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Kirche in WDR 2 | 04.03.2026 | 05:55 Uhr
Himmelreich
Eigentlich bin ich ja nicht so der Umarmer. Es gibt das ja: Umarmung hier, Küsschen da. Bei jeder Begrüßung. Verabschiedung. Das ist nicht so meins. Aber in dem Fall …
Ich sitze da zusammen mit diesem Mann. Eigentlich habe ich nur mal kurz vorbeischauen wollen. Fragen: „Wie geht’s?“ Jetzt sind fast zwei Stunden daraus geworden. Zwei Stunden, in denen er mir sein Leben öffnet: Er erzählt von seiner Familie. Von der Arbeit. Von Dingen, die irgendwie gewaltig schiefgelaufen sind. Von düsteren Gedanken, die ihm den Schlaf rauben. Ich sitze da und höre zu. Viel sagen muss ich nicht. Unser Gespräch ist einfach - geteilte Traurigkeit. Sozusagen.
Irgendwann schaue ich auf die Uhr. So spät schon? Ich muss längst weg. Als ich mich verabschiede und zur Tür gehe, steht er mit einem Mal auf und fragt mich verschämt: „Darf ich Sie umarmen?“ Und noch bevor ich irgendwas sagen kann, drückt er mich schon an sich. Für einen Moment nur. Dann klopft er mir ein paar Mal auf den Rücken und sagt „Danke.“ Schnieft und wischt sich eine Träne weg. Er lächelt. Wie gesagt: Ich bin eigentlich nicht so der Umarmer. Aber irgendwie gehe ich zu meinem nächsten Termin mit dem Gefühl: Das ist jetzt wichtig gewesen.
„Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen.“ Sagt die Bibel. Und ich habe mir schon oft darüber Gedanken gemacht, und mich gefragt: Wo ist es denn nah, das Himmelreich? So richtig himmlisch sieht die Welt doch meist nicht gerade aus.
In diesem Moment finde ich eine Antwort: Himmel ist vielleicht nicht so sehr, wenn alles perfekt ist. Ein Ort, an den man kommt, und dann ist alles super. Vielleicht ist es mehr ein Moment. Ein Ereignis. Ein Gefühl der Verbundenheit. Des Miteinanders. Des Verstehens. Vielleicht ist der Himmel nah, wenn einer, dem man es nicht zutraut, einen freundlich anlächelt. Oder wenn einer an meiner Seite bleibt, obwohl ich im Moment ziemlich schwierig bin. Oder eben in der ungelenken Umarmung zweier Männer, die einfach passiert.
„Das Himmelreich ist nah.“ Ich mag den Gedanken. Ich muss nicht darauf warten, bis ich mal tot bin. Oder bis ans Ende der Zeiten. Himmel ist etwas, das sich ereignet. Immer dann, wenn die Welt für einen kleinen Moment so ist, wie sie sein sollte. Dann kann man den Himmel sehen, wenn man genau hinschaut. Und man kann ihm eine Tür öffnen und ihn einladen, den Himmel. Manchmal muss man sich ein bisschen überwinden. Denn, wie gesagt: Ich bin eigentlich nicht so der Umarmer.
Redaktion: Rundfunkpastorin Sabine Steinwender-Schnitzius
