist er ohne Arbeit, lebt von Hartz IV. Doch als wir uns mit dem Mikrofon etwas abseits stellen, sagt er ganz offen, dass er die Szene hier überhaupt nicht feierlich findet.


O-Ton Rouven: Also meine Ex Frau und mein Sohn würden wahrscheinlich gerne auch zum Geburtstag gratulieren, aber ich will nicht, dass mein Sohn mich so sieht. Ich will das nicht! Ich wollte auf meinen Vater auch immer stolz sein, und da ist nichts. Was soll ich ihm erzählen? Dein Vater ist ein Mensch am Hauptbahnhof, der da Bier trinkt, ja, ich schäme mich! Was soll ich ihm sagen? Ich bin . . . ein Penner?


Autor: Klare Worte über sich selbst. Ich gebe zu, dass ich überrascht bin, Rouven beschönigt nichts. Bisher kannte ich solche Geschichten nur aus dem Mund von Experten, etwa Sozialarbeitern oder Soziologen, die sich mit den Biographien von Menschen wie Rouven beschäftigen. Das klang dann nüchtern, analytisch, professionell und mir fiel es meist schwer, nachzuvollziehen, wie jemand so abstürzen kann. Jetzt höre ich die Geschichte ungefiltert von Rouven und verstehe, wie da eins zum anderen kommt, wie das Leben zerbröselt – und dann ist der Bahnhof die Endstation.


Musik: „He comes from the North“, Teil 1, von der CD „Legend of the seven Dreams”. Track 1. Komponist: Jan Garbarek. Interpreten: Garbarek, Brüninghaus, Vasconcelos. ECM Records 1988. LC -Nr.: 02516. (3:44-4:22)


Autor: Verlassen wir für einen Moment Rouven und seine Kumpels am Bahnhof und schalten um auf eine Geschichte aus der Bibel, die zu Pfingsten gehört – erzählt wird sie im Stil einer rasanten Reportage aus Jerusalem: Die Ausgießung des Heiligen Geistes. Sieben Wochen nach dem Passahfest sind wie immer viele Menschen aus aller Herren Ländern in der Stadt. Ein buntes Treiben, ein Wallfahrtsfest. Die Jünger Jesu, eine kleine Gruppe, sind zunächst noch im Haus, ganz unter sich. Da wird von einem gewaltigen Brausen berichtet, von Flammen, die sich über den Köpfen der Jünger Jesu zeigen, die fangen dann an, alle gleichzeitig zu reden. Sie gehen raus auf die Straße, auf den nächsten Platz und die Menschen draußen, angereist aus Ägypten, Libyen und allen möglichen Ländern hören sie und verstehen sie sogar. Manche tuscheln: Die da reden, sind die nicht aus Galiläa? Sind die etwa betrunken?

Petrus, der Anführer der Jünger Jesu, setzt zu einer Rede an. Er beschwört apokalyptische Bilder. Der Welt drohen Blut, Feuer, Rauch und Finsternis, sagt er, Zeichen einer Katastrophe. Doch aus dieser Not, sagt Petrus den Männern und Frauen in Jerusalem, gibt es Rettung: Wer den Namen Gottes anruft, der soll gerettet werden.

Dass solche Bedrohungen nicht, wie in manchen Hollywood-Filmen, angenehm gruselige Phantasien bleiben, erleben wir gerade, heute, im 21. Jahrhundert. Das Corona-Virus, die Pandemie, ist eine tödliche Bedrohung sogar für die ganze Menschheit. Vieles, was bis vor Kurzem noch sicher schien, bricht auseinander.

Und viele Menschen rücken jetzt zusammen. Kinder rufen regelmäßig die Großeltern an, Ehrenamtliche machen Einkäufe für andere, die allein sind oder nicht mobil. Die Fernsehgottesdienste verdoppeln ihre Einschaltquoten, Menschen reichen Bitten ein über die sozialen Netzwerke, damit sie in die Gebete aufgenommen werden.

Ich vermute, Petrus meint in seiner großen Rede am Pfingsttag: wenn ihr euch auf Gott beruft, wenn ihr euch an ihm orientiert, werden sich Wege auftun, ihr werdet Ideen entwickeln, höchstwahrscheinlich werdet ihr euch auch verändern müssen. Dann kann das Leben wieder neu beginnen.


Musik: „He comes from the North“, Teil 2, von der CD „Legend of the seven Dreams”. Track 1. Komponist: Jan Garbarek. Interpreten: Garbarek, Brüninghaus, Vasconcelos. ECM Records 1988. LC-Nr.: 02516. (6:25-6:51)


Autor: Zurück zum Bahnhof. Vom rettenden Geist Gottes ist hier alltäglich etwas zu spüren. Das sind dann keine großen Gesten oder große Worte. Aber Menschen sind für andere da, einer kümmert sich um den anderen, der gerade am Tiefpunkt hockt. Sie verstehen sich und es kommt Hilfe aus der Not.

Andrea, ich schätze ihr Alter so um die Fünfzig, kommt gerade mit der Rolltreppe unten in der Bahnhofshalle an. Sie trägt eine auffällige hellblaue Weste, genauso wie der junge Mann gleich hinter ihr. Auf den Westen steht das Logo „Bahnhofsmission“ und der Slogan: Nächste Hilfe. Im Stundentakt machen die Freiwilligen der Bahnhofsmission ihren sogenannten Präsenzlauf durch den Bahnhof. Dabei halten sie Ausschau nach Männern und Frauen, die Unterstützung brauchen. Das können ratlose Reisende sein oder jemand mit einer Behinderung. Andrea und ihr Kollege kümmern sich aber auch regelmäßig um die „Platte“, die Obdachlosen, die Drogenabhängigen. Während sie weitergeht und sich aufmerksam umsieht, erzählt Andrea.


O-Ton Andrea Roth: Viele Klienten sitzen auch vorne an den Treppen. Die meisten Leute wissen, dass es unsere Klienten sind und wenn was sein sollte, werden wir dann auch angerufen, dass wir dahin kommen können. Von normalen Passanten von Geschäftsinhabern, dass, wenn was passiert ist, dass wir dann gerufen werden, weil die eben tatsächlich wissen, dass das Klienten von der Bahnhofsmission sind.


Autor: Als Andrea und ihr Kollege von der nächsten Rolltreppe kommen, erfassen sie mit einem Blick die heikle Situation vor dem Zeitungs- und Buchladen.


O-Ton Freiwilliger der Bahnhofsmission: Oh, ja, alles klar.


Autor: Da stehen mehrere Bundespolizisten und zwei Sicherheitsleute der Bahn im Halbkreis und schirmen die Szene vor dem Laden ab. Sanitäter knieen bei einem Mann, der röchelnd auf dem Boden liegt. Es ist Peter, derselbe Mann, der vor ein paar Tagen spätabends bei Rouven auf dem eiskalten Boden schlief.


O-Ton Andrea: Können wir irgendwie helfen?


O-Ton Freiwilliger der Bahnhofsmission: Personalien haben sie zu dem Mann? Alles klar.

Autor: Der Rettungswagen ist schon unterwegs, Andrea von der Bahnhofsmission kennt Peter nur allzu gut.


O-Ton Andrea: Das war ein Klient von uns, den hatten wir letztens hier auch schon mal gesehen.

Für mich die größte Not, würde ich jetzt sagen, wenn ich meinen Klienten mal nicht helfen kann. Wenn ich davor stehe und ich kann einfach nichts mehr tun. Wenn ich merke, dass zum Beispiel ein Klient in der Entgiftung war und auch eine Therapie gemacht hat, zwei Tage lang sich völlig normal mit mir unterhält und am dritten Tag wieder voll drauf ist. Da kann man nicht mehr helfen.


Musik: „Brother Wind“ von der CD „Legend of the seven Dreams”. Track 4. Komponist: Jan Garbarek. Interpreten: Garbarek, Brüninghaus, Vasconcelos. ECM Records 1988. LC-Nr.: 02516. (9:31-10:01)


Autor: Rouven ist froh, dass er noch eine eigene Wohnung hat, ein Zimmer nur, aber da kann er wenigstens in Ruhe schlafen. Jeden Morgen um zehn geht er dann als erstes zur Bahnhofsmission. Das ist ein kleiner Raum, nicht mal so groß wie ein Klassenzimmer, in einem Seitentrakt des Bahnhofs. Bis jetzt hatte Rouven noch nichts zum Frühstück.

Hinter einer Empfangstheke sitzt Andrea, sie hat heute Frühschicht.


O-Ton Rouven: Hi Leute!


Andrea Roth: Hi, na wie geht’s?


Rouven: Gut und selber? Alles gut? Schön. Och, ich sehe schon, ihr habt keinen Kaffee mehr. Tee dann bitte mit drei Zucker.


Andrea Roth: Gerne!


Rouven: Dankeschön!


Autor: In dem Raum stehen ein paar Tische, ein Dutzend Stühle und zwei Holzbänke. Auf einer dieser Bänke schläft ein Mann, Gesicht zur Wand, sein Rucksack als Kopfkissen. Ein paar Männer und auch eine Frau sitzen an den Tischen, zwei unterhalten sich, die anderen dösen vor sich hin. Rouven hat sich mit seinem Tee hingesetzt und greift zu einer ausliegenden Tageszeitung. Im Raum ist es angenehm warm, draußen gab es heute nacht noch mal Frost.


O-Ton Rouven: Ich habe hier meinesgleichen, arbeitslose Menschen, die hier hinkommen, eben auch Halt suchen ein bisschen, soziale Kontakte pflegen möchten, eben am Leben teilhaben möchten, nicht zu Hause alleine sitzen und nur Fernseh gucken.

Autor: Über den Eindruck, den er und seine Kumpels bei Passanten und Reisenden hinterlassen, macht sich Rouven keine Illusionen.


O-Ton Rouven: Wir wissen, dass wir auffallen im Hauptbahnhof. Wir wissen, dass da so ein kleiner Krieg stattfindet zwischen uns und „denen“ sage ich jetzt einfach mal. Wir sind die am Hauptbahnhof, das ist die berühmte Trinker- und Subszene und die sind die normalen Menschen, die arbeiten gehen und eben das normale Leben haben.


Autor: Die Bahnhofsmission versteht sich als erste Anlaufstelle für Menschen in Not. Auch wer keine Zugfahrkarte hat, darf hierherkommen und um Hilfe bitten. Andrea erklärt, was sie für Obdachlose und Abgestürzte sein möchten.


O-Ton Andrea: Ein Ort zum Ausruhen. Auch zum Aufwärmen. Ein Ort, wo Leute sind, die sie auch wertschätzen und die immer ein offenes Ohr für Probleme haben.


Autor: Ein Ort, wo Menschen sich verstehen, auch wenn sie aus verschiedenen Welten kommen. Was Andrea sagt, hat für mich viel mit Pfingsten zu tun. Der Geist Gottes öffnet Augen und Ohren für unerhörte Geschichten. Und - Hilfe aus der Not ist möglich, um Gottes Willen. Auch wenn Rouven und die anderen nicht bewusst den Namen Gottes anrufen, „Oh, Gott, hilf mir“, die Wende zum Besseren kann jederzeit kommen.

Als ich kürzlich noch mal am Bahnhof war, um zu hören, wie sich die Lage während der Corona-Einschränkungen verändert hat, da habe ich zufällig auch Rouven wieder getroffen. Tatsächlich hat er sich eine Art Job geschaffen, sozusagen als Selbständiger. Ganz begeistert beschreibt er sein Geschäftsmodell: Er kauft Tageszeitungen im Bahnhofsshop, zum normalen Preis. Die bietet er dann in Zügen zum Kauf an – mit der Bitte um einen kleinen Aufpreis, das ist sein Gewinn. Inzwischen macht er das schon ein paar Wochen, immer fünf, sechs Stunden täglich.


O-Ton Rouven: Jetzt durch Corona und dass ich manchmal durch Geisterzüge gehe, kann ich froh sein, wenn ich einen Zehner am Tag habe. Es ist für mich auch eine Art Tagesstruktur und es gibt wieder so ein bisschen das Gefühl, ich habe ja einen Job. Was mir persönlich ein besseres Gefühl gibt, wie einfach nur zu schnorren.


Autor: Noch nicht die vollständige Rettung aus der Not, aber ein Hoffnungsschimmer, dass sich die kleine aber auch die große Katastrophe wenden lassen. Durch Hingucken, Reden, sich verstehen und sich verändern. Womöglich auch durch Gottvertrauen.

Ich bin Udo Kilimann aus Essen und wünsche Ihnen ein Pfingstfest voll Hoffnung und Zuversicht.


Musik: „Voy Cantando“ von der CD „Legend of the seven Dreams”. Track 7. Komponist: Jan Garbarek. Interpreten: Garbarek, Brüninghaus, Vasconcelos. ECM Records 1988, LC-Nr.: 02516. (13:43-15:30)



Quelle:

Auf dem youtube Kanal "WDR Doku" ist vom Autor Udo Kilimann die Fernsehreportage "Brennpunkt Bahnhof - Wer kümmert sich drum" aus der Reihe "Unterwegs im Westen" vom 3. Februar 2020 zu finden. Darin werden Andrea, Rouven und noch ein paar andere Menschen vom Hauptbahnhof in Essen vorgestellt,


Der direkte Link: www.youtube.com/watch?v=s1wYXZOg8g8



Redaktion: Landespfarrer Dr. Titus Reinmuth

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