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Kirche in WDR 2 | 01.03.2019 | 05:55 Uhr

Vergibt Gott alle Schuld?

Er brauche eine ganz besondere Art von Vergebung, meint Hartmut. Sein Blick geht stumpf gerade aus durch die Windschutzscheibe. Er sitzt auf dem Beifahrersitz. 50 Meter muss er gehen, bis zur Pforte des Krankenhauses, aber er kann nicht. Zu oft ist er im letzten Jahr „eingefahren“, wie er es nennt. Als er endlich mit großer Mühe die Aufnahme erreicht, kann er auf die Frage, was er habe, gerade noch „Entgiftung“ sagen, dann verlässt ihn die Kraft.

Zu schmerzlich die Erfahrung schon wieder versagt zu haben, zu niederschmetternd die Erkenntnis, dass die Droge stärker ist als sein Wille.

Nach einer Woche Klinik kann er wieder klar denken. Ich frage ihn, was er denn gemeint habe, mit dem Satz, er brauche eine „besondere Vergebung“. Zunächst druckst er rum, gibt vor, sich nicht mehr richtig zu erinnern. Aber das stimmt nicht, wir haben schon oft über Vergebung gesprochen. Das Problem ist: Hartmut kann sich selbst nicht vergeben. Das, was er getan hat, hält er für so schlimm, dass es für ihn keine Entschuldigung geben kann, kein Verständnis. Und von Gott erwartet er keine Gnade, sondern ewige Verdammnis.

„Vergibt Gott wirklich alle Schuld?“, fragt er zwei Wochen später am Telefon. Ich merke, die Droge hat schon wieder gewonnen.

„Ja, sage ich, Gott vergibt alle Schuld, alles was wir Menschen uns selber und anderen nicht vergeben können. Das ist tatsächlich unglaublich. Aber Gott ist kein Mensch. Was bei Menschen unmöglich ist, das ist möglich bei Gott.“

„Weißt du was?“ -entfährt es ihm. „Du bist ein Scheißseelsorger!“

„Mag sein“ — sage ich, „das denkst du nur von mir, weil ich nicht sage, was du hören willst. Als Mensch kann ich dir die Freundschaft kündigen, Vertrauen entziehen, und sagen, dass es so nicht weiter geht. Aber von Gott kann ich dir nur sagen, dass er seine Hand nicht von dir nimmt, weil seine Gnade größer ist als deine Schuld.“

Schließlich will Hartmut beichten, das meint er mit „besonderer Vergebung“. Ob das am Telefon geht, will er wissen und auch, obwohl ich evangelischer Pfarrer bin und er ausgetretener Katholik, und ob das Gesagte unter uns bleiben würde.

„Unter uns und vor Gott, der dir vergibt“ - sage ich, schlage die Bibel auf und lese aus dem 1.Johannesbrief (1,9): „Wenn wir unsere Sünden bekennen, ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und uns reinigt von jeder Ungerechtigkeit.“

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