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Das Geistliche Wort | 13.10.2019 | 08:40 Uhr

Zu Tisch mit Gott und der Welt

Guten Morgen! Kennen Sie das auch? Ein Umzug steht an. Da lebt man ein paar Jahre in seiner Wohnung, hat es sich gemütlich gemacht, liebgewonnene Erinnerungen überall platziert: Schöne Steine von Wanderungen auf der Fensterbank, Fotos von Familie und Freunden an der Wand, vielleicht hängt ein selbstgemaltes Bild von der Nichte neben dem Bücherregal. Alles ist buchstäblich eingerichtet. Und dann?

Dann steht ein Umzug an und alles wird auf den Kopf gestellt, neu sortiert. Für manche ist das schön, für andere bedeutet es Stress. Als ich zuletzt umgezogen bin, habe ich mich gefragt: Was gehört eigentlich alles in meine Wohnung? Welches Möbel ist unbedingt notwendig? Ein Möbel fiel mir damals besonders ein: der Tisch.

Eine Wohnung ohne Tisch? Für mich unvorstellbar. Klingt selbstverständlich, aber das Ge-Wohnte übersieht man auch leicht.

Ich wette einmal: wenn Sie jetzt nicht noch verdientermaßen im Bett liegen, haben Sie auch heute schon einen Tisch benutzt. Beim Frühstück ganz bewusst, vielleicht jetzt gerade, oder beiläufig, einfach dort die Sonntagszeitung abgelegt.

Zu den wichtigsten Möbelstücken in einer Wohnung gehört der Tisch. Es gibt ganz unterschiedliche Tische: eckige, runde, Sofa-Tische, den Schreibtisch, und natürlich den Esstisch, oft ganz zentral in einem Wohn- oder Esszimmer, manchmal ganz klein als Klapptisch in einer Küche. Es braucht im Grund nur eine ebene Platte in praktischer Höhe. So einfach und doch so zentral für unser Leben.

Und wenn ich dann weiter überlege: Was habe ich schon alles an einem Tisch erlebt? Ein großes Fest mit einem opulenten Mahl. Ein schwieriges Gespräch, das mein Leben verändert hat. Schließlich: Der Tisch ist für mich oft einfach ein Ort, an dem ich zur Ruhe komme und an dem ich Freunde und Familie um mich habe.

Ich glaube vor allem: ein Tisch verbindet.

Ein Tisch hat etwas genial Einfaches: Seine Tischplatte verbindet alle, die zusammen an einem Tisch sitzen. Man hat eine Basis, etwas Gemeinsames. Bei einem Streit ist es hilfreich, zu sagen: Komm, wir setzen uns hin an den Tisch und reden. Sitzt man erstmal wieder zusammen auf Augenhöhe, stehen die Chancen für eine Versöhnung nicht schlecht. Der Tisch schafft ja auch einen Abstand, der es möglich macht, besser miteinander zu leben.

Der Tisch verbindet aber auch viele Menschen miteinander, die gar nicht direkt mit am Tisch sitzen. Durch die Erinnerung an Familienmitglieder, die verstorben sind, mit denen man so oft den Tisch geteilt hat. Es sind aber auch indirekt alle die präsent, die dafür sorgen, dass man ein gutes Essen genießen darf: Die Landwirte, Händler, Köche und viele mehr.

Auch das ist wichtig: Das, was bei uns zuhause aufgetischt wird, bietet Anlass zum Reden und zum Weiterdenken: Mein Essen, Obst, Gemüse, Fleisch haben zu tun mit: Klimaschutz und mit der Bewahrung der Schöpfung – gerade auch für die nachfolgenden Generationen ist das ein zentrales Thema. Und es steht fest: Auch die Art und Weise der Ernährung kann helfen, die Schöpfung zu schützen. Es ist nicht egal, was auf den Tisch kommt.

Im Erntemonat Oktober dürfen wir dankbar sein, was alles auf den Feldern in unserer Umgebung reif ist: Rosenkohl und Brokkoli, Rüben und Mais, natürlich leckere Birnen- und Apfelsorten, gern auch Kürbisse – und etliches mehr.

Ein reich gedeckter Tisch. Gerade jetzt im Herbst ist der Tisch reich gedeckt mit Früchten der diesjährigen Ernte nicht nur aus unseren Landen.

Allerdings gilt es auch weiterzuschauen, über die Tischkante hinaus, denn: Was aufgetischt wird, kann uns nicht egal sein. Frische regionale Produkte helfen zum Beispiel dem Klima und den Menschen, die unter dem Klimawandel besonders leiden. Angesichts der reichhaltigen Tafel frage ich mich: Brauche ich exotische Früchte, die mit dem Flugzeug aus Übersee bis in den Supermarkt um die Ecke geliefert werden und dann bei mir auf den Tisch landen? Eine Mango, die innerhalb von drei Tagen aus Indien von der Plantage in den deutschen Handel kommt, ist natürlich köstlich frisch. Auch Papayas, die erst vor wenigen Tagen geerntet wurden, heute aber im Supermarkt bei uns sind. Aber ist das ökologisch noch zu verantworten?

Es ist ein Luxus, der nicht jede Woche sein muss, sondern – wenn überhaupt – besonders genossen werden sollte. Es gibt doch bei uns so viele Gemüse und Obstsorten zu entdecken, die ganz klimafreundlich von ganz nahe zu uns auf den Tisch finden. Kürzlich habe ich einen Verein kennengelernt, der sich darum kümmert, dass alte Eifeler Apfelsorten nicht in Vergessenheit geraten. Das ist eine gute Sache.

Und wie ist das mit dem intensiven Fleischkonsum? Auch der hat Auswirkungen. Nur ein Beispiel: Die Tiere müssen ja ernährt werden. Für ein Kilo Fleisch bedarf es ein Vielfaches an Getreide oder auch Soja. Das heißt: es sind riesige Flächen für die Futtermittelproduktion nötig. In Brasilien oder Paraguay werden für die Sojaproduktion Hektarweise Regenwald gerodet. Diedann entstehenden Monokulturen sind schlecht für die Umwelt; und auch sozial hat es Folgen: die örtlichen Kleinbauern werden von Industriekonzernen verdrängt und müssen um ihr Auskommen fürchten.

Ich versuche daher, deutlich weniger Fleisch zu essen. Und wenn schon, dann nach Möglichkeit auch aus Betrieben aus der Nähe, die das Tierwohl besonders achten. So achte ich darauf, was bei mir auf den Tisch kommt.

So gesehen verbindet ein Tisch ganz viele Menschen, den Stuhlnachbar neben mir, aber auch den Landbauern mit seiner Familie in Paraguay.

Ich weiß: Genau hinzusehen ist manchmal anstrengend. Aber eine bewusste Ernährung kann auch Spaß machen. Das habe ich erlebt bei einer kirchlichen Aktion in Mönchendgladbach. Da haben Jugendliche und Erwachsene gemeinsam mit Profiköchen vegetarische Gerichte mit regionalen und saisonalen Produkten gekocht – was sag ich: gezaubert. Das war ein sinnliches Erlebnis und auch eine gute Gemeinschaft mit denen, die direkt dabei waren, und indirekt genau auch mit denen, die diese guten Lebensmittel hergestellt hatten. Und irgendwie saßen schließlich alle mit am Tisch.

Man könnte glauben, ein Tisch wäre etwas Statisches. Ganz und gar nicht. Ein Tisch bringt unterschiedliche Menschen zusammen, die etwas auslösen können: In der Politik werden an Tischen manchmal gute, manchmal weniger gute Entscheidungen getroffen. Es wird diskutiert und auch geschwiegen. Am Tisch zuhause gibt es schon mal Streit, aber auch Versöhnung.

Der Tisch stellt eine Verbindung her: zwischen den Menschen und weiter noch zur Welt insgesamt. An Tischen werden Debatten geführt und Verträge geschlossen, entscheidet sich Krieg oder Frieden, Feindschaft oder Versöhnung.

Der Tisch ist ein Handlungsort: In der Bibel zum Beispiel lesen wir von zahlreichen Tischen. Im bekannten Psalm über ‚den guten Hirten‘, heißt es: „Du deckst mir den Tisch vor den Augen meiner Feinde.“ Damit wird gesagt: Gott kümmert sich um den Menschen – auch wenn er verfolgt wird.

Meine Lieblingsstelle mit einem Tisch in der Bibel ist noch eine andere. Etwas versteckt in der bekannten Emmaus-Geschichte: Jesus ist gekreuzigt, gestorben und begraben. Aber das Grab ist leer. Zwei Jünger machen sich auf den Weg von Jerusalem nach Emmaus, sie sind traurig, vielleicht verwirrt von den ereignisreichen Tagen. Sie begegnen Jesus Christus unterwegs, merken es aber nicht. Angekommen laden sie den Fremden zu sich ein. Und sie sitzen gemeinsam am Tisch. Dann kommt das Brot auf den Tisch und mit dem Brotbrechen auch eine neue Sicht auf die Dinge. Ihnen gehen die Augen auf. Die Jünger erkennen Jesus und zwar als den Auferstandenen. Und dann heißt es wörtlich: „Noch in derselben Stunde brachen sie auf und kehrten nach Jerusalem zurück und sie fanden die Elf und die mit ihnen versammelt waren.“ [Lk 24,33] Die Gemeinschaft mit Jesus am Tisch hat alles verändert.

Der Tisch, an dem gegessen wurde, an dem Brot gebrochen wurde, an dem eine neue Erkenntnis auf den Tisch gelegt wurde, der Tisch ist hier der Ort des Aufbruchs, die frohe Botschaft Jesu hinauszutragen, die Welt zu verändern. Vom Tisch geht etwas Neues aus.

Genau das wünsche ich mir: Tische, von denen wirklich etwas Neues ausgeht. Tischgemeinschaften, die aufbrechen, um die Welt zu verändern. Tischgespräche, die versöhnen statt spalten. Tische, auf die Wesentliches kommt, damit mehr Gemeinschaft und Frieden entsteht. Tische, an denen Verträge geschlossen werden, die die Zukunft der Schöpfung bewahren.

Es ist egal, wie wir uns so einen Tisch konkret vorstellen. Hauptsache, wir schaffen es noch, Menschen an einem Tisch zusammenzubringen und immer noch einen Platz offen zu halten, für den anderen.

Am heutigen Sonntag wünsche ich Ihnen eine gute Tischgemeinschaft.

Ihr Norbert Wichard aus Aachen.


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