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Kirche in WDR 2 | 01.04.2026 | 05:55 Uhr
Spielraum
Da stehen wir: die Kinder und Enkel und ich als Pfarrer rund um das Bett auf der Intensivstation. Der Vater, der Großvater liegt im Sterben. Der diensthabende Arzt hat uns alle reingelassen und gesagt: „Nehmt Euch die Zeit, die Ihr braucht, um Abschied zu nehmen.“
Wir stehen schweigend um das Bett und schauen. Es dauert. Was können wir tun? Wir sprechen ein Vaterunser. Das ist immer hilfreich, wenn man selbst keine Worte findet. Ich kann mich in Worten bergen, von denen ich weiß, dass sie schon vielen anderen vor uns Kraft gegeben haben.
Dann noch ein Gebet, das ich auch sehr liebe: „Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag.“ Unendliches Gottvertrauen angesichts des Todes. Der Theologe und Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer schreibt diese Worte im NS- Gefängnis an seine Verlobte – kurz vor seiner Hinrichtung. Das Gebet ist auch vertont worden … Eine von uns fängt dann auch an, zu singen. Und leise stimmen wir alle nach und nach mit ein.
Ich schaue noch kurz den Arzt an: Ist das ok? Hier auf der Intensivstation? – Er nickt. Es sind die letzten Augenblicke des Menschen in unserer Mitte. Bekommt er sie noch mit? Die Maschinen sind abgestellt. Und er reagiert. Wie ein Wunder. Wie ein Echo auf unsere Worte, auf das Singen. Er atmet noch einmal tief ein – und stirbt.
Ein total bewegender Moment, den wir alle nicht vergessen werden. Und ein Augenblick, der spüren lässt: Wie gut es ist, Menschen bis zum letzten Atemzug zu begleiten. Mit Schweigen, die Hand halten, auch mit Worten und sogar mit Musik.
Die Intensivstation einer Klinik ist sicher kein Konzertort. Hier ist vor allem Ruhe angesagt und Konzentration, für alle, die hier oft unter Hochdruck arbeiten und auch für alle, die hier zu Besuch kommen. Als wir gehen, bedanke ich mich beim Arzt, dass er uns in die Station gelassen hat und sogar das Singen erlaubt hat. „Ich habe ja ein wenig Spielraum“, sagt er und nickt dabei noch einmal freundlich.
Menschen, die ihren Spielraum nutzen, sind so hilfreich. Gerade in Situationen, in denen wir unsicher sind und in denen wir an unsere Grenzen stoßen. Und manchmal ist der wenige Spielraum so groß, dass er Himmel und Erde verbinden kann.
Redaktion: Rundfunkpastorin Sabine Steinwender-Schnitzius
