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Kirche in WDR 3 | 09.03. 2019 | 07:50 Uhr

Verlorene Schaf

Das verlorene Schaf

Guten Morgen!

Es ist ja erstaunlich, wie schnell Dinge in Vergessenheit geraten, selbst wenn sie für große Betroffenheit sorgten. Mir ist zum Beispiel vor kurzem in einem Fernsehbeitrag der Name Robert Enke begegnet. Den hatte ich ganz vergessen. Robert Enke war Torwart in der Bundesliga und in der Deutschen Nationalmannschaft. Im Jahr 2009 nahm er sich das Leben, und es wurde bekannt, dass er schon seit Jahren an schweren Depressionen litt.

Schock und Bestürzung waren damals groß. Für eine Weile hielt die Fußballbranche inne. Dieses Geschäft, in dem es um harte Kerle, Siege und Erfolg und natürlich gewaltige Geldsummen geht, stellte sich in diesen Tagen die Sinnfrage, so schien es zumindest. Man ging kritisch mit sich selbst ins Gericht und mit dem permanenten Erfolgsdruck. Man gestand ein, dass auch in diesem System auch Krisen und Krankheiten einen Platz haben müssten und nicht gleich als Schwäche ausgelegt werden dürften.

„Und heute“, so frage ich mich, „hat sich da etwas geändert?“ Ich meine: Nein. Wenn sich seit 2009 überhaupt etwas geändert hat, dann ist es schlimmer geworden. Klar, es geht ja inzwischen auch um noch mehr Geld, um unanständig viel Geld, und mit dem Geld ist auch der Erfolgsdruck gestiegen.

Der Fußball ist für mich nur ein Beispiel. Es gibt viele Systeme, die auf die Menschen, die in ihnen leben und arbeiten, Druck ausüben – tatsächlich oder gefühlt. Druck entsteht, weil es etwas gibt, das wichtiger ist als das Wohlergehen des einzelnen Menschen – meistens ist das Geld, Profit, das Bestehen im Wettbewerb. Aber nicht alle Menschen sind für ständigen Wettbewerb geschaffen. Was den einen anspornt, macht den anderen krank. Es kommt daher nicht von ungefähr, dass in Deutschland inzwischen psychische Erkrankungen der häufigste Grund für Arbeitsunfähigkeit sind.

Wenn der Arbeitsalltag von solch einer Erkrankung eines Kollegen unterbrochen wird, gibt es hin und wieder ähnliche Reflexe wie damals bei Robert Enkes Selbstmord: Ein Innehalten, ein Sich-Hinterfragen. Aber am Ende ist das System mächtiger. Es nimmt die ihm immanente Logik wieder auf: Der Betrieb muss weiterlaufen: schneller, effizienter. Und es gibt ja auch gute Gründe dafür: das Bestehen am Markt, die Sicherung von Arbeitsplätzen... Aber diejenigen, die nicht mehr mitkommen, die bleiben schnell auf der Strecke.

Es gibt zu dieser Logik ein Gegenbild. Im Neuen Testament wird das Gleichnis vom Verlorenen Schaf erzählt (Mt 18, 12-14). Es gehört zu den bekanntesten Bildern der Evangelien: Ein Mann, der 100 Schafe besitzt, lässt die Herde von 99 Schafen zurück, um nach dem einen Schaf zu suchen, das sich verirrt hat. Dieses verirrte Schaf wird häufig als Sünder gedeutet, der wieder in die Herde integriert werden soll. Solch eine Rettung der Sünder war Jesus ja auch besonders wichtig. Ich frage mich, ob man es nicht auch anders deuten kann: Der Mann, der die 100 Schafe besitzt, lässt die Herde, das heißt das System zurück, um jener einen Person nachzugehen, die gerade nicht mehr mitkommt, aus welchen Gründen auch immer. Die Person, die ihn gerade am dringendsten braucht. Und die Herde, das System, muss warten, bis das verlorene Schaf wieder da ist.

Jesus schließt das Gleichnis ab und sagt: "Euer himmlischer Vater will nicht, das einer von diesen Kleinen verloren geht." Das sagt doch sehr viel über das Gottesbild Jesu aus. Gott, der von Jesus Vater genannt wird, kann nicht zulassen, dass jene auf der Strecke bleiben, die gerade nicht mitkommen. Das ist die Logik eines anderen Systems. Die Logik des Reiches Gottes, die an vielen Stellen im Neuen Testament durchschimmert: die Kleinen werden vor den Großen bevorzugt, die Armen seliggepriesen und die Machtlosen erhoben. Ist das bloß eine Utopie, die in der realen Welt nicht umzusetzen ist? Vielleicht. Und doch vermitteln Bilder wie das vom verlorenen Schaf eine Hoffnung: Es könnte doch auch anderes zugehen in dieser unserer Welt. Ich jedenfalls will diese Hoffnung nicht aufgeben.

Ihre Claudia Nieser, Paderborn.

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