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Kirche in WDR 3 | 23.07.2026 | 07:50 Uhr
Wanderschuhe
Guten Morgen.
Schon beim Blick ins Schuhregal sehe ich sofort: Hier stimmt was nicht. Da, wo ich am Abend zuvor meine Wanderschuhe abgestellt habe, steht jetzt ein fremdes Paar.
Wir sind zum Wandern in den Bergen. Von Hütte zu Hütte. Und jetzt wollen wir wieder los, aber wo sind meine Schuhe? Das fremde Paar sieht meinen Schuhen zum Verwechseln ähnlich. Dieselbe Marke, ungefähr gleich alt. Nur die Schnürsenkel sind etwas dünner. Ich suche das Regal noch einmal ab. Dann noch einmal. Nichts. Kann es sein, dass jemand die Schuhe verwechselt hat? Dass jemand meine Schuhe genommen hat und nun damit unterwegs ist?
Irgendwo zwischen Trotz und nicht-wahrhaben-Wollen probiere ich das andere Paar an. Mir bleibt ja auch kaum was anderes übrig. Ein bisschen zu klein, aber es wird schon gehen - zur Not.
Ich beginne innerlich zu fluchen. Und natürlich fällt mir prompt jener alte Spruch ein: Verurteile niemanden, bevor du nicht eine Meile in seinen Schuhen gelaufen bist. Soll ich wirklich in den Schuhen eines anderen weiter wandern? Werde ich meine eigenen niemals mehr wiedersehen? Tausende von Schritten sind wir gemeinsam unterwegs gewesen, haben Berge erklommen, Flüsse durchquert, sind Wälder durchschritten und über schnöden Asphalt getrabt. All das hat uns eng aneinandergeschweißt. Für einen Augenblick werde ich sentimental. Soll all das nun weg sein?
Mittlerweile kann ich wieder klarer denken. Ich gehe zur Hüttenwirtin und beichte ihr mein Schlamassel. „Sowas hatten wir noch nie!“ Sie guckt genauso ratlos wie ich. Gemeinsam durchkämmen wir die Gästeliste auf mögliche Kandidaten. Und beherzt ruft sie einen nach dem anderen an: „Laufen Sie zufällig in Schuhen, die nicht ihnen gehören?“ Was mögen die denken… Natürlich haben alle ihre eigenen Schuhe an. Und mir bleibt nichts anderes übrig, als mich meinem Schicksal zu ergeben. Von nun an also in den Schuhen eines anderen.
Eine Handvoll Gäste ist noch mit uns auf der Hütte. Es hat sich herumgesprochen. Freundliche Worte und ein paar mitleidige Blicke begleiten uns, als wir aufbrechen. Dann ruft plötzlich jemand laut hinter uns: „Halt!“ Ein freundlicher, älterer Herr schaut etwas zerknirscht in unsere Richtung. „Hier sind sie! Ich habe die Schuhe gestern Abend mit auf mein Zimmer genommen. Und als ich sie eben anziehen wollte, sah ich, es sind die falschen.“
Wir lächeln uns an. Und ich danke meinem Gott mit einem lauten Halleluja. Für meine Stiefel. Und für diese unerwartete Lektion.
Nicht alles im Leben haben wir in der Hand. Manches lässt sich nicht sofort lösen. Und die wenigen Schritte in fremden Schuhen zeigen mir: Auch wenn Vertrautes plötzlich verloren geht, muss der Weg noch lange nicht zu Ende sein. Manchmal genügt es, einfach den nächsten Schritt zu wagen.
Für Ihre Schritte durchs Leben, in eigenen oder manchmal auch in fremden Schuhen, wünsche ich Ihnen alles Gute.
(Ende WDR 4, Verabschiedung für WDR 3 und 5 : )
Es grüßt Sie herzlich Thomas Warnke, Pfarrer aus Detmold.
Redaktion: Landespfarrerin Petra Schulze
