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Das Geistliche Wort | 02.02.2020 | 08:40 Uhr

Selfie von Gott


Guten Morgen,

Weihnachten ist heute schon wieder 40 Tage her. Früher endete mit dem heutigen Fest der „Darstellung des Herrn“ dann auch erst die Weihnachtszeit. Heutzutage ist das anders. Die Weihnachtsbilder, die Dekoration und die Weihnachtsbäume sind ja fast alle schon wieder verschwunden. Kein Scherz, ich habe schon am zweiten Weihnachtstag den ersten aussortierten Weihnachtsbaum am Straßenrand gesehen. Abgeschmückt, die Nadeln schon ein wenig kraftlos nach unten gebogen.

Ich glaube allerdings, wir dürfen uns ruhig ein wenig mehr Zeit mit Weihnachten lassen. Denn was das bedeutet: Weihnachten, Gott wird Mensch und kommt in die Welt, davon kann ich auch heute, am Fest der Darstellung des Herrn noch etwas erfahren.

Darstellung des Herrn – der Titel klingt irgendwie komisch, jedenfalls für nicht christliche Ohren. Mir als katholischem Priester erschließt sich das mit einem einfachen Vergleich und dazu fang ich noch einmal ganz anders an:

Bestimmt kennen Sie Selfies – also diese Selbstporträts, die man mit dem Smartphone aufnimmt. Ich mache solche Selfies regelmäßig, wenn ich unterwegs bin. Da posiere ich zum Beispiel vor dem Petersdom in Rom oder dem Brandenburger Tor in Berlin. Es ist eine Selbstinszenierung oder eben eine Selbstdarstellung: „Hey, hier bin ich gerade!“ Denn meine Selfies verschicke ich dann an Freunde und Bekannte, poste sie in Beiträgen oder in einer Story bei Facebook, Instagram und Co. Mit so einem Selfie teile ich mein Leben mit anderen, teile mich mit und erzähle dabei auch, was ich gerade mache, denke, erlebe. Ich habe bei Instagram zum Beispiel meine Follower, von denen ich umgekehrt auch mitbekomme, was sie gerade so machen. Es sind immer kurze persönliche Geschichten – mit Emotionen und ansprechenden Bildern oder kurzen Videos.

Besonders empfehlenswert ist es übrigens, andere Menschen an geeigneter Stelle in der eigenen Story zu erwähnen oder zu markieren. Denn dadurch erhöht sich die Reichweite meiner Story gleich um ein Vielfaches. Die genannten Personen teilen nämlich meine Story und verbreiten sie auch weiter.

Und das heutige Fest der „Darstellung des Herrn“ stelle ich mir auch so vor wie eine kurze Story auf Instagram mit einem Selfie Gottes, wo Gott sich eben darstellt. Lassen Sie mich mal so gesehen die Geschehnisse von Weihnachten noch einmal mit einer kurzen Instagram Story Revue passieren. Autor dieser Weihnachtsstory ist natürlich Gott selbst.

Sequenz 1

Die hochschwangere Maria und ihr Verlobter reisen durchs Land. Am Ziel angekommen, keine Unterkunft. Gerade noch ein alter Stall mit einer Futterkrippe, einem Ochsen und einem Esel.

Sequenz 2

Gott stellt ein Selfie von sich ein: Er ist als kleines Kind zu sehen, liegt in der Krippe, Maria und Josef und die Tiere daneben. Alle gucken fröhlich in die Kamera.

Sequenz 3

Hirten treten hinzu. Und Engel dürfen auch nicht fehlen: Sie geben dem Bild eine Überschrift:

„Retter geboren; er ist der Messias, der Herr.“ (Lk 2,11)

Sequenz 4

Drei Könige treten auf. Superzoom auf die wahnsinnig wertvollen Geschenke: Gold, Weihrauch und Myrrhe. Das Gotteskind lacht auf dem Selfie.

Sequenz 5

Gottes Selfie als Kind auf dem Arm der Maria und mit Josef auf der Tempelesplanade in Jerusalem. Gruppenfoto mit dem alten Simeon. Der ist ein weiser und frommer Mann. Laut verkündet er etwas über das Kind, was nur schwer nachzuvollziehen ist. Im biblischen Originalton:

Sprecher:„Nun lässt du, Herr, deinen Knecht, wie du gesagt hast, in Frieden scheiden.Denn meine Augen haben das Heil gesehen, das du vor allen Völkern bereitet hast, ein Licht, das die Heiden erleuchtet, und Herrlichkeit für dein Volk Israel.“ (Lk 2,29-32)

Gottes Selfie als kleines Menschenkind. Eine Darstellung, die es in sich hat. Und zwar jetzt im Tempel als „Darstellung des Herrn“. 40 Tage nach der Geburt Jesu kommen Maria und Josef also mit dem kleinen Kind zum Jerusalemer Tempel. Sie haben dort ihre religiösen Vorschriften zu erfüllen. Unter anderem musste nämlich jede männliche Erstgeburt Gott im Tempel präsentiert werden (vgl. Lk 2,23). So sah es das jüdische Gesetz vor. Denn Gott hatte das Anrecht auf jedes Erstgeborene, genauso wie auf jede Erstlingsfrucht vom Feld. Man hielt das neugeborene Kind Gott hin und löste es durch eine Opfergabe aus, nahm es also von Gott entgegen und dankte ihm für das Kind. Das tun Maria und Josef auch.

Doch neben diesen rituellen Dingen passiert dann im Tempel etwas Außergewöhnliches:

Dieser alte, greise Mann mit dem Namen Simeon tritt auf. Er ist ein frommer und gottesfürchtiger Mann. Ihm war von Gott gesagt worden, er werde nicht sterben, bevor er den Messias des Herrn gesehen hätte. Und gerade als Maria und Josef den kleinen Jesus in den Tempel bringen, erkennt Simeon den menschgewordenen Gott, das Selfie Gottes in dem kleinen Kind. Und er ruft überwältigt:„Meine Augen haben das Heil gesehen!“

Simeon, der alte, weise Mann hatte in dem kleinen Jesuskind den menschgewordenen Gott erkannt. Wie es in der Bibel heißt, hatte er ein Leben lang darauf gewartet, den Messias zu sehen, den Heiland, eben den Sohn Gottes. Ohne diese Sequenz würde der ganzen Weihnachtsstory etwas Entscheidendes fehlen. Denn mit den Worten des Simeon spricht zum ersten Mal überhaupt ein Mensch aus, wer dieses Jesuskind ist: Simeon nennt ihn „das Heil“ und „Licht“. Ich nenne es: Selfie Gottes!

Das, was Gott mit seiner Weihnachtsstory den Menschen sagen will, was die Engel in der Heiligen Nacht besingen und was die Könige mit ihren reichen Geschenken andeuten, das ist jetzt durch den Mund des Simeon in menschlichen Worten benannt: Jesus ist das Heil der Welt.

Und noch etwas anderes kommt hinzu: Simeon identifiziert das Heil der Welt in einem kleinen Menschenkind. Eigentlich ist der Jerusalemer Tempel das Heiligtum für das jüdische Volk schlechthin, ein heiliger Ort, Kultzentrum, Begegnungsstätte zwischen Gott und Menschen. Noch heiliger geht es nicht! Doch gerade hier am Ort der größten Heiligkeit erkennt Simeon das Heil in einem Menschen. Das Heil ist keine abstrakte Größe und es ist nicht auf einen Ort begrenzt. Es ist Person, hat ein Gesicht. Dadurch stellt sich die ganze Geschichte auf den Kopf:

Maria und Josef kommen zum Tempel, um Gott das Kind zu präsentieren. Doch durch die Worte des Simeon präsentiert nun Gott selbst den erstaunten Eltern das Kind und zwar als das Heil der Welt. Der, den sie Gott vorstellen wollten, ist seine eigene Gabe an die Menschen. Gott zeigt sich so, wie er für die Menschen sein will: Klein, ohnmächtig und doch als Heilsbringer.

Ich denke, das ist die zentrale und wichtigste Weihnachtsbotschaft überhaupt: Gott wird Mensch, er hat ein Gesicht. Jesus ist das Selfie Gottes. Oder, wie es an anderer Stelle im Neuen Testament heißt: Jesus ist das Bild des unsichtbaren Gottes.[1]

Gott hat ein menschliches Gesicht. Gott ist zerbrechlich wie ein Mensch. Nichts Menschliches ist Gott fern. Daher bedeutet das für Simeon und für Christen aller Generationen: nicht mehr ein Ort, auch nicht ein Buch oder sonst ein Gegenstand haben eine größere Bedeutung als die Person Jesu selbst. Die Beziehung zu dieser Person ist entscheidend. Gott auf Du und Du, ansprechbar, mit Gesicht, ganz konkret.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass bei jeder Beziehung das Gesicht der anderen Person eine kaum zu überschätzende Rolle spielt: Gesichtsausdruck, Mimik, die Augen. Menschen lernen, das Gesicht anderer Menschen zu lesen; in Sekundenbruchteilen kann ich ablesen, was ein Mensch gerade fühlt, welche Emotionen sich hinter seiner Stirn verbergen – vielleicht sogar, was er oder sie gerade denkt.

Der Gesichtsausruck ist manchmal sogar ehrlicher als Worte, weil er kaum zu kontrollieren ist. Die Wissenschaft hat nachgewiesen: Die mimische Muskulatur ist direkt mit dem Emotionszentrum im Gehirn verbunden. Deswegen heißt es ja auch im Volksmund: „Dein Gesicht verrät dich.“

Und ich glaube, das gilt auch für Gott. Er drückt sich aus in Jesus, als einem Menschenkind: zart und fein, ungetrübt und offen, verletzlich und empfindlich. So will Gott sein bis heute. Und so ist sein Selfie.

Das ist wirklich ein Novum, eine Ungeheuerlichkeit eher gesagt.

Aber mehr noch: Wenn gilt, dass Gott den Menschen nach seinem Abbild geschaffen hat, dann zeigt er sich auch in jedem Menschen. Dann lässt sich auch sagen: Jeder Mensch ist ein Selfie von Gott. Und was hätte das für Konsequenzen? Wie müsste ich dann meinen Mitmenschen begegnen? Welche Haltung müsste ich einnehmen?

Um eine Ahnung von dem zu bekommen, was da in der Heiligen Nacht zu Betlehem geschehen ist, reichen die 40 Tage seit Weihachten nicht aus. Es braucht vielleicht ein ganzes Leben, um zu verstehen, was es heißt, in dem Kind von Bethlehem das zu sehen, was der greise Simeon eben so beschrieben hat:Ein Licht, das die Heiden erleuchtet, und Herrlichkeit für dein Volk Israel.

Heute, am Fest „Darstellung des Herrn“, bin ich dafür dankbar, dass Gott sich selbst in der Welt vor aller Augen dargestellt hat. Der alte Simeon hat es ja genau so ausgerufen: „Meine Augen haben das Heil gesehen.“

Und wer weiß: Wenn Gott sich als Mensch zeigt, dann kann sich umgekehrt in jedem Menschen auch Gott zeigen. Um das zu entdecken, braucht es sicherlich mehr Zeit als die Tage von Weihnachten bis heute. Vielleicht entdecke ich ja einmal so wie Simeon etwas von Gottes Heil in den Gesichtern dieser Welt.

Es grüßt Sie Kaplan Philipp Schmitz aus Erkelenz

[1] Vgl. Kol 1,15a: „Er [Christus] ist Bild des unsichtbaren Gottes“.

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