Aktuelles

Beiträge auf wdr5 

evangelisch

Das Geistliche Wort | 03.03.2019 | 08:35 Uhr

Suche Frieden und jage ihm nach (Jahreslosung 2019)

Er sitzt am Frühstückstisch und öffnet gerade sein Ei. Sie werkelt in der Nähe.

E(r): Susanne!

S(ie): Ja …!

E: Das Ei ist hart!

S: (schweigt)

E: Das Ei ist hart!

S: Ich hab’s gehört!

E: Wie lange hat das Ei denn gekocht?

S: Meine Güte, es hat wie immer gekocht! Sind wir jetzt bei Loriot oder was?

E: Jetzt komm mal runter! Ich hab doch nur gefragt, wie lange das Ei gekocht hat!

S: Ja, aber in was für nem Ton!

E: Boah, darf ich jetzt nichts mehr fragen oder was?

S: Du hast nicht gefragt! Du hast mich total vorwurfsvoll auf das Ei hingewiesen!

E: Hab ich überhaupt nicht! Wie kommst Du auf vorwurfsvoll?

S: Hast Du wohl! Und das machst Du immer so!

E: Stimmt doch gar nicht!

S: Immer hast Du diesen vorwurfsvollen Ton drauf!

E: Sag mal, spinnst Du? Wer ist denn jetzt vorwurfsvoll, bitte schön??

S: Na, DU natürlich!!

E: Quatsch! DU schüttest mich doch direkt mit Vorwürfen voll! Ich brauch nur

mal was zu sagen, da bist Du schon auf hundertachtzig! Ist IMMER so!

S: Ist überhaupt nicht wahr!!

E: Natürlich! Morgens hast Du immer schlechte Laune! Und sobald ich auch nur

irgendwas sage …

S: Ach ja?? Vielleicht fragst Du Dich mal, warum meine Laune so bescheiden ist!!

E: Vielleicht fragst DU Dich mal, wie es mir geht! Nur mal so zur Abwechslung!

S: Ach! Wie es DIR geht! Immer geht’s um Dich! Immer dreht sich alles nur um Dich.

Der Herr will sein Ei auf den Punkt? Bitte schön, da hast Du’s!

Schnappt sich das Ei und will es auf ihn werfen.

E: Bist Du verrückt, das Ei nach mir zu werfen? Das sind Lebensmittel!!

S: Na und? Das interessiert Dich doch sonst überhaupt nicht!

E: Bist Du jetzt total übergeschnappt oder was? Gib mir das verflixte Ei zurück!!

S: Mach Dir doch ein neues! Ist doch sowieso zu hart.

E wird richtig sauer und springt auf.

E: Ey, sag mal, Du hast sie echt nicht mehr alle. Mann, ich glaub, ich hau ab.

S: Ja, hau doch ab! Wirst sehen, was Du davon hast!

E: Wenn Du so weiter machst, mach ich das auch!

S: Siehst Du! Du solltest Dein Gesicht jetzt mal sehen! Du siehst echt aus wie …

E: Halt den Mund! Halt endlich mal den Mund!!

S: Meine Mutter hatte recht! Ich hätte Dich nie heiraten sollen!

E: verächtlich „Meine Mutter, meine Mutter…“ Dann geht doch zu Mama. Aber weißt Du was: Ich hau ab. Ich geh jetzt. Mach, was Du willst!

E steht ruckartig, empört und schnaufend auf und verlässt – die Tür knallend - den Raum. S bleibt wutschnaubend stehen.

S: Ich bring ihn um! Morgen bring ich ihn um!

Autor: Susanne nimmt das Ei in die Hand, betrachtet es, wird ruhiger, schaut plötzlich ungläubig. Wie konnte aus dem Streit um das Ei so etwas entstehen?

Musik 1 : René Aubry: Track 17 E giunta Mezzanotte , Komponist und Interpret: René Aubry, von CD: Now, René Aubry (Komponist, Interpret), Label: René Aubry 2015, Bestellnummer: 8407922, Copyright (2016), LC-Nr. unbekannt.

Autor: Guten Morgen, ich vermute dass Ihnen Szenen wie diese gerade nicht völlig unbekannt sind. Das geht mir genauso. Und ich finde, was da gerade zwischen den beiden abgelaufen ist, ist ganz typisch und passiert schnell.

Da sagt oder tut einer was. Und der andere fühlt sich dadurch angegriffen. Und geht sofort in Verteidigungsposition und schießt zurück. Dadurch fühlt sich der Erste wieder verletzt und wehrt sich dagegen. Und so geht das hin und her und die Worte werden härter. Und beide sagen voller Überzeugung: „Ich reagiere doch nur! Ich verteidige mich doch nur! Der hat doch …“ Und keiner sieht: Was der Eine als Verteidigung versteht, ist für den anderen ein schmerzhafter Angriff. Das gilt für den Ehekrach genauso wie für Konflikte zwischen Staaten oder Volksgruppen. Und da wird eins schon deutlich, was für das Suchen des Friedens ganz wichtig ist: Wir müssen aufhören, uns in Konflikten nur als Opfer zu sehen. Sind wir nicht! Was wäre, wenn in jedem Konflikt alle Beteiligten als Erstes fragen würden: Was ist mein Anteil an dieser Situation? Allein diese Frage kann schon etwas verändern.

Natürlich ist das echt anstrengend. Das verlangt einem was ab. Frieden kommt nicht von allein. Daran erinnert ein Spruch aus der Bibel. Gewissermaßen das Jahresmotto der Kirche. In diesem Jahr heißt es: „Suche Frieden und jage ihm nach!“. Ich bin mit der Überzeugung aufgewachsen: Krieg wird es zumindest hier bei uns in Europa nie wieder geben. Wir haben aus dem Wahnsinn der Weltkriege gelernt. Wir haben Europa zu einer Friedenseinheit gemacht. Und dahinter werden wir nie wieder zurückfallen.

Ich muss gestehen: Ich bin mir da nach den Entwicklungen der letzten Jahre nicht mehr ganz so sicher. Und sehe deutlicher als früher: Frieden muss immer wieder neu gesucht und gestärkt werden. Der bleibt nicht automatisch für alle Zeiten, wenn er einmal da ist. Manchmal muss man ihm wirklich nachjagen, wie es in der Bibel heißt. „Suche Frieden und jage ihm nach“.

Das hebräische Wort für „nachjagen“ in diesem Satz bedeutet eigentlich: sich anstrengen, sich bemühen, hartnäckig dranbleiben. Wer den Frieden sucht, braucht genau das: Geduld, langen Atem und Frusttoleranz. Die Verhandlungen über das Atomprogramm des Iran zum Beispiel dauerten neun Jahre. Neun Jahre! Wie viele Stunden haben die Unterhändler da zusammengesessen und geredet! Wie oft waren diese Gespräche schon fast gescheitert – und wurden doch wieder aufgenommen. Wie oft dachten die Unterhändler, sie seien kurz vor dem Durchbruch – und dann kam doch wieder was dazwischen. Sie haben immer weitergemacht! Ich glaube, vielen ist gar nicht klar, was das für eine Leistung war. Auch wenn beide Seiten mit Sicherheit einiges an der Vereinbarung auszusetzen hatten. Das ist bei Kompromissen immer so. Und auch das gehört zum Frieden-Suchen mit dazu: auszuhalten, dass Friedensverträge nie genau so sind, wie wir sie gerne hätten.

Musik 2: Track 15 Give Peace a Chance von CD Power To The People, Interpreten: The Plastic Ono Band / John Lennon Yoko Ono, Text/Komponist: John Lennon/Paul McCartney, Label: EMI UK Beatles, Copyright: 2010 Capitol Records Inc. (4:52)

Autorin: „Suche Frieden und jage ihm nach“ – was kann da hilfreich sein – im Großen wie im Kleinen? Es wäre so schön, wenn es da ein einfaches Rezept gäbe – aber das hat leider niemand. Auch die Bibel gibt uns das nicht. Aber sie gibt uns eine ganze Reihe guter Anstöße und Impulse. Gerade in der Bergpredigt. Da sagt Jesus zum Beispiel:

Sprecher: „Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt ist: "Du sollst nicht töten"; wer aber tötet, der soll des Gerichts schuldig sein. Ich aber sage euch: Wer mit seinem Bruder zürnt, der ist des Gerichts schuldig; wer aber zu seinem Bruder sagt: Du Nichtsnutz!, der ist des Hohen Rats schuldig; wer aber sagt: Du Narr!, der ist des höllischen Feuers schuldig.“ (1)

Autorin: Ich glaube nicht, dass Jesus hier meint: „Wenn Du mal jemanden beschimpfst, landest Du in der Hölle!“ Sondern dass er sehr deutlich machen will: Töten beginnt nicht erst da, wo einer mit der Waffe auf den anderen losgeht. Töten beginnt viel früher. Und zwar mit Worten. Alle Kriege werden durch Worte vorbereitet. Da werden Menschen als Ungeziefer bezeichnet. Oder als Bazillen oder Krebsgeschwüre. Vor jedem Krieg steht die Entmenschlichung von Menschen durch Sprache. Und deshalb schärft Jesus uns ein: „Wenn Ihr Frieden schaffen wollt, achtet auf Eure Sprache! Achtet darauf, wie Ihr miteinander und übereinander redet! Achtet darauf, dass Eure Worte nicht die Würde des anderen verletzen. Wählt Worte, die deutlich machen, dass der andere ein Mensch ist – und zwar auch dann, wenn er Euch wehgetan hat, auch wenn Ihr ihn fürchtet, auch wenn Ihr Euch über ihn ärgert.“ Ich halte diesen Hinweis Jesu gerade in unserer Zeit für ausgesprochen wichtig. Wenn ich bei Facebook oder auch in Leserbriefen in Zeitungen manche Kommentare lese, wird mir ganz anders. Wie reden wir übereinander? Wie führen wir Diskussionen? Wir brauchen Menschen, die sachlich und fair reden und Konflikte austragen. Egal ob in der Partnerschaft oder in der Politik. Oder mit Jesus gesprochen:

Sprecher: „Behandle die anderen so, wie Du von ihnen behandelt werden möchtest. Das ist der Kern der Gebote und der Prophetenworte.“ (2)

Autorin: Das klingt ja erst mal ganz selbstverständlich und einfach. Ist aber in Wirklichkeit ziemlich anspruchsvoll. Denn da steckt die Aufforderung drin: „Bevor Du einem anderen etwas tust oder sagst, versetze Dich erst mal in seine Lage. Wie würde es Dir in seiner Situation gehen? Was würdest Du brauchen?

Welche Worte und Taten würden Dir helfen – und welche gerade nicht? Und dann behandle den anderen so, wie es Dir am besten täte.

Und das Heftige daran ist ja, dass Jesus sagt: „So sollst Du nicht nur mit Deinen Nächsten umgehen, mit Familie und Freunden, sondern auch mit Deinen Feinden! Mit den Leuten, die Du nicht abkannst, die Dich nicht gut behandeln. Mit denen Du es richtig schwer hast.“ Das ist eine echte Zumutung. Aber es ist das einzige Mittel gegen die Gefahr der Entmenschlichung und Verteufelung des Feindes. Dass man sich in ihn hineinversetzt und sich klar macht: auch mein Feind ist ein Mensch. Auch er hat Bedürfnisse. Auch er hat Ängste. Auch er hat berechtigte Sicherheitsinteressen. Er braucht es genauso wie Du, geachtet und wertgeschätzt zu werden. Es ist für uns alle ausgesprochen verletzend, missachtet oder gedemütigt zu werden. Wäre es da nicht nach Jesus logisch, die Demütigung von Menschen zu vermeiden? Stattdessen geschieht genau das immer wieder, gerade auch in der Weltpolitik. Ein Beispiel: 1953 wurde der Rechtsanwalt Mohammad Mossadegh zum Premierminister des Iran gewählt. Mossadegh war im Westen ausgebildet und durchaus westlich ausgerichtet. Zugleich wollte er aber mehr Geld aus der Erdölproduktion dem eigenen Volk zu Gute kommen lassen. Das gefiel Großbritannien und den USA gar nicht. Und in einer gemeinsamen Aktion von MI6 und CIA wurde Mossadegh gestürzt und das brutale Schah-Regime eingesetzt. Ich frage mich: Haben die westlichen Akteure sich je gefragt, wie demütigend eine solche Aktion für die Iraner gewesen sein muss? (3)

Ich will damit nicht sagen, dass der Westen an allem Schuld ist. Und schon gar nicht will ich die Brutalität und Menschenverachtung des iranischen Regimes entschuldigen. Aber die Frage stellt sich mir schon: Wie wäre das Verhältnis zum Iran heute, wie sähe es heute im ganzen Nahen und Mittleren Osten aus, wenn die westlichen Staaten damals gesagt hätten: „Wir achten Euren Anspruch auf Einnahmen aus Euren eigenen Bodenschätzen. Wir verhandeln neu mit Euch über die Preise – hart, aber fair und vor allem auf Augenhöhe.“

Wer den Frieden sucht, braucht diese Bereitschaft: sein Gegenüber zu achten und nicht zu demütigen. Ich weiß, das ist nicht immer leicht. Manchmal empfinden Menschen schon ein kritisches Wort als verletzend und demütigend. Das können wir ihnen aber nicht ersparen. Kritik muss möglich sein. Manche erreichen wir auch mit Wertschätzung und Achtung nicht. Gerade deshalb schreibt Paulus im Römerbrief:

Sprecher: „Soweit es an Euch liegt, haltet mit allen Menschen Frieden.“ (4)

Musik 3: Track 15 House Blues, Komponist und Interpret: René Aubry, von CD: Now, René Aubry (Komponist, Interpret), Label: René Aubry 2015, Bestellnummer: 8407922, Copyright (2016), LC-Nr. unbekannt.

Autor: Nicht alles „liegt an uns“. Aber das, was an uns liegt, das lasst uns tun.

Wie gesagt: Das ist alles kein Kinderspiel. Und da kann man sich schon fragen: Wo soll die Kraft dafür denn herkommen? Ich glaube, für die Suche nach Frieden brauche ich tatsächlich eine Kraftquelle, die nicht allein aus mir selbst kommt. Und vor allem: Um zum Frieden in dieser schönen, schwierigen, verwickelten Welt beizutragen, brauche ich erst mal zumindest halbwegs Frieden in mir selbst. Die Fähigkeit, mich mit meinen Stärken und Schwächen zu achten, mit meiner Zärtlichkeit und meiner Fähigkeit, anderen Gewalt anzutun. Frieden beginnt damit, dass ich aufhöre, mich selbst runterzumachen und schlecht zu behandeln. Frieden beginnt damit, dass ich Gott erlaube, mich zu lieben. Und meine Wunden zu berühren. Zu heilen, was in mir verletzt und zornig ist. Den Frieden in meine Seele zu lassen, den Er mir immer schon anbietet. Das hat nicht nur mit meinem persönlichen Seelenheil zu tun. Es hat Auswirkungen für diese Welt.

Wenn ich mich von Gott tief geliebt weiß, gehalten und getragen, dann habe ich es nicht nötig, mich selber so wichtig zu nehmen. Dann muss ich nicht mehr auf jede Verletzung mit einer Gegenverletzung reagieren. Gott hat längst Frieden mit mir geschlossen und so kann ich zu einem Werkzeug des Friedens in dieser Welt werden. Und die Kraft finden, um zumindest ansatzweise das zu tun, wozu der Apostel Paulus im Römerbrief ermutigt:

Sprecher: „Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“ (5)

Autorin: Einen erfüllten, friedlichen Sonntag wünscht Ihnen Ihr Pfarrer Joachim Römelt von der Evangelischen Kirchengemeinde Solingen-Dorp.

Musik 4: Track 22 Finale „Auch unser Traum“ von CD Das Chormusical Martin Luther King – Ein Traum verändert die Welt, Text: Andreas Malessa, Komposition: Hanjo Gäbler / Christoph Terbuyken, Interpreten: Gino Emnes, Peti van der Velde, Karolin Konert, Bonita Niessen, Andreas Wolfram, Benjamin Eberling, Stefan Stara, Kathleen Bauer, Dominik Doll, Nyassa Alberta, Format: Cast Recording, Label: Creative Kirche, ASIN: B07H36T7XN, LC 15014 (2018) (4:35)

1)Die Bibel, Lutherübersetzung 2017, Matthäus 5,21-22.

2)Übertragung von Matthäus 7,12.

3)Lüders, Michael: Armageddon im Orient, München 2018.

4)Übertragung von Römer 12,18.

5)Die Bibel, Lutherübersetzung 2017, Römer 12,21.

evangelisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen