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Das Geistliche Wort | 17.11.2019 | 08:40 Uhr

Stolpersteine

Sprecherin: Hier wohnte David Bronstein. Jahrgang 1903. Ermordet am 17. April 1942 in Theresienstadt.“

Autor: Ich bin oft über diese Worte gestolpert. Sie stehen auf einem sogenannten „Stolperstein“, der vor meinem alten Wohnhaus in Duisburg liegt. Ein Stolperstein: Das ist ein kleiner, etwa 10 mal 10 cm großer Pflasterstein, oben drauf eine glänzende Messingplatte mit einer Inschrift und liegt vor Häusern, in denen Menschen lebten, die in der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt und ermordet wurden. Der Künstler Gunter Demning verlegt die Steine. David Bronstein hat in meinem alten Haus gewohnt. Er war Mitglied der jüdischen Gemeinde. Und er ist 1942 von den Nationalsozialisten im Konzentrationslager Theresienstadt ermordet worden.

Über David Bronsteins Stolperstein bin ich nie mit den Füssen gestolpert. Ich bin mit den Augen darüber gestolpert. Wenn ich aus dem Haus ging, ist mein Blick an dem Stolperstein hängen geblieben. Mit welchen Gedanken und Gefühlen ist wohl David Bronstein in der Zeit des Nationalsozialismus aus diesem Haus getreten? Darüber habe ich manches Mal nachgedacht, wenn ich unser Haus verlassen habe. Genau das ist Sinn und Zwecke der Stolpersteine: Ich soll über sie stolpern, die Inschrift lesen und mich erinnern. Ich soll mich daran erinnern, dass hier vor mir jemand zu Hause war hat, der brutal ermordet worden ist. Sein Leben ist ausgelöscht. Aber sein Name soll mir in Erinnerung bleiben.

„Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist.“, heißt es im Talmud, der maßgeblichen Lehrschrift des Judentums. Gunter Demning nimmt diesen Gedanken ernst, in dem er europaweit Stolpersteine für die Opfer des Nationalsozialismus verlegt. Mit seiner Aktion will er erreichen, dass die Opfer nicht vergessen werden und sagt damit auf seine Weise „Nie wieder!“

Über David Bronstein weiß ich nicht viel mehr, als seinen Namen. Der aber wird mir immer in Erinnerung bleiben.

Musik 1: Track 1: Aaben bog, von CD „Utopia“, Interpreten: Bremer/McCoy, Musik: Morten McCoy & Jonathan Bremer, Verlag: Luaka-Bop, Kopenhagen, 2019, LC-Nr.: 6808990095-2-2

Autor: Stolpern. Der heutige Volkstrauertag ist eine gedankliche Stolperfalle für mich. Er liegt quer zur adventlichen Stimmung, die sich in der Stadt ausbreitet. Während in den Einkaufsstraßen die Buden der Weihnachtsmärkte aufgebaut werden, werden auf vielen Friedhöfen Trauerkränze hingelegt. Mit den Trauerkränzen wird an die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft erinnert. Sie sollen nicht in Vergessenheit geraten. Der Trauerkranz als Stolperfalle. Am Volkstrauertag denke ich noch einmal ganz anders über das in unserer Welt geschehene Unrecht nach.

Tagein, tagaus bricht eine Flut von Nachrichten über Krieg und Terror über mich herein. Ich merke, ich werde gleichgültig, stumpfe ab. Es passiert irgendwo auf der Welt. Nicht vor meiner Haustür. Das ist eben so. Am Volkstrauertag halte ich inne. Einmal im Jahr höre ich ein deutliches: „Stop!“ Vergesst die Opfer von Terror und Gewalt nicht! Jede und jede ist es wert, dass man sich an sie erinnert.

Zum Volkstrauertag, diesem Stolperstein-Gedenktag, passt eine Geschichte aus der Bibel. Es ist ein Gleichnis aus dem Lukasevangelium, das mich – wie der Gedanke an den ermordeten David Bronstein – gedanklich stolpern lässt.

Musik 2: Track 2: Hojder, von CD „Utopia“, Interpreten: Bremer/McCoy, Musik: Morten McCoy & Jonathan Bremer, Verlag: Luaka-Bop, Kopenhagen, 2019, LC-Nr.:  6808990095-2-2

Sprecherin:  ”Er sprach aber auch zu den Jüngern: Es war ein reicher Mann, der hatte einen Verwalter; der wurde bei ihm beschuldigt, er verschleudere ihm seinen Besitz. Und er ließ ihn rufen und sprach zu ihm: Was höre ich da von dir? Gib Rechenschaft über deine Verwaltung; denn du kannst hinfort nicht Verwalter sein. Da sprach der Verwalter bei sich selbst: Was soll ich tun? Mein Herr nimmt mir das Amt; graben kann ich nicht, auch schäme ich mich zu betteln. Ich weiß, was ich tun will, damit sie mich in ihre Häuser aufnehmen, wenn ich von dem Amt abgesetzt werde. Und er rief zu sich die Schuldner seines Herrn, einen jeden für sich, und sprach zu dem ersten: Wie viel bist du meinem Herrn schuldig? Der sprach: Hundert Fass Öl. Und er sprach zu ihm: Nimm deinen Schuldschein, setz dich hin und schreib flugs fünfzig. Danach sprach er zu dem zweiten: Du aber, wie viel bist du schuldig? Der sprach: Hundert Sack Weizen. Er sprach zu ihm: Nimm deinen Schuldschein und schreib achtzig. Und der Herr lobte den ungerechten Verwalter, weil er klug gehandelt hatte. Denn die Kinder dieser Welt sind unter ihresgleichen klüger als die Kinder des Lichts.” (1)

Musik 3: Track 2: Hojder, von CD „Utopia“, Interpreten: Bremer/McCoy, Musik: Morten McCoy & Jonathan Bremer, Verlag: Luaka-Bop, Kopenhagen, 2019, LC-Nr.:  6808990095-2-2

Autor: Ich stolpere in diesem Gleichnis darüber, dass Jesus sagt: der ungerechte Verwalter ist gar nicht so ungerecht, sondern er verhält sich vorbildlich. Ich stolpere darüber, weil dieser Verwalter doch gerade seiner Geschäftemacherei wegen ins Stolpern geraten ist. Im Auftrag seines reichen Chefs soll er sich um erhebliche Summe kümmern, doch es kommt heraus, dass er das Vermögen seines Chefs nicht mehrt, sondern mindert. Das freut seinen Chef verständlicherweise nicht.

Sprecherin: „Was höre ich da von dir? Gib Rechenschaft über deine Verwaltung; denn du kannst hinfort nicht Verwalter sein.“

Autor: Der Verwalter muss also gehen. Ob er faul gewesen ist oder auf riskante Anlagestrategien gesetzt hat, erfahren wir nicht. In dieser Situation kurz vor seinem drohenden Amtsverlust überlegt er fieberhaft, was er noch tun kann, um sein Leben danach wenigstens einigermaßen abzusichern. Da kommt ihm die Idee, seine Noch-Kompetenzen zu nutzen, um den Kreditnehmern seines Chefs stark reduzierte Schuldscheine auszustellen. Damit will er ihr Wohlwollen gewinnen. Sie sollen ihm freundlich gesonnen sein, ihn bei sich aufnehmen und ihm vielleicht eine neue Arbeit geben, wenn er seinen Job bei dem alten Chef endgültig los ist.

Musik 4: Track 3: Bjerget, von CD „Utopia“, Interpreten: Bremer/McCoy, Musik: Morten McCoy & Jonathan Bremer, Verlag: Luaka-Bop, Kopenhagen, 2019, LC-Nr.:  6808990095-2-2

Autor: Was mich in der biblischen Geschichte vom ungerechten Verwalter gedanklich stolpern lässt, sind nicht die windigen Geschäfte des Verwalters. So was gab es und so was gibt es. Was mich bei dieser Geschichte „Moment mal!“ sagen lässt, ist die Tatsache, dass Jesus sie als Beispielgeschichte erzählt. Will Jesus uns hier etwa riskante und halblegale Finanzstrategien empfehlen? Ein Blick auf das Ende der Geschichte hilft, zum Kern der Geschichte vorzudringen. Da lobt der um sein Geld gebrachte Chef seinen ungerechten Verwalter, weil dieser klug gehandelt hat. Spätestens hier wird klar, dass es Jesus um mehr geht, als nur um das Darstellen einer fragwürdigen Finanzaktion.

Nicht an diesem Verwalter an sich soll ich mir ein Beispiel nehmen. Der wird auch am Ende der Geschichte noch als „ungerecht“ bezeichnet. Woran ich mir ein Beispiel nehmen soll, ist seine mutige und anpackende Haltung im Angesicht einer ungewissen Zukunft.

Die wenige Zeit im Amt, die dem Verwalter noch verbleibt, verbringt dieser nicht mit Ausreden, nicht mit Rechtfertigungen und nicht mit Selbstmitleid. Er nutzt die Zeit auch nicht, um sich selber zu bereichern und Geld beiseite zu schaffen. Mit den günstigen Schuldscheinen investiert der Verwalter seine verbleibende Zeit in das Schaffen von guten Beziehungen, die ihm eine bessere Zukunft versprechen. 

Musik 5: Track 2: Hojder, von CD „Utopia“, Interpreten: Bremer/McCoy, Musik: Morten McCoy & Jonathan Bremer, Verlag: Luaka-Bop, Kopenhagen, 2019, LC-Nr.:  6808990095-2-2

Autor: Ich glaube, ich soll mich in diesem Verwalter wiedererkennen. Schließlich setzt Gott im Buch Genesis den Menschen zum Verwalter seiner Schöpfung ein. Bebauen und Bewahren ist sein Auftrag. Wen ich auf die Ergebnisse der alljährlich stattfindenden Weltklimakonferenzen schaue, frage ich mich, ob die Menschen dem ungerechten Verwalter im Stadium vor oder nach seiner angedrohten Amtsenthebung gleichen. Da sind auf der einen Seite die, die die Augen vor dem Klimawandel verschließen; die das alles als falsche Nachrichten, als Fake-News abtun und zuerst an ihr eigenes Land und an ihre eigene Tasche denken. Und dann sind da auf der anderen Seite die, die die Zeichen der Zeit erkannt haben. Die, die sich fragen, was sie mit der Zeit, die ihnen zum Handeln bleibt, Gutes tun können.

An dieser Stelle denke ich natürlich an die Fridays-for-Future-Bewegung und an die vielen Menschen weltweit, die für die Rettung unseres Planeten und damit für die Bewahrung der Schöpfung auf die Straße gehen. Und ich denke an Initiativen und Unternehmen, die mit neuen Strategien den Klimawandel eindämmen wollen. Die dabei nicht auf die Erlaubnis von Staatschefs warten. Eine Zeitung hat diese neue, anpackende Haltung einmal mit den Worten beschrieben: „Der Blickwinkel hat sich gewandelt von „Hilfe, die Welt geht unter!“ zu „Wir retten die Welt und verdienen auch noch daran“. Manchmal sind sie ganz schön klug, die Kinder dieser Welt.

Musik 6: Track 5: Salme, von CD „Utopia“, Interpreten: Bremer/McCoy, Musik: Morten McCoy & Jonathan Bremer, Verlag: Luaka-Bop, Kopenhagen, 2019, LC-Nr.:  6808990095-2-2

Autor: Mit dem Gleichnis vom ungerechten Verwalter geht es Jesus nicht nur um meine Beziehung zur Erde und zu Gottes Schöpfung. Jesus spricht damit gerade auch meine Beziehung zu meinen Mitmenschen an. Ich soll mutig und risikobereit in diese Beziehungen investieren, wie der Verwalter im Gleichnis. Das ist ein guter Ratschlag am Volkstrauertag.

In diesen Novembertagen vor 80 Jahren, nicht lange also nach Beginn des zweiten Weltkriegs, haben die deutschen Besatzer unvorstellbares großes Leid über tschechische Studenten in der Hauptstadt Prag gebracht. Weil einige Studenten im Oktober 1939 gegen die deutsche Besatzung demonstrierten, ordnete Hitler die „Ruhigstellung“ der tschechischen Studenten an. Daraufhin stürmten die Nationalsozialisten Studentenwohnheime in Prag. Neun Studenten wurden an Ort und Stelle ermordet. 1200 Studenten wurden in das Konzentrationslager Sachsenhausen deportiert, wo die meisten von Ihnen ums Leben kamen. Das Ausmaß dieser Verbrechen und die Fülle an Leid machen mich sprachlos und traurig. Vor diesem Hintergrund kommt es mir wie ein Wunder vor, dass heute, zwei Generationen später, Freundschaft zwischen Deutschland und Tschechien und Verständigung zwischen diesen Völkern schon lange wieder real und normal sind.

Das Gleichnis am Volkstrauertag mahnt, in diese guten Beziehungen zwischen den Völkern Europas weiterhin zu investieren. Das ist gerade in diesen Zeiten wichtig, wo Nationalismus und Separatismus sich wieder breitmachen. Und es ist im Sinne des Gleichnisses, wenn wir uns davon nicht bange machen lassen; lieber sollen wir uns für gute Beziehungen zwischen Menschen und Völkern einsetzen.

Musik 7: Track 7: Solopgang, von CD „Utopia“, Interpreten: Bremer/McCoy, Musik: Morten McCoy & Jonathan Bremer, Verlag: Luaka-Bop, Kopenhagen, 2019, LC-Nr.:  6808990095-2-2

Sprecherin: „Wir trauern mit allen, die Leid tragen um die Toten, und teilen ihren Schmerz. Aber unser Leben steht im Zeichen der Hoffnung auf Versöhnung unter den Menschen und Völkern, und unsere Verantwortung gilt dem Frieden unter den Menschen zu Hause und in der ganzen Welt.“ (2)

Autor: Mit diesen Worten endet das Totengedenken, das am Volkstrauertag vom Bundespräsidenten gesprochen wird. Theodor Heuss hat 1952 mit dieser Tradition begonnen. Was ich an diesen Worten wichtig finde ist, dass sie vom „Frieden zu Hause und in der ganzen Welt“ sprechen. Der Weltfrieden und der Frieden in unserem Umfeld gehören zusammen. Die Art und Weise, wie wir miteinander leben, zieht Kreise.

Das bedeutet, dass wir alle etwas tun können, damit es in dieser Welt menschlicher zugeht.

Wir können damit in der Familie oder auf der Arbeit anfangen, indem wir einander mehr Aufmerksamkeit und Freundlichkeit schenken. Wir können damit im Straßenverkehr weitermachen, wenn wir weniger drängeln und hupen, aber dafür mehr Rücksicht aufeinander nehmen. Ich glaube fest daran, dass unsere kleinen Bemühungen um Frieden große Kreise ziehen werden.  Jede Tat zählt, jeder Einsatz für den Frieden ist wichtig. 

Auch das Engagement von einzelnen ist wichtig. Das Stolperstein-Projekt von Gunter Demnig ist dafür ein gutes Beispiel. Zuerst war es nur die einsame Idee eines einzelnen Künstlers. Heute ist es mit 61.000 Steinen das größte dezentrale Mahnmal der Welt.

Einen gesegneten Volkstrauertag wünscht Ihnen Ihr Peter Krogull von der Evangelischen Kirche in Düsseldorf.

Musik 8: Track 1: Aaben bog, von CD „Utopia“, Interpreten: Bremer/McCoy, Musik: Morten McCoy & Jonathan Bremer, Verlag: Luaka-Bop, Kopenhagen, 2019, LC-Nr.:  6808990095-2-2

 

Quellenangaben:

(1) Lukasevangelium 16, 1-8, aus: Die Lutherbibel 2017
(2) Der Bundespräsident, Totengedenken zum Volkstrauertag http://www.bundespraesident.de 

Redaktion: Pfarrerin Julia-Rebecca Riedel


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