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Kirche in WDR 5 | 27.06.2020 | 06:55 Uhr

Zeige Deine Wunden

Reden wir nicht lange drum herum: Christsein mag zurzeit alles sein – aber ganz sicher nichts, wofür man Anerkennung erfährt. Veganer sein. Das ist toll. Zen-Meditationen – die sind bewundernswert. Oder überzeugter Umweltschützer und sein Auto abschaffen – das ist cool und vorbildlich. Aber Christ-sein? Ein Leben in Achtung vor Gott und seiner Schöpfung und in Liebe zu den Menschen? Der Marketingexperte würde wahrscheinlich sagen: Die Nachfrage ist sicherlich da – aber ihr Christen habt da ein Absatzproblem. Und der Vetriebsprofi würde ergänzen: Überdenkt mal Eure Verkaufsstrategie.

Einmal abgesehen davon, dass Glaube und Religion nichts sind, bei dem es darum geht, möglichst gute Zahlen vorzulegen. Als Jesus seine Jünger in Zweiertrupps durch Galiläa schickte, ließ er sich anschließend nicht die Bücher und Listen der Bekehrten zeigen. Trotzdem ist das interessant, dass das Christ-sein an vielen Stellen so gar nicht mehr „in“ ist. Jetzt kann man sagen: „Nun – die Gründe liegen doch auf der Hand. Wasser predigen, Wein trinken zum Beispiel…“ Aber: Das ist mir ehrlich gesagt ein bisschen zu einfach gedacht.

Klar macht das Bodenpersonal des Herrn Fehler. Und ich kann mich da leider nicht ausnehmen. Ganz sicher klaffen auch bei mir manches Mal biblischer Anspruch und tatsächliches Verhalten auseinander. Mein Eindruck ist aber: Das allein kann‘s nicht sein. Und vielleicht ist das noch nicht einmal das Wichtigste. Im Fußball kommt ja auch keiner auf die Idee, die Bundesliga zu verteufeln, nur weil irgendein Schiri mal falsch gepfiffen oder irgendein Verteidiger gefoult hat.

Ich bin überzeugt: Das Problem sitzt tiefer. Wissen Sie: Vor mehr als 40 Jahren machte eine Installation des Künstlers Joseph Beuys Schlagzeilen. Zwei Leichenbahren aus der Pathologie waren da unter anderem zu sehen. Zwei Zinkblechkästen, gefüllt mit Fett. Und zwei Schultafeln. Auf denen stand dann auch der Titel der Installation: „Zeige deine Wunde“. Und als Beuys gefragt wurde, was er damit sagen wolle, antwortete er: „Zeige deine Wunde, weil man die Krankheit offenbaren muss, die man heilen will. (…) Eine Wunde, die man zeigt, kann geheilt werden.“[1]

Zu Beuys kann man stehen, wie man möchte. Aber interessant ist: Diese Installation ruft bis heute die heftigsten Reaktionen hervor. Und die Gründe dafür sind vielleicht dieselben, wie die für die Haltung zum Christentum. Weil es in der Installation darum geht, anzuerkennen, dass da Wunden sind. Verletzungen. Und das zählt gewissermaßen auch zur DNA des Christen: Wunden zu zeigen – die, dir andere mir geschlagen haben und auch die, für die ich verantwortlich bin. Keine angenehme Sache - zu sagen: Hier bin ich schwach, das kann ich nicht, da bin ich getroffen. Und noch unangenehmer ist es für mich, die Wunden anzusprechen, die meine Worte, meine Taten gerissen haben. Ich kann deshalb gut verstehen, dass eine Botschaft nicht sonderlich attraktiv ist, die genau das immer wieder fordert.

Aber vielleicht liegt genau da ein grundlegendes Problem. Denn Christsein erschöpft sich ja nicht darin, Wunden zu zeigen. Zu sagen, wo ich verwundet habe. Sondern die eigentliche Botschaft ist doch: Da ist Heilung. Und vor allem ist da auch Vergebung. Vielleicht sollten wir künftig also einfach weniger davon reden, was wir für falsch halten. Und mehr davon, wo wir um Verzeihen bitten und auch selber verzeihen wollen. Weniger von Sünde reden, und mehr von Vergebung also.

Ihr Claudius Rosenthal aus Wenden

[1]           Cf. Jost Herbig: Die Dinge haben ihre Sprache. Interview mit Josph Beuys. In: Süddeutsche Zeitung, 26./27. Januar 1980. Hier zitiert nach: https://de.wikipedia.org/wiki/Zeige_deine_Wunde (Aufruf v. 23. Janaur 2019)

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