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Erinnerung und Versöhnung
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Das Geistliche Wort | 24.05.2026 | 08:40 Uhr

Erinnerung und Versöhnung

Aus rechtlichen Gründen enthält das Audio nicht die im Manuskript genannte Musik.


Autor: Er war einer der erfolgreichsten deutschen Regisseure der Nachkriegszeit. Filme wie „Max der Taschendieb“ mit Heinz Rühmann oder TV-Serien wie „Pater Brown“ und „Pumuckls Abenteuer“ tragen seine Handschrift. Er hat mit legendären Regisseuren wie Gustaf Gründgens und Fritz Kortner in Düsseldorf und Berlin zusammengearbeitet und am Max Reinhardt Seminar in Wien und am Mozarteum Salzburg gelehrt.

Dass Imo Moszkowicz eine derartige Karriere in Deutschland und Österreich machen würde, war allerdings nicht vorherzusehen.

Imo Moszkowicz war Jude. Geboren 1925 im münsterländischen Ahlen, als Sohn eines russisch-jüdischen Schumachers, verbringt er seine Kindheit zusammen mit sechs Geschwistern in der kleinen Stadt nahe dem Ruhrgebiet. Seine Familie ist arm, sie lebt von der Wohlfahrt. Alle Kinder gehen auf die jüdische Volksschule.
Mit Beginn der Nazi-Diktatur endet die finanzielle Unterstützung jüdischer Familien. Familie Moszkowicz kann die Miete nicht mehr bezahlen und muss im jüdischen Gemeindehaus wohnen.

Den Judenhass der damaligen Zeit bekommen Imo, seine Geschwister und seine Eltern immer wieder deutlich zu spüren. Was er erlebt und fühlt, schreibt er später in seiner Autobiografie „Der grauende Morgen“ auf. Moszkowicz fragte sich:


Sprecher 1: „Warum? War ich anders als andere Kinder? Waren meine Eltern, meine sechs Geschwister, die Mitglieder der Jüdischen Gemeinde, Verbrecher? Was hatten sie getan?“


Autor: Die Situation für die Familie wird immer bedrohlicher. Deshalb entschließt sie sich, auszuwandern. Im März 1938 kann Imos Vater nach Argentinien emigrieren, wo seine Schwester lebt. Der Plan ist, die Kinder und die Ehefrau schnell nachzuholen. Am 10. November soll es so weit sein.
Als aber am 9. November in ganz Deutschland die Synagogen brennen und jüdische Geschäfte systematisch von der SA zerstört werden, wird die Ausreise unmöglich.


Sprecher 1: „Wäre dieses Pogrom 48 Stunden später gewesen, wären wir gerettet gewesen. Aber so war alles verspielt“


Autor: sagt Moszkowicz später.

Das Novemberpogrom trifft auch ihn und seine Familie mit voller Wucht.


Sprecher 1: „Die Haustüre war aufgebrochen und uniformierte SA-Männer drangen ein. Sie stürzten alles um, was umzustürzen war, zerschlugen alles Gläserne, wischten alles vom Herd. Dann stürzte ein Teil dieser tollen Kerle in den Hof, wo unsere altersgekrümmte Synagoge stand; ein steinerner Schrein, mit biblischen Mythen vollgefüllt, ein Haus Gottes."


Autor: Die kleine Synagoge am Gemeindehaus steht schnell in Flammen, die Kinder flüchten vor den prügelnden SA-Männern ins Freie. Imos Mutter und die Kinder laufen zum Marktplatz, wollen dort Schutz suchen. Aber auch da werden sie schon von gewaltbereiten Nazis empfangen, die sie dazu zwingen, laut zu rufen „Wir Juden sind alle Mörder und Verbrecher“.

Lange bleiben die Kinder und ihre Mutter nicht mehr in Ahlen. Diese westfälische Kleinstadt will sich vor dem „Führer“ nämlich damit brüsten, dass sie als erste in Deutschland „judenrein“ sei. Die Moszkowicz’s verlassen ihre Heimatstadt also notgedrungen.

Sprecher 1: „Der Wegzug nach diesem schrecklichen Kommando: ‚Ahlen muss judenfrei werden!' vollzog sich unter den Augen der Nachbarn und Anwohner und es kann niemand sagen, er habe das nicht mitbekommen".


Musik 1: Szól A Kakas Már; Interpret: Budapest Bár; Album: Klezmer; Label:
Bár Produkció; LC: unbekannt


Autor: In Essen wohnen sie zunächst in einem so genannten Judenhaus und können später in eine kleine Wohnung umziehen, wo sie mit wenig Geld auskommen müssen, das die Jungen auf dem Bau verdienen. Unterstützung bekommen sie gelegentlich von einer mutigen Frau aus Ahlen, Therese Münsterteicher. „Tante Treschen“, wie sie liebevoll genannt wird, besucht Imo und seine Geschwister, bringt ihnen Lebensmittel und warnt sie, wenn sie von geplanten Aktionen gegen Juden erfährt.
Heute sind eine Gesamtschule in Ahlen und ein öffentlicher Platz nach Therese Münsterteicher benannt. Die Pflege ihres Grabes wird von Schülerinnen und Schülern der Gesamtschule übernommen.

Sprecher 1: „Diese große stattliche Frau war der personifizierte Widerstand gegen die Nazis, ihre Waffe: Menschlichkeit“


Autor: sagt Imo Moszkowicz über sie. 1942 erhalten Mutter Moszkowicz und vier ihrer Kinder den Deportationsbefehl. Am 21. April muss Imo am Bahnhof Abschied von ihnen nehmen – er ahnt noch nicht, dass es ein endgültiger Abschied wird.


Sprecher 1: „Von dort brachte man meine Mutter und meine Geschwister in ein Vernichtungslager. Es war ein ganz normaler Personenzug, vollgepfropft mit Essener Juden. Von einer mit aufgepflanztem Bajonett bestückten SS-Polizei-Mannschaft begleitet. Meiner weinenden Mutter riss der Schmerz des Abschieds einen lang gezogenen Schrei aus dem Körper, der sich über den ganzen Bahnhof legte. Sie nahm Abschied von uns Zurückgebliebenen, ahnend, dass sie ihre Kinder nie mehr wiedersehen wird. (...) Dieser Schrei hat sich in mein Hirn gebrannt, und die unmenschliche Angst, die sich damit verbindet, verfolgt mich selbst in meinen zufriedensten Stunden."


Autor: Seine Mutter und vier Geschwister sterben in einem polnischen Konzentrationslager. Über die genauen Umstände und die Todesdaten ist bis heute nichts bekannt.

Einer seiner Brüder wird im Konzentrationslager Auschwitz schon an der Rampe erschossen. Er hatte, obwohl es verboten war, ein Kino besucht und war deshalb verhaftet worden.
Imo Moszkowicz selbst und sein Bruder Herrmann werden 1943 in das KZ Buna/Monowitz in der Nähe von Auschwitz deportiert – in einem Viehwaggon.


Imo verliert seinen Bruder später aus den Augen. Er hat ihn nicht mehr wiedergesehen. Auch seine Todesumstände sind nicht bekannt.

Imo Moszkowicz , Nummer 104998, überlebt das Konzentrationslager. Mit einer Strategie und durch fremde Hilfe.


Sprecher 1: „Heute weiß ich, dass ich mich auf der Rampe verschloss, mein Herz zumachte. Nichts durfte mich von nun an berühren. Ich versuchte, mich schmerzunempfindlich zu machen. Der Sentimentalität befahl ich, sich nicht bemerkbar zu machen, den Tränen ebenfalls. Überleben, durchstehen, der Verzweiflung vielleicht sogar ein Lächeln entgegenzusetzen."


Autor: Martin Moszkowicz, der Sohn von Imo, geboren 1958, erfolgreicher Filmproduzent, erinnert sich an ein, wie er es nennt, „fast unglaubliches Ereignis“, das seinem Vater das Leben rettet:


Sprecher 2: „Als er wegen schwerer eitriger Abszesse bereits für die Gaskammer selektiert worden war, rettete ihn ein Mithäftling namens Gustl Herzog. Herzog, ein sogenannter Ehrenhäftling, strich Imos Nummer von der Todesliste und setzte die eines bereits sterbenden Griechen darauf. Mein Vater lebte fortan mit der Gewissheit, dass ein Fremder an seiner Stelle in den Tod gegangen war – eine Last, die er ein Leben lang wie ein unsichtbares Band zu diesem Unbekannten trug“.


Musik 1: Szól A Kakas Már; Interpret: Budapest Bár; Album: Klezmer; Label:
Bár Produkció; LC: unbekannt


Autor: Gegen Kriegsende lösen die Nazis in Frontnähe die meisten Konzentrationslager auf und zerstören sie. Die Lager und die sichtbar gezeichneten Häftlinge sollen wohl den vorgerückten alliierten Truppen nicht in die Hände fallen. Also ziehen die so genannten „Todesmärsche“ in Richtung Westen. 15.000 Inhaftierte sind es aus dem Lager Buna/Monowitz. Die Wachmannschaften zeigen keine Gnade, haben jegliche Hemmungen abgelegt. Flüchtende werden ohne zu zögern erschossen.

Sprecher 1: „Dieser Marsch wurde so unbeschreiblich unmenschlich“.


Autor: Das Kriegsende erlebt Imo Moszkowicz während des Todesmarsches. Es kommt eher still und unerwartet. Er nimmt wahr, dass


Sprecher 1: „übergangslos keine SS mehr links und rechts von uns zu sehen war. Wir suchten unsere Bewacher, wollten nicht als Flüchtende niedergeschossen werden. Wir waren ja wahre Zielscheiben mit diesen Zebrastreifen.“


Autor: Im tschechischen Liberec endet schließlich seine Odyssee. Aber ein Gefühl der Befreiung will sich nicht einstellen.

Sprecher 1: „Warum jubelte ich nicht? Warum sprang ich nicht in die Lüfte, abhebend wie ein freier Vogel? Ich weiß es bis heute nicht. Ich wusste nur, dass ich allein war und mich an gar nichts mehr klammern konnte."


Autor: Imo Moszkowicz kehrt zurück nach Ahlen. In die Stadt, die für ihn mit Leid und Verfolgung verbunden ist. Und das ganz bewusst.
Sein Sohn Martin trifft vor etwa 20 Jahren einen der ehemaligen Befreier, einen amerikanischen Soldaten, den er ausfindig gemacht hatte.


Sprecher 2: „Er erzählte mir, wie er und sein Platoon Imo nach Paris mitnehmen wollten, um von dort nach Wisconsin zu fliegen. Mein Vater saß bereits in diesem Zug. Doch als der Zug durch notwendige Umwege im zerstörten Deutschland zufällig durch Ahlen fuhr, sah er die vertrauten Umrisse seiner Stadt. Er zögerte nicht, nahm seinen Koffer und sprang aus dem Zug. Er sagte: ‚Ich bin hier zu Hause.‘ “


Autor: Und auch Imo selbst berichtet von der Selbstverständlichkeit seiner Entscheidung:


Sprecher 1: „Ich wollte unbedingt nach Ahlen zurück, weil ja die Absprache mit meiner Familie war, uns bei Tante Treschen zu treffen am ersten Sederabend, wenn alles zu Ende war."

Autor: Da ahnt er noch nicht, dass er bis auf seinen Vater niemanden mehr wiedersehen würde.


Musik 2: Riverendings (with Adam Baldych & Dieter Ilg), Interpret: Nils Landgren; Album: 3 Generations; Label: Label: ACT Music + Vision GmbH & Ko KG; LC: 07644



Autor: Imo Moszkowicz bleibt in Deutschland und startet seine unvergleichliche Karriere im Filmgeschäft der Nachkriegszeit.

Neben die sich zwei weitere, bemerkenswerte Lebensthemen des Auschwitz-Überlebenden gesellen. So berichtet es Martin, der Sohn:


Sprecher 2: „Die Geschichte meiner Eltern ist eine der außergewöhnlichsten Versöhnungsgeschichten unserer Zeit. Mein Vater war Anfang 1952 nach Buenos Aires gereist, um seinen Vater (…) zu suchen,(…) Meine Mutter Renate hingegen war ihrem Vater gefolgt – Armin Dadieu, dem ehemaligen SS-Gauhauptmann der Ostmark und gesuchten Kriegsverbrecher, der (…) nach Argentinien geflohen war.

Renate und Imo begegneten sich (…) in Buenos Aires, (…): Sie verliebten sich. Mein Vater sah in meiner Mutter nicht die Tochter des Systems, das seine Familie vernichtet hatte. Er sah den Menschen. Meine Eltern wurden zu Architekten einer Versöhnung, die weit über das Vorstellbare hinausging. Mein Vater pflegte später sogar zu seinem Schwiegervater (…), ein höfliches Verhältnis, weil er sich weigerte, die Sünden der Väter über die Menschlichkeit der Gegenwart zu stellen.


Autor: Versöhnung. Und immer wieder: Erinnerung und Mahnung. Unermüdlich setzt sich Imo Moszkowicz gegen das Vergessen ein, auch, wenn ihm selbst das Erinnern oft schwerfällt und er damit anfänglich auf Widerstand stößt. Sein Sohn Martin kennt den Grund dafür:

Sprecher 2: „Als er 1945 nach Ahlen kam, suchte er nach Gerechtigkeit. Doch er fand oft nur Kälte. Die Menschen in seiner Heimatstadt wollten damals nicht erinnert werden. Man wollte den „jüdischen Störenfried“ nicht.


Autor: Die Heimatstadt von Imo Moszkowicz hat sich ihrer besonderen Verantwortung gegenüber der Geschichte inzwischen gestellt. Seit den 1980er Jahren hat sie eine intensive Erinnerungskultur in die Wege geleitet. Jährlich finden Gedenkveranstaltungen an einem Mahnmal am Ort des ehemaligen Gemeindehauses und der Synagoge statt. Weiterführende Schulen und die Volkshochschule bringen sich ein, forschen über den gegenwärtigen Antisemitismus und seine Wurzeln. Das „Forum Erinnerung und Dialog“ beschäftigt sich auch über die Gedenktage hinaus mit der Stadtgeschichte in der Nazi-Zeit. Auf dessen Antrag soll demnächst ein Park in „Imo- Moszkowicz-Park der Begegnung“ umbenannt werden.


Zu den ersten Mitgliedern dieser Initiative gehörte der ehemalige Ahlener Pfarrer und spätere Superintendent Erhard Nierhaus als Vertreter der evangelischen Kirchengemeinde. Der 2021 verstorbene Theologe hat mehrfach bei den Gedenkveranstaltungen gesprochen und hat sich für die Aussöhnung zwischen Christen und Juden eingesetzt. Als Beauftragter der westfälischen Landeskirche für den christlich-jüdischen Dialog hat er entscheidend daran mitgewirkt, dass seine Kirche ihre bleibende Verbindung mit dem Judentum auch in ihrer Kirchenordnung zum Ausdruck bringt. Seit 2005 ist dies in Artikel 1 dieser Ordnung verankert.
Noch heute engagiert sich die evangelische Kirchengemeinde im „Forum Erinnerung und Begegnung“ und richtet unter anderem jährlich den Gottesdienst zum Auftakt der Themenwochen aus. Der evangelische Posaunenchor begleitet die Gedenkveranstaltungen am Mahnmal in der Klosterstraße musikalisch. Das Mahnmal trägt den Titel „Fingerzeig der Geschichte“. Darauf sind die Namen aller 88 ermordeten Ahlener Juden eingraviert.
Auch Schülerinnen und Schüler sind dort immer wieder mit Redebeiträgen vertreten und
berichten über ihre Projekte gegen Rassismus und Antisemitismus. Sie erinnern mit eigenen Veranstaltungen an die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz und übernehmen Patenschaften für die so genannten „Stolpersteine“, die an die Opfer der Nazi-Diktatur erinnern. In diesem Jahr haben sie auf dem Schulhof des Städtischen Gymnasiums eine beeindruckende Ausstellung mit großformatigen Portraits von Holocaust-Überlebenden aufgebaut, darunter auch die kürzlich verstorbene Margot Friedländer.


Musik 3: Seattle; Interpret: Avishai Cohen; Album: Gently Disturbed; Label: Naive (Soulfood); LC: 00540


Autor: 2006 hat die Stadt Ahlen die Ehrenbürgerwürde an Imo Moskowicz verliehen, der 2011 verstorben ist. Er konnte sie gut annehmen, berichtet sein Sohn Martin, weil er die entstandene Erinnerungskultur nicht als ritualisiert oder symbolisch empfunden hat, sondern als ehrlich und nicht selbstverständlich.


Sprecher 2: Mein Vater hat Auschwitz überlebt. Aber er hat nie geglaubt, dass sich Geschichte nicht wiederholen könne. Er wusste: Sie beginnt nicht mit Lagern. Sie beginnt mit Worten. Mit Ausgrenzung. Mit Relativierung. Mit dem Wunsch, endlich nicht mehr darüber sprechen zu müssen. Gedenken schützt nicht die Vergangenheit. Es schützt die Zukunft.“


Autor: Einen gesegneten Sonntag wünscht Ihnen Pfarrer Markus Möhl aus Ahlen.


Musik: Va?rmlandsvisan

Komposition: Traditional; Interpreten: Nils Landgren & Jan Lundgren; Album: Kristallen; Label: ACT; LC: LC: 07644



Redaktion: Pfarrer Dr. Titus Reinmuth





Quellen:


https://de.wikipedia.org/wiki/Imo_Moszkowicz


https://www.lwl.org/lmz-download/medienproduktion/booklet_moszkowicz_internet.pdf


http://www.wollheim-memorial.de/de/die_autobiographie_der_grauende_morgen_von_imo_moszkowicz_1998#_edn3


https://jugend1918-1945.de/portal/jugend/zeitzeuge.aspx?bereich=projekt&root=5582&id=5582&redir=


https://knack.news/15161


https://www.kulturelles-net.de/therese-muensterteicher/


https://tmg-ahlen.de/schule/therese-muensterteicher/


https://www.wn.de/muensterland/kreis-warendorf/ahlen/moskowicz-erinnerungsarbeit-in-ahlen-verdient-anerkennung-3480197


https://www.instagram.com/p/DUAKvQniCGy/




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