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Choralandacht | 01.08.2020 | 07:50 Uhr

So jemand spricht: „Ich liebe Gott“ (eg 412)

Autor: Manche Wörter klingen wie die Sache, die sie bezeichnen. „Pflicht“ ist so ein Wort. Ich weiß noch, wie ich dieses Wort zum ersten Mal bewusst wahrgenommen habe. Da war ich vielleicht sechs oder sieben Jahre alt. Es war Winter, ich freute mich über den Schnee. Aber dass die Leute den schönen Schnee gleich wieder wegräumten, freute mich gar nicht. Als ich meine Mutter nach dem Grund fragte, sagte sie: „Das ist Pflicht.“

Pflicht. Das klingt kalt und hart. Etwas, was man tun muss, aber nicht gerne tut. „Pflicht“ hat einen Beigeschmack von streng, unangenehm, lieblos.


Musik 1, Choral, Strophe 1 :Titel: So jemand spricht, ich liebe Gott; Interpret: Wuppertaler Kurrende; Leitung: Heinz Rudolf Meier; Komposition: Johann Herman Schein; Text: Christian Fürchtegott Gellert; WDR-Kompilation (Eigenproduktion); WDR-Archiv 5033351108. Büroarchiv 114.

0:38-1:19 L 0:41


Sprecherin (overvoice):

So jemand spricht: „Ich liebe Gott“,

und hasst doch seine Brüder,

der treibt mit Gottes Wahrheit Spott

und reißt sie ganz darnieder.

Gott ist die Lieb und will, dass ich

den Nächsten liebe gleich als mich.


Autor: Von Liebe ist hier die Rede. Fast wörtlich singt der Choral, was im 1. Johannesbrief zu lesen ist:


Sprecherin: Wenn jemand spricht: Ich liebe Gott, und hasst seinen Bruder, der ist ein Lügner. Und dies Gebot haben wir von ihm, dass, wer Gott liebt, dass der auch seinen Bruder liebe.


Autor: Liebe als Pflicht? Ja, ausdrücklich. Hilfe für Notleidende – ein Muss. Nächstenliebe – die erste Pflicht. Wer nicht danach handelt, ist nicht etwa nur nachlässig oder schwach, sondern sogar ein Feind der von Gott auferlegten Pflicht.


Musik 1, Choral, Strophe 2

1:57-2:41 L 0:44



Sprecherin (overvoice):
Wer dieser Erde Güter hat

und sieht die Brüder leiden

und macht die Hungrigen nicht satt,

lässt Nackende nicht kleiden,

der ist ein Feind der ersten Pflicht

und hat die Liebe Gottes nicht.


Autor: Eine einfache Gleichung: Wer von Gottes Liebe erfüllt ist, hilft seinem notleidenden Mitmenschen. Wer das unterlässt, dem fehlt es an Gottes Liebe.

Strenge, eindeutige Worte. Liebe aus Pflicht - und Pflicht, die zu liebevollem Handeln führt.

Welche Not an vielen Orten herrscht, hat zuletzt die Corona-Krise offenbart. Das Virus verbreitet sich in der Großmetzgerei und beim Paketdienst. Da, wo auf engem Raum zu niedrigen Löhnen geschuftet wird. Und auch die wirtschaftliche Not verbreitet sich am ehesten unten: Die Anwältin wechselt ins Homeoffice, der Industriearbeiter geht in Kurzarbeit und die Hotelangestellte wird entlassen. Es ist auch klar, wessen Kinder zu Hause ein eigenes Zimmer und ein eigenes Notebook haben. Wer dieser Erde Güter hat und jetzt die Brüder leiden sieht - das wird in der Krise plötzlich sehr offensichtlich.

Gott lieben und seinen Nächsten lieben. Für den Dichter des Chorals gehört beides zusammen


Musik 1, Choral, Strophe 4

3:47-4:32 L 0:45


Sprecherin (overvoice):

Wir haben einen Gott und Herrn,

sind eines Leibes Glieder,

drum diene deinem Nächsten gern,

denn wir sind alle Brüder.

Gott schuf die Welt nicht bloß für mich,

mein Nächster ist sein Kind wie ich.


Autor: Das leuchtet ein. Hier kommt der Verstand ins Spiel. Die einfache Gleichung wird plausibel erklärt und begründet. Mit rhetorischen Fragen, denen sich kein vernünftig denkender Mensch entziehen kann. Bin ich etwa besser als andere? Wenn Gott alle Menschen gleichermaßen liebt – wie kann ich dann anderen lieblos begegnen? Wenn Gott mir meine Schuld vergibt, täglich und immer wieder, wie sollte ich dann zu anderen hart und unbarmherzig sein?

Das erinnert an ein Gleichnis, von dem die Bibel berichtet. Jesus wird gefragt: Wie oft muss ich meinem Bruder vergeben, wenn er mir Unrecht tut? Und er antwortet mit einer Geschichte: Ein Mann hat hohe Schulden beim König. Er kann sie nicht bezahlen, der König will ihm deshalb alles nehmen, was er hat – ganz nach Recht und Gesetz. Der Mann ist verzweifelt, wirft sich vor dem Mächtigen nieder und bittet um Geduld und Erbarmen. Da bekommt der König Mitleid und erlässt ihm all seine Schulden. Von der Last befreit, trifft der Mann auf dem Rückweg einen Kollegen, der ihm eine geringe Summe schuldet. Er fordert sie wütend ein, aber der andere kann nicht bezahlen, auch er bittet um Geduld und Erbarmen. Vergebens. Der Mann, dem soeben ein Vermögen geschenkt wurde, kennt kein Mitleid. Wegen eines kleinen Geldbetrags geht er rechtlich gegen seinen Schuldner vor.

Damit ist die Geschichte übrigens noch nicht zu Ende. Sie ist nachzulesen im Matthäus-Evangelium im 18. Kapitel.

Drastisch kommt hier zum Ausdruck, was auch der Choral formuliert:


Sprecherin:

Vergibst mir täglich so viel Schuld,

du Herr von meinen Tagen;

ich aber sollte nicht Geduld

mit meinen Brüdern tragen,

dem nicht verzeihn, dem du vergibst,

und den nicht lieben, den du liebst?


Autor: Eben. Darauf zielt auch die Geschichte von den beiden Schuldnern im Matthäusevangelium: Wir mögen einander von Herzen vergeben.

Der Text des Chorals stammt von Christian Fürchtegott Gellert, der in Leipzig Professor für Poesie, Beredsamkeit und Moral war und außerdem ein erfolgreicher Dichter seiner Zeit. Unseren Choral hat er zusammen mit weiteren „Geistlichen Oden und Liedern“ im Jahr 1757 veröffentlicht.

Der studierte Theologe Gellert hielt es für „eine große Pflicht der Dichter, die Kraft der Poesie vornehmlich den Wahrheiten und Empfindungen der Religion zu widmen“.

Da ist sie wieder, die Pflicht. So wie es die erste Pflicht eines jedes Christen ist, Gottes Liebe an seinen Nächsten weiterzugeben, so soll der Dichter seine poetische Kraft der Religion widmen. Das hat Gellert getan. Und er hat dabei maßgeblich auf den Verstand und die Vernunft gesetzt – ganz im Sinne seiner Zeitepoche, der Aufklärung. „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ Das erklärte später der Philosoph Immanuel Kant zum Motto der Aufklärung.

Gellert singt ein Lied gegen Scheinheiligkeit und Heuchelei, gegen satte Selbstzufriedenheit und gleichgültigen Egoismus. Dagegen führt er vernünftige Argumente ins Feld.

Aber auch wenn es noch so klar und schlüssig erscheint, auch wenn der Verstand noch so überzeugend dafür spricht – was ist, wenn das Pflichtbewusstsein nicht ausreicht? Wenn mir die Kraft fehlt, Liebe zu üben? Wenn die Nächstenliebe zur leeren Pflichtübung wird?

Auch Christian Fürchtegott Gellert wusste um diese Gefahr. Sein Lied mündet deshalb in die Bitte um ein liebevolles Herz:


Sprecherin:

Drum gib mir Gott, durch deinen Geist,

ein Herz, das dich durch Liebe preist.“


Autor: Nur Gott kann mir ein solches Herz geben. „Mach in mir deinem Geiste Raum“, hatte hundert Jahre zuvor ganz ähnlich Paul Gerhardt geschrieben. Nur Gott kann die Spannung lösen, die Spannung zwischen Liebe und Pflicht. Immer wieder von neuem. Weil er mich liebt.


Schaffe in mir, Gott, ein reines Herz, und gib mir einen neuen, beständigen Geist,“ betet jemand mit Worten aus dem 51. Psalm. Wenn ich mich dieser Bitte anschließe, dann bin ich auf einem guten Weg. Dann verliert die Pflicht ihren lieblosen Beigeschmack. Und dann öffnet sich mein Herz.



Redaktion: Landespfarrer Dr. Titus Reinmuth


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