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Das Geistliche Wort | 19.04.2019 | 08:40 Uhr

Das Kreuz mit dem Kreuz

Das Kreuz mit dem Kreuz


Guten Morgen!

Als Pfarrer in der Kölner Innenstadt begegne ich jeden Tag hunderten Menschen: Pendler aus dem Hauptbahnhof, Touristen aus der ganzen Welt, Nachbarn oder die üblichen Leute, die man irgendwie kennt, aber doch nicht so richtig weiß, wo sie denn eigentlich hingehören. Und wenn ich mich da so umschaue, bin ich immer wieder überrascht: Wie viele Menschen ein kleines silbernes oder goldenes Kreuzchen tragen, zumeist an einer Halskette, manchmal auch an einem Armkettchen. Ich freue mich darüber. Es ist für mich ein Zeichen, das mich als katholischer Priester mit diesen Menschen verbindet.

Und mir ist dabei erst einmal egal, ob jemand das Kreuz mehr als Schmuckstück oder als Bekenntniszeichen trägt.

Musik I

Kreuze sind Schmuckstücke oder auch Bekenntniszeichen. Man überreicht Kreuze zur Erstkommunion, Firmung oder Konfirmation. Patentanten und Freunde verschenken sie zum Namenstag oder allen möglichen anderen Anlässen. Manche Menschen tragen sie am Hals, an der Tasche und hängen sie in ihren Wohnungen auf. Für die christliche Religion ist das Kreuz das Markenzeichen, ja das Erkennungszeichen schlechthin.

Aber wofür steht das Kreuz eigentlich? Was bedeutet es, wenn sich jemand zum Kreuz Jesu Christi bekennt? „Im Kreuz ist Heil, im Kreuz ist Leben, im Kreuz ist Hoffnung.“ – so lautet ein Satz, der heute am Karfreitag im katholischen Gottesdienst im Gedenken an den Tod Jesu am Kreuz gebetet wird. Die heilige Edith Stein, eine Glaubenszeugin des 20. Jahrhunderts, formulierte es sogar noch dramatischer: „Crux, spes unica.“ Das Kreuz ist die einzige Hoffnung.

Aber warum soll gerade vom Kreuz Heil, Leben und Hoffnung ausgehen? Steht es nicht für einen schrecklichen und leidvollen Tod? Schließlich ist die Kreuzigung eine der brutalsten Arten, einen Menschen zu töten – eine Hinrichtung für Verbrecher und Mörder. Kein Wunder: Es hat bis etwa zur Mitte des 5. Jahrhunderts gedauert, bis die erste Kreuzigungsdarstellung in der christlichen Tradition auftaucht. Zuvor wurde Jesus zumeist als guter Hirt dargestellt. Das ist zwar ein schönes Bild: die Sonne, die grüne Wiese und ein Hirte in umsichtiger Sorge für die Schafe. Aber das Kreuz? Wie kann das ein schönes Zeichen sein?

Was das eigentlich bedeutet, ein Bild eines Gekreuzigten zu zeigen, das wurde mir vor ein paar Jahren sehr bewusst. Da war ich in Japan, wo weniger als ein Prozent der Menschen Christen sind. Die Jesuiten, bei denen ich wohnen durfte, sagten, es sei nicht so leicht einen Jesus zu verkünden, der am Kreuz hängt. Und in der Tat ist das ein Kreuz mit dem Kreuz, es macht Probleme. So steht es schon in der Bibel bei Paulus (1 Kor 1,23): „Wir verkünden Christus als den Gekreuzigten: für Juden ein Ärgernis, für Heiden eine Torheit.“ Dahinter steht nämlich die Frage: Wie kann man einen Mann, der an das Kreuz genagelt ist, als Gott verehren und den Tag, an dem diese Hinrichtung erfolgte, als einen Festtag begehen? Man muss sich ja nur die asiatische Religion und Kultur vor Augen halten, die ja mit ganz anderen Bildern ausgestattet ist: mit den Buddha-Statuen, der Hand, die fein und grazil die Finger zusammenlegt, dem Shinto-Schrein. So schöne Bilder, dass Menschen sie hierzulande im Dekoladen kaufen und sich an den Gartenteich oder ins Regal stellen.

In eine solche Kultur hineinzutreten mit einem Gottesbild, das einen ans Kreuz angenagelten Menschen darstellt, ist eine wirkliche Zumutung. Wenn ich ehrlich bin auch eine Zumutung für mich.

Musik II

Wie Menschen erklären, dass eine Hingerichteter am Kreuz ein Gott sein kann? Als Jugendseelsorger habe ich immer versucht, den Jugendlichen Karfreitag verständlich zu vermitteln. Ich habe dabei immer ein Zitat von Martin Luther King verwendet, was mir bis heute sehr imponiert und was genau formuliert, worum es bei der Kreuzigung Jesu geht. Als Martin Luther King in den 1960er Jahren während des Rassenkampfs in den USA als geistlicher und politischer Führer auftrat, sprach er den berühmten Satz: „Tut mit uns, was ihr wollt, wir werden euch trotzdem lieben.“[1] Dieser Satz zeigt für mich das Besondere an der Situation Jesu und seines bevorstehenden Todes am Kreuz. Selbst in der größten Gefahr seines Lebens entscheidet er sich dafür, nicht aufzuhören zu lieben. Und genauso ist Martin Luther King frei zu sagen: Ich liebe selbst dann, wenn es mich das eigene Leben kostet. „Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt“, so sagt Jesus im Johannesevangelium (Joh 15,13).

Das ist sozusagen die Grundhaltung, die hinter der Kreuzigung steht: Christus hat sich dem Kreuz nicht verweigert, weil er unbedingt lieben wollte und zwar bis zum Ende. Dafür steht das Kreuz: für eine Liebe, die unbedingt ist, also ohne Bedingung und bis zum Ende, ja sogar bis in den Tod hinein.

Jesus entscheidet sich dafür, zu lieben. Selbst im Augenblick größter Not betet er kurz vor seinem Tod am Kreuz sogar für seine Verfolger (Lk 23,34): „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun!“ – so berichtet der Evangelist Lukas. Jesus hat damit in seiner Person die Feindschaft getötet, so heißt es im Epheserbrief (vgl. Eph 2,16).

Hier leuchtet etwas Wesentliches der christlichen Kultur auf, denn es geht um eine wesentliche Frage für das Zusammenleben aller Menschen: Wie können Feindschaft, Hass und Gewalt überwunden werden? Vor allem angesichts der Tatsache, dass jeder Mensch in einer Welt hineingeboren wird, die voll ist von Strukturen des Bösen, in denen Feindschaft, Hass und Gewalt allgegenwärtig sind. In denen Menschen immer wieder neu schuldig, sündig werden – und ich denke jetzt nicht nur an die großen Kriege in der Welt, sondern an Mobbing im Internet, Shitstorms, Dinge, die alltäglich passieren.

Die Antwort Jesu am Kreuz ist eindeutig. Das Böse wird überwunden durch das unbedingte Gute. Nur so kann die Welt erlöst und befreit werden von den Fesseln des immer wieder neu aufflammenden Bösen. Ein Martin Luther King hat das durch sein Leben und auch seinen Tod nachvollzogen – er wurde ja schließlich selbst ermordet.

Anders formuliert: Der Mensch kann frei, gelöst, erlöst sein. Er kann im Guten sein. Er braucht nicht mehr zu sündigen, weil er weiß, wie er dem Bösen entgehen kann – durch unbedingte Liebe in jedem Augenblick des Lebens. Jesus geht diesen Weg konsequent bis zum allerletzten Ende. Weil er weiß, dass er getragen ist von seinem Vater, dem er am Kreuz zuruft (Lk 23,46): „Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist.“ Jesus bezeugt, dass die unbedingte Liebe bis zum Ende das Wesen Gottes ist und dass Gott dafür alles hingibt, sein ganzes Selbst. Jesus hat hier ein epochales Beispiel gegeben, wie stark die Liebe sein kann.

Musik III

Jesus hat Epochales gewirkt. Mir wird das deutlich an einer ganz banalen Alltäglichkeit: Wenn ich eine Ein-Euro-Münze betrachte, sehe ich auf der Rückseite nicht nur den Bundesadler, sondern auch eine Jahreszahl. Wir sagen bei Jahreszahlen heute in der Regel: „vor Christus“ und „nach Christus“, wenn wir von unserer Zeit sprechen. Und diese Zeitrechnung orientiert sich am Leben Jesu Christi. Er hat durch seinen Tod und seine Auferstehung eine Zeitenwende herbeigeführt und ein neues Kapitel in der Zeitgeschichte aufgeschlagen, das bis heute seine Bedeutung hat.

Das ist kaum zu glauben, aber wahr. Ein einziger Mensch, dieser Jesus von Nazareth hat die Weltgeschichte geprägt. Als Christ sage ich: Weil Jesus die alten Strukturen des Bösen bloß stellt und einen epochemachenden Ausweg aufgezeigt hat, einen Neuanfang zu ermöglicht. Und genau das feiert die Kirche in den Tagen rund um das Osterfest. Dass da jemand ist, der sich der Struktur des Bösen mit aller Kraft entzogen hat und dass ein solches Handeln in ein neues Leben hineinführt.

Es ist nicht einfach, dieses Geheimnis des Glaubens zu vermitteln: Es geht nicht um das Sterben, sondern um die Hingabe, um die unbedingte Liebe, und die schafft neues Leben. Und genau das gilt es zu zeigen.

Die Jesuiten in Tokyo, die Probleme hatten, den gekreuzigten Christus als Bild zu zeigen, haben in ihrer großen Kirche eine andere Darstellungsform gewählt. An der Stirnseite ihrer Kirche befindet sich eine Christusdarstellung; aber man sieht dort keinen gekreuzigten und gemarterten Christus. Stattdessen sieht man an der Wand über dem Altar ein mit wenigen Mitteln skizziertes Kreuz. Und davor schwebt ein Christus, der erhobenen Hauptes und mit geöffneten Augen die Arme ausgebreitet hat, um den Gottesdienstbesucher zu umarmen. Der Gläubige bekommt hier vor Augen geführt, dass dieser Jesus Christus nicht am Kreuz gestorben ist, um im Tod zu bleiben, sondern durch das Kreuz den Tod zu überwinden und so neues Leben ermöglicht. Ewiges Leben nennt Jesus dieses neue Leben, weil es alles Lebensfeindliche für immer zu überwinden vermag.

Es geht in der Darstellung darum: Schau mit dem Blick der Auferstehung auf den Gekreuzigten! Diese österliche Perspektive ist das Entscheidende im Hinblick auf das Kreuzesgeschehen. Es geht um die Dimension, die hinter dem Kreuz zu finden ist: nämlich, dass derjenige, der voller Vertrauen seinen Geist in die Hände Gottes des Vaters gibt, von ihm Auferweckung und neues Leben empfangen kann. So wird aus dem hässlichen Bild der Kreuzigung plötzlich ein schönes Bild, das aufleuchten kann wie die goldenen Kreuzchen an den Kettchen am Hals so vieler Menschen. Denn es geht um eine frohmachende Botschaft, die jedem Menschen guten Willens die Möglichkeit gibt, das Böse zu überwinden und Zeuge für den Weg Jesu zu sein. „Anhänger des neuen Weges“ wurden die Christen daher früher oft genannt, wie es auch in der Apostelgeschichte bezeugt ist (vgl. Apg 9,2). Wer sich auf den Weg Jesu macht, wählt einen anderen, einen neuen Weg.

Karfreitag und Ostern, Tod und Auferstehung, sind aus christlicher Sicht nicht voneinander zu trennen. Sie machen das ganze Leben und die ganze Bedeutung Jesu Christi aus. Der Apostel Paulus versucht das Unglaubliche in Worte zu fassen, wenn er über Jesus sagt (Kol 1,13f): „Er hat uns der Macht der Finsternis entrissen und aufgenommen in das Reich seines geliebten Sohnes. Durch ihn haben wir die Erlösung, die Vergebung der Sünden.“ Das aber zu glauben, ist wahnsinnig herausfordernd. Ich staune über die vielen Menschen, die diese Herausforderung angenommen haben, nicht nur Martin Luther King und Edith Stein, sondern auch viele Christen in der Gegenwart, mit oder ohne einem Kreuzchen an der Kette.

Musik IV

Übrigens: Viele nordafrikanische Christen und zwar die Kopten aus Ägypten, die tragen auf dem Handgelenk über der Pulsader ein tätowiertes Kreuz. Sie wollen so verdeutlichen, dass sie diese Herausforderung annehmen: Ich glaube an die Macht der Liebe, die stärker ist als der Tod. Und: Ich will treu zu diesem neuen Weg stehen. Dieses Kreuz legt man nicht mal so eben ab, es hängt nicht am Kettchen um den Hals, es ist eingeschrieben in die Existenz, in Fleisch und Blut übergegangen. Und genau das wünsche ich mir und allen Christen: Die Liebesbotschaft vom Kreuz soll in Fleisch und Blut übergehen – nicht nur heute, wenn des Todes Jesu gedacht wird am Kreuz.

Aus Köln grüßt Sie Pfarrer Dominik Meiering

Musik V

[1] Martin Luther King, Die Kraft zum Lieben. Konstanz, 1964. Übersetzer: Hans-Georg Noack, zitiert nach: https://www.sonntagsblatt.de/artikel/menschen/martin-luther-und-martin-luther-king-beruehmte-zitate.

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