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Kirche in WDR 3 | 14.05.2026 | 07:50 Uhr
Himmelfahrt
Guten Morgen.
Herkules, Iphigenie, Elia, Jesus, Maria. Von ihnen allen wird erzählt, dass sie gen Himmel gefahren sind. Genauer gesagt: Sie wurden „entrückt“– dauerhaft, leiblich, ins Jenseits. Das Besondere bei Jesus: Anders als die Übrigen wird er nicht vom Tod bewahrt. Er wird entrückt, nachdem er gestorben und auferstanden ist.
Viele können heute mit
Himmelfahrt aber herzlich wenig anfangen. Und denken bei diesem Feiertag eher
an junge Männer mit Bollerwagen und Bier – auch wenn deren Entrückung weder
dauerhaft noch himmlisch anmutet. Eine Pointe bekommt das Ganze erst, wenn ich
es auf mein Leben beziehe
:
Ich glaube, dass Gott in meinem Leben gegenwärtig ist. Gott tröstet, leitet, schützt mich – auch wenn ich Gott nicht sehe. Und oft begreife ich erst im Nachhinein, dass Gott in einer Situation da gewesen ist. Der Begriff Himmel beschreibt in der Bibel diese verborgene Wirklichkeit. Der „Himmel“, in den Christus „auffährt“, ist dann nicht irgendwo oben in den Wolken, sondern in meinem eigenen Leben, in der Welt, die mich umgibt. Das alles ist nun durch die Liebe bestimmt, die Jesus Christus gelebt hat.
Himmelfahrt Jesu, das heißt für mich:
Überall bin ich in dieser Liebe Christi geborgen, so wie in der Luft, die mich umgibt. Der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer hat das während seiner Gefangenhaft in einem Lied so ausgedrückt: „Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist bei uns am Abend und am Morgen und ganz gewiß an jedem neuen Tag.“
Weil Jesus Christus nun nicht mehr sichtbar unter uns ist, ist es an uns, an mir, ihm nachzufolgen. Die Liebe zu leben, die Christus selbst gelebt und gelehrt hat: Traurige trösten, mit Armen teilen, Einsame besuchen, Fremde aufnehmen. Himmelfahrt beschreibt, dass Gott sich zurücknimmt und uns Menschen Raum gibt und in die Verantwortung nimmt. Jetzt ist es an mir, im Geist Jesu Christi zu leben. Dass Christus gen Himmel fährt, richtet meinen Blick auf die Erde: auf das, was vor meinen Füßen und vor meinen Händen liegt. So wie es in der Bibel die Engel nach der Himmelfahrt schön ausdrücken: „Ihr Leute von Galiläa, was steht ihr da und starrt in den Himmel?"
Himmelfahrt steht für mich für eine Lücke. Da ist noch etwas offen. Eine Sehnsucht, eine unerfüllte Erwartung. Das merke ich jeden Tag – spätestens, wenn ich die Nachrichten lese. Ich bin noch nicht fertig. Das Leben, die Welt sind noch nicht fertig: weil es weiter viel zu viel Hass und Gewalt gibt. Weil Christus noch fehlt, von dem es heißt: Er kommt wieder am Ende der Tage. Bis dahin leben wir in einer Zwischenzeit. Das Beste aber kommt noch, heißt es in der Bibel. Und ich will mich nicht zufriedengeben, bis Gottes Friede überall sichtbar da ist. Christi Himmelfahrt drückt so eine Sehnsucht meines Lebens aus. Mit der Bibel formuliert: Es ist noch nicht erschienen, wer wir sein werden. Das hilft mir, mit den ganzen Absurditäten und Sinnlosigkeiten dieser Welt klarzukommen. Himmelfahrt – das ist eine Hinfahrt, deren Rückfahrt uns weiter verheißen ist. Gott sei Dank!
(Ende WDR 4, Verabschiedung für WDR 3 und 5: )
Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Himmelfahrtstag: Ihr Thorsten Latzel, Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland.
Quellen:
Die Bibel. Nach der Übersetzung Martin Luthers. Lutherbibel revidiert 2017, Stuttgart 2017.
Dietrich Bonhoeffer: Widerstand und Ergebung (DBW 8), München 1998, S. 607f.
Redaktion: Landespfarrerin Petra Schulze
