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Das Geistliche Wort | 30.05.2019 | 08:40 Uhr

Bitte die Perspektive wechseln

Sprecher 1 (Mann): "Ihr seid wie verschreckte Vögel", hatte Lokesh sie getadelt, als sie den Wagen erreichten. "Hört auf, euch ständig nach oben umzusehen. Die öffentliche Sicherheit erwartet uns unten in Zhongje."

Diese wenigen Sätze stammen aus einem Polit-Krimi des amerikanischen Journalisten und Autors Eliot Pattison. Er spielt im chinesisch-tibetischen Milieu. Der Mönch Lokesh wird mit anderen verfolgt. Dabei droht Gefahr nicht von oben, sondern unten in der Stadt, wo die Staatssicherheit auf sie wartet. Und so mahnt Lokesh zu einem Perspektivwechsel: Schaut nicht nach oben, schaut nach unten.

Genau dieses Motiv hat mich an das heutige Fest der Christen erinnert, an Christi Himmelfahrt. Denn bei diesem Anlass der Himmelfahrt Christi geht es letztlich auch um einen Perspektivwechsel.

Guten Morgen!

Musik I

Die Apostelgeschichte erzählt ähnlich wie in dem Polit-Krimi von Menschen, die auch in eine falsche Richtung schauen. Da heißt es von den Jüngern Jesu (Apg 1,10-11):

Sprecher 2 (Frau): "Während sie unverwandt ihm nach zum Himmel emporschauten, siehe, da standen zwei Männer in weißen Gewändern bei ihnenund sagten: Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da und schaut zum Himmel empor? Dieser Jesus, der von euch fort in den Himmel aufgenommen wurde, wird ebenso wiederkommen, wie ihr ihn habt zum Himmel hingehen sehen."

Auch hier geht es zunächst um den Blick nach oben: Die elf Jünger auf dem Ölberg vor den Stadttoren Jerusalems schauen nach oben, weil soeben ihr Herr und Meister dorthin entschwunden ist. Aber anders als im Krimi geht es nicht um eine Bedrohung, die von oben erwartet wird, sondern um einen Blick, der nachtrauert und voller Sehnsucht ist.

Ich stelle mir das konkret so vor: Die Augen der elf Jünger folgen Jesus, der gerade noch mit ihnen gesprochen hat. Der Blick klebt geradezu an ihm. Mit ihm waren sie mindestens ein ganzes Jahr lang gemeinsam unterwegs. Sie haben seine Reden gehört und seine ungewöhnlichen Taten erlebt: Heilungen und Dämonenaustreibungen. Bis schließlich alles in der Katastrophe endete: Festnahme, Prozess, Tod am Kreuz. Die Folge ist nicht überraschend: totale Enttäuschung, mehr noch: Depression. Der Hoffnungsträger, von dem man die Wiedererrichtung eines stolzen Staates Israel und die Abschüttelung des Römerjochs erwartet hatte, ist elendig gestorben. Und dann – Gerüchte, er sei doch nicht tot. Er lebe. Frauen waren am Grab und fanden es leer. Sie erzählen von einem auferweckten Jesus. Zwei weitere Zeugen berichten dasselbe. Sie haben Jesus in Emmaus wiedererkannt: lebend. In Jerusalem wächst wieder Hoffnung und Jubelstimmung kommt auf.

Die Botschaft von der Auferweckung Jesu führt offenbar zu einer allerersten christlichen Gemeinde.

Und dann aber der erneute Absturz: Jesus nimmt seine elf engsten Gefährten – der zwölfte, Judas, der Verräter, ist nicht mehr dabei – und geht mit ihnen auf den besagten Ölberg. Und im Reden erfasst ihn eine Wolke und reißt ihn gen Himmel.

Zum zweiten Mal ist Jesus, der Hoffnungsträger weg, und jetzt wohl endgültig. Was nutzen da alle seine schönen Worte, die er vor seiner Himmelfahrt den Jüngern noch gesagt hat (Lk 24,49): "Und siehe, ich werde die Verheißung meines Vaters auf euch herabsenden."

Klar, der Christ von heute ist im Nachhinein schlau und weiß: Jesus hat von Pfingsten gesprochen und der Ausgießung des Geistes. Aber konnten die Anhänger Jesu das wirklich aus den eher rätselhaften Worten Jesu von der "Verheißung meines Vaters" heraushören?

Ich glaube: Nein! Auf dem Ölberg hinterlässt Jesus keine erwartungsvoll auf die Ausgießung des Heiligen Geistes wartenden Jünger, sondern eine verängstigte Schar. Und der stehen plötzlich zwei Männer in Weiß gegenüber und sagen:

Sprecher 2 (Frau): "Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da und schaut zum Himmel empor?" (Apg 1,11)

Genau dieser Satz erinnert mich an das Eingangszitat aus dem Polit-Krimi von Eliot Pattison:

Sprecher 1 (Mann): "Ihr seid wie verschreckte Vögel", hatte Lokesh sie getadelt.

Mir scheint, das hätten die beiden weißen Gestalten genauso gut zu den elf Jüngern Jesu sagen können:

"Ihr seid wie verschreckte Vögel!" Oder mit anderen Worten: "Ihr schaut nach oben, und euer Blick verrät: Ihr habt Angst. Dieselbe Angst, die ihr hattet, als euer Jesus am Kreuz hing und schließlich sterbend den Kopf fallen ließ. Eure Augen verraten dieselbe Traurigkeit, die eure beiden Kollegen plagten, die auf dem Weg nach Emmaus waren. Euer Blick nach oben verrät: Den Verheißungen eures Freundes Jesus traut ihr jetzt genau so wenig wie ihr ihm getraut habt, als er vor seinem Sterben sagte: ‚Der Menschensohn muss vieles erleiden … und am dritten Tage auferweckt werden.‘" (Lk 9,22).

Dabei steckt eine andere Botschaft dahinter. Die beiden Männer in Weiß gehören eigentlich der Welt Gottes an. Sie entlarven die elf Jünger, die auf dem Berg gen Himmel starren, ihrer falschen Blickrichtung. Die beiden Männer sind Vermittler einer Botschaft, die der Mensch sich selber gar nicht sagen kann, weil er viel zu verstrickt ist in seine eigenen Ängste, Nöte und Traurigkeiten. Sie sind so etwas wie die Gestalt gewordene Stimme Gottes, die den Jüngern sagt: "Ihr müsst eure Blickrichtung ändern. Das Leben spielt nicht im Himmel. Und es ist auch nicht sinnlos geworden, weil dieser Jesus nun entschwunden ist. Schaut auf die Erde und setzt sein Werk fort!"

Musik II

Christi Himmelfahrt ist die Geschichte des Perspektivwandels. Aber ich frage mich: Wozu erzählt der Evangelist Lukas, der auch die Apostelgeschichte verfasst hat, eine solche Geschichte? Nun, wenn man an den Anfang des Lukasevangeliums schaut, dann scheint er einen Auftraggeber zu haben: einen gewissen Theophilus (vgl. Lk 1,3).Dieser war verantwortlich für eine Gemeinde, deren anfängliche Glaubenseuphorie erloschen war. Hilfesuchend wendet er sich an Lukas, der ihm als Rüstzeug zur Wiederbelebung des eingeschlafenen Glaubens ein zweibändiges Werk schreibt: Eben das Evangelium von Jesus Christus und die Apostelgeschichte, die vom Aufblühen der frühen Kirche in Jerusalem und in den Missionsgebieten des Paulus erzählt. Beim Lesen bzw. Hören dieser Worte sollen die Herzen der Frauen und Männer in der Gemeinde des Theophilus wieder anfangen zu brennen – so wie es Lukas von den beiden Emmausjüngern beschreibt, als sie über ihre Begegnung mit dem auferstandenen Jesus nachdenken: "Brannte uns nicht das Herz …", heißt es da.

Und so versucht Lukas  den eigentlichen Glutkern des Glaubens zu erzählen, das was eigentlich nicht erzählbar ist: die Auferstehung Jesu von den Toten, bei der ja keiner dabei war. Alle Zeugnisse sprechen nur von Menschen, die an ein leeres Grab kommen. Lukas versucht nun das Geheimnis von Ostern in eine Erzählung zu fassen, die anschaulich machen will, was sich im Letzten nicht anschauen, sondern nur glauben lässt. Und dabei ist Lukas wichtig: Ostern ist kein Ende, sondern ein Neuanfang, ist Begegnung.

Ostern heißt nicht: Schade, jetzt ist Jesus nicht mehr da. Heißt nicht: Starren zum Himmel. Ostern heißt vielmehr: Schaut in die Welt und handelt im Geiste Jesu.

Musik III

Schaut in die Welt und handelt im Geiste Jesu. Das will Theophilus mit Hilfe der beiden Schriften des Evangelisten Lukas seiner Gemeinde sagen, die vermutlich auch schon wieder im Himmelsblick erstarrt ist. Die lieber sehnsüchtig nach oben schaut, weil der Blick in die Realität ihres Gemeindealltags so wenig Erfreuliches zeigt: zu viel Mittelmaß, zu wenig Engagement und die Angst vor den römischen Besatzern.

"Ihr seid wie verschreckte Vögel" – das gilt auch für die Gemeinde des Theophilus.

Vielleicht gilt es auch für die Kirche heute in unserem Land? Skandale beschämen und lähmen gleichermaßen. Statistik und Prognosen über sinkende Mitgliederzahlen sind ebenso erschreckend, wie die rapide schrumpfende Personaldecke von Seelsorgerinnen und Seelsorgern. Diesen Blick in die Welt auszuhalten ist nicht immer leicht. Möchte da nicht auch manche und mancher lieber zum Himmel schauen? Müsste dieser Jesus, in dessen Namen die Kirche unterwegs ist, jetzt nicht endlich wiederkommen und einschreiten?

Auch wenn es Grund genug gibt, wie verschreckte Vögel nur noch in die Luft zu starren, gilt weiter die wachrüttelnde Frage der Gottesboten:

 

Sprecher 2 (Frau): "Was steht ihr da und schaut zum Himmel empor?"

Und sie meinen eigentlich: "Schaut auf die Erde, in eure Gemeinde, auf euer Leben und versucht, das Werk Jesu fortzusetzen. Dieses Werk Jesu, das darin besteht, die Welt zu entgiften: d. h. nicht den Hass oder die Gleichgültigkeit oder die Enttäuschung stark werden zu lassen, sondern Zuwendung, Vergebung, Wertschätzung, Heilung. Zu diesem Werk Jesu gehört, dass er einen Blick für die Welt hat, wie sie ist, und für die Menschen. Und dieser Blick sieht weiter als die Menschen selbst an sich sehen:

Jesus sieht nämlich das Gute in ihnen, das es letztlich in jedem Menschen auch gibt. Selbst bei einem Petrus, der Jesus dreimal verleugnet hat, sieht Jesus es.

Wichtig ist: Dieses Werk Jesu will fortgesetzt werden. Will heißen: Dieser Blick Jesu soll eingenommen werden, der Blick, der bei den Menschen bleibt und nicht zum Himmel abhebt.

Einen guten Christi Himmelfahrt-Feiertag wünscht Ihnen Gunther Fleischer aus Köln.

Musik IV

[1]Eliot Pattison, Tibetisches Feuer, Berlin 2018, 314.

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