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Das Geistliche Wort | 12.07.2020 | 08:40 Uhr

Spiritualität im Jazz

Autor: Als ich noch ein Kind war, hatten wir zuhause ein Röhrenradio. Es hatte mehrere Tasten und einen Drehregler. Irgendwann habe ich herausgefunden, wie man die verschiedenen Sender wählt. Mit einer anderen Reihe kleinerer Tasten konnte man den Klang noch ein wenig optimieren. Je nach Stilrichtung der Musik. Auf einer dieser Tasten stand ein Wort, mit dem ich nichts anfangen konnte: „Jazz.“ Es weckte meine Neugier, ich habe meine Mutter danach gefragt - aber wie hätte sie es mir erklären sollen? Ich hatte noch nie Jazz gehört. Jazz spielte bei uns wie in den meisten deutschen Haushalten damals, Anfang der 60er Jahre, keine Rolle.


Als Jugendlicher habe ich mich dann zunehmend für diese Musik interessiert. Zu meinen frühesten Entdeckungen gehörte das Album „The Cat“ des Organisten Jimmy Smith. – Wann haben Sie das erste Mal Jazz gehört? Und was verbinden Sie damit? Vielleicht berühmte Namen wie Louis Armstrong, Miles Davis oder Oscar Peterson? Munter aufspielende Dixieland-Kapellen bei Stadtfesten oder anspruchsvollen konzertanten Modern Jazz? Bigbands bei Großveranstaltungen oder kleine Combos in Jazzkellern?


Erst sehr viel später habe ich entdeckt, dass Jazz eine starke spirituelle Seite hat. Viele große Jazzmusiker waren tief religiös und haben sowohl in Jazzclubs als auch in Kirchen musiziert. Zu ihren prägenden Einflüssen gehörte neben dem Blues die Gospelmusik, die Musik der schwarzen Kirchengemeinden Nordamerikas. Der Trompeter Wynton Marsalis hat einmal gesagt:


Sprecher: „Jazz ist eine Musik zwischen Nachtclub und Himmel - wenn Du eines von beidem entfernst, ist es kein Jazz mehr.“

https://www.velkd.de/leipzig/forschung/liturgical-jazz.php, abgerufen am 25.06.2020


Musik 1: If (remastered), Interpret: Larry Young; Komponist: Joe Henderso; CD: Unity, Track 3, Label: A Blue Note Records Release; ? 2012 Capitol Records, LLC; LC: unbekannt


Autor: Bodenständig-irdisch und zugleich himmelwärts gerichtet: So erleben viele den Jazz und auch den Glauben. Da ist das Leben mit seinen Höhen und Tiefen, seinen Licht- und Schattenseiten, auch seinen Zwielichtigkeiten und Brüchen. Und zugleich haben viele ein Gespür dafür, dass es mehr und Höheres gibt als das, was vor Augen liegt, und Gott uns Menschen überall nah ist. Solche Erfahrungen zwischen Himmel und Erde hat auch der Dichter des 139.Psalms gemacht:


Sprecherin: „Führe ich zum Himmel oder bettete ich mich bei den Toten, so bist Du da. Nähme ich Flügel der Morgenröte und flöge zum äußersten Meer, so führte und hielte mich Deine Hand auch dort. Spräche ich: Nacht möge statt Licht um mich sein, so wäre auch Finsternis nicht finster bei Dir, und die Nacht leuchtete wie der Tag.“

(Luther-Übersetzung, vom Autor überarbeitet)


Autor: Eine Musik zwischen Nachtclub und Himmel: 1965 wurde in San Francisco ein Meilenstein des spirituellen Jazz uraufgeführt: Duke Ellingtons „Sacred Concert,“ zu Deutsch: Geistliches Konzert. Aus kirchlichen Kreisen, die Jazz für Teufelszeug hielten, gab es empörte Reaktionen, bis hin zu Morddrohungen gegen die beteiligten Pfarrer. Ellington hat europäische Chormusik und Bigband-Jazz miteinander verschmolzen. Ich mag beides: die klassische Kirchenmusik und den Jazz.


Musik 2: Will You Be There? / Ain't But the One; Interpret: Duke Ellington & Duke Ellington and His Orchestra; CD: Concert of Sacred Music; Komponist: Duke Ellington; Label: 1966, RCA; LC: 00316


Autor: „Ain’t but the one“ ist ein Lobgesang auf den Schöpfer und seine Macht- und Wundertaten, von denen in der Bibel erzählt wird. Ain’t but the one God of love - es ist niemand außer dem einen großen Gott der Liebe.


Im selben Jahr wurde mit John Coltranes Suite „A Love Supreme“ ein weiteres Meisterwerk des spirituellen Jazz veröffentlicht. Coltrane stammte aus einer gläubigen Familie und wurde stark von schwarzer Kirchenmusik und ihrer Neigung zu religiösen Ekstasen geprägt. In den Nachkriegsjahren hat er sich dem Jazz zugewandt, ist der Heroinsucht verfallen und durch ein religiöses Erweckungserlebnis 1957 wieder davon losgekommen. 10 Jahre blieben ihm, dann starb er infolge einer Krebserkrankung. In diesen 10 Jahren ist er zu einem der größten Jazzmusiker aller Zeiten geworden.

„A Love Supreme“ wurde zur Hymne des spirituellen Jazz schlechthin. Für mich ist das Musik gewordene Hingabe an Gott. Mit der höchsten Liebe ist Gottes Liebe gemeint. Coltrane hat dazu ein Gebet verfasst, das mit den Worten beginnt:


Sprecher: „Ich will alles tun, was ich kann, um Deiner würdig zu sein, o Herr. Es hat alles damit zu tun. Danke, Gott. Friede. Es gibt keinen anderen. Gott ist. Er ist so schön. Gott ist alles. Thank you, God - Danke, Gott.“

(Begleittext Coltranes auf dem Album/LP „A Love Supreme,“ übersetzt vom Autor)


Autor: Nach der feierlichen Eröffnung, einer Art Segensgruß, spielt der Bass eine melodische Figur, die das ganze Stück in vielen Variationen durchzieht.


Musik 3: A Love Supreme, Pt. 1: Acknowledgement; Komponist/Interpret: John Coltrane; CD: A Love Supreme, Track 1; Label: ? 2011 The Verve Music Group, a Division of UMG Recordings, Inc.; LC: 89825


Autor: Diese Figur mutet ein wenig wie ein Mantra an - eines jener heiligen Worte, die in den asiatischen Religionen als Klangkörper gelten, in denen Gott oder spirituelle Kräfte spürbar werden, wenn man sie in einem gleichbleibenden Rhythmus ständig wiederholt. Coltrane hat sich mit den asiatischen Religionen und auch mit dem Islam beschäftigt. Er hat einmal gesagt, er glaube an alle Religionen. Damit meinte er wohl: an das, was ihnen gemeinsam ist, die Verbundenheit mit Gott und die Liebe. In der christlichen Tradition formuliert das etwa der 1. Johannesbrief im Neuen Testament:


Sprecherin: „Ihr Lieben, lasst die Liebe unter uns den Ton angeben, denn die Liebe kommt von Gott. Wer liebt, ist ein Kind Gottes und zeigt, dass er Gott kennt. Wer nicht liebt, kennt Gott nicht, denn Gott ist die Liebe.“

(Gute-Nachricht-Übersetzung, vom Autor überarbeitet)


Musik 3: „A Love Supreme“


Autor: Wie ist das in der Musik? Was soll man festlegen, und was soll man dem freien Spiel der Kräfte überlassen, der Improvisation und Intuition? Bigbands - die Orchester des Jazz - spielen nach festgelegten Partituren. Aber von vielen Jazz-Titeln ist nur wenig notiert. Jazz lebt von der Improvisation. Das gibt den Musikern eine große Freiheit, sich selbst auszudrücken und zu entfalten. Wenn man sie fragt, wie man ein guter Jazzmusiker wird, antworten viele: „Play yourself, man!“ - spiel Dich selbst! Das sagt mir auch mein Glaube: „Spiel Dich selbst!“ Steh zu Dir selbst. Sei Du selbst. Denn so und nicht anders bist Du ein Ebenbild Gottes, von ihm bejaht und geliebt.


Aber je weniger im Voraus festgelegt ist, desto sensibler und aufmerksamer muss ich auf meine Mitspieler hören und auf das eingehen, was sie spielen. Sonst kann kein harmonisches Ganzes entstehen.


Sprecherin: „Es gibt verschiedene Begabungen, aber es ist ein Geist, der sie verleiht. Es gibt verschiedene Aufgaben, aber es ist ein Herr, der sie zuteilt. Es gibt verschiedene Kräfte, aber es ist ein Gott, der in ihnen wirkt. Was sein Geist in einem jedem von uns bewirkt, soll allen zugutekommen.“

(Übersetzung vom Autor, angelehnt an die Gute-Nachricht-Übersetzung)


Autor: So der Apostel Paulus im 1.Korintherbrief. Auch darin ist Musik für mich ein Gleichnis für den Glauben und das Leben überhaupt. Was für ein Glück, wenn man diesen Geist spürt, der allen zugutekommt. Der das Ganze zusammenhält und doch den Einzelnen Raum gibt, sich zu entfalten. Der Organist Larry Young war ebenfalls ein tief religiöser Jazzmusiker. Der Gitarrist Grant Green hat einmal gesagt:


Sprecher: „Larry steht Dir nie im Weg. Im Gegenteil: er hört genau hin und baut das, was er spielt, immer um das herum, was Du machst. Er kann sich auf jeden Mitmusiker einstellen.“

(http://hardbop.tripod.com/lyoung.html, aufgerufen am 25.06.2020, übersetzt vom Autor)


Autor: Den Titel seines Albums „Unity“ - „Einigkeit“ - hat er bewusst gewählt, denn hier haben vier ausgesprochen individuelle Musiker-Persönlichkeiten zueinander gefunden und sind zu einer Einheit geworden.


Musik 1: If (remastered)


Autor: Musik hat etwas Ungreifbares, Flüchtiges. Ein Bild kann ich betrachten, solange ich will. Aber Musik erklingt und verklingt im selben Moment. So gesehen ist sie so ungreifbar wie Gott selbst. Und doch liegt in ihr eine gewaltige Kraft. Sie kann die ganze Bandbreite menschlicher Gefühle ausdrücken und selber starke Emotionen erzeugen.


Auch in der Kirche ist der Jazz längst angekommen. Bereits in den 60er Jahren hat es Jazz-Messen gegeben. In den letzten Jahren haben Bob Chilcott und Johannes Matthias Michel Jazz-Messen geschrieben. In Mönchengladbach treten beim Festival „Jazz in der Kirche“ regionale Künstler und Jazzmusiker von internationalem Rang auf - im November dieses Jahres soll es das nächste Mal stattfinden. Die Jazzkirche Düsseldorf veranstaltet regelmäßig Jazz-Gottesdienste in der Neanderkirche. Und es gibt noch einige weitere Orte, an denen Jazz-begeisterte Pfarrer oder Kirchenmusiker den Jazz immer wieder gern in ihre Kirchen holen. Manche, wie der Berliner Saxophonist Uwe Steinmetz, verstehen sich dabei erklärtermaßen als christliche Musiker.


In einem der großen Welt-Erfolge von Duke Ellington heißt es: „It don’t mean a thing, if it ain’t got that swing,” zu Deutsch: “Es hat nichts zu bedeuten, wenn es nicht diesen Swing hat,“ diesen schwebenden, vorwärtstreibenden Rhythmus, der für den Jazz so typisch ist. Oder den Groove, was so viel wie „Puls“ bedeutet. Jazz muss swingen, pulsieren, grooven, sonst ist es kein Jazz.


Musik 1: If (remastered)


Autor: Was das ist, Swing oder Groove, lässt sich schwer beschreiben. Ich muss es fühlen. Ein Jazzmusiker hält sich nicht sklavisch an vorgegebene Notenwerte, sondern spielt damit und interpretiert sie auf seine eigene, oft sehr freie Weise. Minimale Abweichungen vom exakten Maß sind oft mehr nur fühlbar als messbar. Aber in ihnen liegt gerade das Entscheidende.


Der Jazz zeigt mir, dass das Wesentliche nicht greifbar ist, sondern oft eher zwischen den Zeilen steht. In der Musik, im Leben und im Glauben. Gott begegnet mir nicht nur in kirchlichen Ordnungen oder Lehren. Glaube kann nicht gelehrt, er muss erlebt werden. It don’t mean a thing, es hat nichts zu bedeuten, wenn da kein Swing oder Groove drin ist, wenn da nichts mitschwingt, was über das Sichtbare, Greifbare und das vordergründig Gesagte hinausgeht. Die Musik verhilft mir zu solchen Erfahrungen zwischen Himmel und Erde, in denen ich mich Gott nah fühle.


Einen be-swingten Sonntag und Erfahrungen mit Gottes geheimnisvoller Gegenwart wünscht Ihnen Pfarrer Johannes Doering von der Evangelischen Kirchengemeinde Unna.


Musik 4: A Little Jazz Mass (version for mixed chorus, piano, double bass and drum kit); Interpret: Will Todd Trio, Christopher Finch & Wellensian Consort; Komposition: Bob Chilcott & Mass Text; CD: Chilcott: Everyone Sang - A Little Jazz Mass, Track 6; Label: ? 2013 Naxos; LC: 05537



Redaktion: Landespfarrer Dr. Titus Reinmuth





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