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Sonntagskirche | 11.08.2019 | 08:55 Uhr

Schissergässchen

Guten Morgen!

„Schissergässchen“. Irritiert schaue ich auf das Schild an der Hauswand. Darunter sehe ich einen Durchgang. Das muss es wohl sein, das „Schissergässchen“. Ich gehe drauf zu und frage mich, was ich da finde: „Ob es eine schmale Gasse ist, lang und dunkel, wo sich früher dunkle Gestalten lagerten? Wo man Schiss, also Angst hatte, durchzugehen?“ In der Gasse an der Wand stehen Markierungen in unterschiedlichen Höhen, dahinter Jahreszahlen. Wahrscheinlich wurde man hier manchmal vom Hochwasser überrascht, wenn der Fluss über die Ufer trat. Allein der Gedanke lässt mich schon schaudern. Ich schaue mir die Gasse nochmal genauer an. Sie fällt in der Mitte leicht ab. Dahinter geht es wieder hoch. „Sicher“, denke ich, „so ist das ja oft mit der Angst: Sie kommt und man hat das Gefühl, sie zieht einen runter. Bis der Punkt kommt, wo sie langsam nachlässt und es wieder aufwärts geht.“ Oberhalb der Zahlenmarkierung an der Wand hat jemand etwas mit Edding dazu gekritzelt. Einen weiteren Strich, ganz oben, dahinter eine 19 und ein Hakenkreuz, gestaltet wie eine Jahreszahl. „Das macht mir auch Angst“, denke ich. „Passt ganz gut dieser Vergleich von brauner Bedrohung und Hochwasser.“

„Schissergässchen.“ „Schiss“ haben klingt ja ganz niedlich, es geht aber um Angst. Eins der vertrautesten und gleichzeitig unangenehmsten Gefühle. Nicht umsonst hält die Bibel wohl unzählige Worte gegen die Angst bereit. Nicht umsonst ist Gott einer, der die Angst nehmen will. Der Trost und Halt verspricht. Dessen Licht in der Dunkelheit scheint und dessen Wort meines Fußes Leuchte ist. Jesus hat einmal gesagt: „In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost: Ich habe die Welt überwunden.“ (Johannes 16,33; Lutherbibel 2017) Für mich ist das eins der mächtigsten Worte Jesu Christi aus dem Neuen Testament. Hineingesprochen in die Angst der Jünger vor seinem Abschied. In ihrer Not brauchen sie ein sanftes Wort. Sie haben ein Bedürfnis nach Sicherheit. Nach jemandem, der sie tröstet wie eine Mutter oder ein Vater das tut.

Die letzten Meter zum „Schissergässchen“ merke ich ganz klar: dieses Gefühl von Angst, und das Bedürfnis nach jemandem, der mir Trost und Halt gibt, - wie sehr gehört das zu mir. Und wie sehr möchte ich mich manchmal einfach nur zurückziehen, wenn es mich überfällt. Vielleicht finde ich ja hier auch einfach einen Ort, der genau dafür geschaffen wurde? Eine schmale Gasse: überschaubar, ein Schutzgewölbe, ein Rückzugsort für den Moment, wenn es im Bauch grummelt und ich nicht mehr weiter weiß.

Ich schaue durch ein kleines Fenster, das weit unten mitten in der Gasse eingebaut ist. Es klärt mich schlagartig über die wahre Bedeutung des schmalen Weges auf, den ich bis hierher gegangen bin. Hinter der Scheibe sitzt eine Puppe in Gestalt eines Erwachsenen auf einer Art Plumsklo. Darunter ein Schriftzug: „Der letzte Rampenschisser.“

Ich muss lachen. An diesem Tag in dem kleinen Ort St. Goar nahe des Rheins an der Loreley wird mir nochmal ganz klar, dass es schon einen zutiefst menschlichen Grund hat, warum es „Schiss haben“ heißt. Und lachend denke ich: Ein kleiner Schisser in seiner Notdurft braucht es eben auch: Das tröstende Wort. Aber noch mehr braucht er täglich einen Ort für seine Not. Hab keinen Schiss mehr! Mensch. Sagt Gott. Schönen Sonntag!

 

Informationen und Quellenangaben:

Über die „Rampenschisser“ in St. Goar:

https://www.romantischer-rhein.de/service/presse/presse/artikel/?cHash=0cb5ed64dcbac1b3238d02d230668478&tx_ttnews%5Btt_news%5D=1228

 

Fotos: Daniela Kirschkowski

Redaktion: Landespfarrerin Petra Schulze

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