Beiträge auf: wdr5
Das Geistliche Wort | 29.03.2026 | 08:40 Uhr
Im Namen des Herrn bringt er Leben
Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer! Vor fünfeinhalb Wochen war es wieder passiert: Wie jedes Jahr so wurde zu einem bestimmten Zeitpunkt Mitte Februar vielen Menschen eine brutale, erschütternde, eindeutige Wahrheit zugemutet. Ohne Umschweife, direkt und frei heraus. Wer am Aschermittwoch einen katholischen Gottesdienst besuchte, musste sich Dreck auf den Kopf streuen lassen – und dazu folgende Worte ertragen: Bedenke: Du, Mensch, bist Staub! Und zum Staub wirst du zurückkehren! Heute ist Palmsonntag. Die Asche, die an Aschermittwoch verwendet wird, wird traditionell aus den verbrannten Palmzweigen hergestellt, die heute landauf landab in Gottesdiensten eine Rolle spielen. Mein Name ist Mike Kolb und ich arbeite als Priester in der Seelsorge an der Kölner Uniklinik. Und vielleicht verharre ich heute deshalb zunächst beim Aschermittwoch: Weil ich in meiner Arbeit an einer der größten Kliniken in Nordrhein-Westfalen direkt damit konfrontiert werde, was Menschen mit der Asche aus den Palmzweigen von heute vor fünfeinhalb Wochen gesagt worden ist: Das Leben ist endlich, der Tod ist sicher und morgen kann es vielleicht schon vorbei sein. Wie der Teufel das Weihwasser so meiden viele Menschen diese Gewissheit. Ja, das Aschenkreuz will Menschen aufrütteln und Beine machen. Es provoziert, unterbricht, irritiert und steht am Beginn eines Weges. Auf diesem Weg ist der Palmsonntag heute, der Start in die Karwoche, ein wichtiger Punkt. Denn heute beginnt die Zuspitzung, die am Karfreitag dramatisch endet in der gewaltigen Realität des Todes eines Menschen
Musik I: The Mozart Sessions (Chick Corea / Bobby McFerrin) Prelude
Heute zu Beginn der Karwoche, stehe ich noch mal eigentümlich in dieser krassen Wirklichkeit, die mir am Aschermittwoch mitten ins Gesicht gesagt wurde. Ich reibe mir die Augen und frage: Was ist das? Der Mensch angesichts des Todes, der sich erst noch aufbäumt, danach verdrängt und sich dann aber dem Unvermeidlichen fügt – resigniert, trostlos, im wahrsten Sinne… „lebensmüde‘? Woher kommt eigentlich mein eigener Glaube, der über den Karfreitag hinausreicht? Woher mein Zutrauen?
Heute, an Palmsonntag, schaue ich auf einen Mann, der auf einem jungen Esel vom Ölberg kommend durch das Stadttor von Jerusalem reitet; begleitet von seinen treuen Freunden. Das ist noch nichts Aufsehen Erregendes. Aber da hört man einzelne Rufe. Menschen horchen auf, bleiben stehen, fragen neugierig, bewegen sich langsam Richtung Stadttor.
Und dann ereignen sich merkwürdige Sachen: Einige ziehen ihre Klamotten aus, legen sie nebeneinander und formen so einen Weg, auf dem das Lasttier mit dem Mann dahinreitet. Andere knicken von den Bäumen Zweige ab, wedeln damit und rufen. Begeisterung bricht auf. Eine Explosion der Freude durchzieht die Stadt und inmitten des Jubels sind einzelne, immer wiederkehrende Sätze vernehmbar: „Gesegnet, der da kommt im Namen des Herrn“.
Einzelnen mit ihrer Heiligen Schrift zutiefst verbundenen Jüdinnen und Juden fällt es plötzlich wie Schuppen von den Augen, als sie die Szenen am Stadttor sehen: „Siehe, dein König kommt zu dir. Er ist sanftmütig und er reitet auf einer Eselin und auf einem Fohlen, dem Jungen eines Lasttieres“ (Mt 21,5; vgl. Sach 9). Uralte Weissagungen ihres Glaubens sind das. Andere haben schon seit einiger Zeit von dem Wanderprediger Jesus gehört, der unerklärbare Dinge tut und mit seinen Predigten vom „Reich Gottes“ mit den römischen Besatzern ebenso in Konflikt kommt wie mit jüdischen Eliten.
„Gesegnet, der da kommt im Namen des Herrn“. Jetzt, genau jetzt passiert, was das Volk Israel seit Jahrhunderten ersehnt hat, erhofft, erfleht – oft in bedrückender Not, fern der Heimat, einsam – und was sich bis dato nicht erfüllte. So innig und so groß war das Sehnen nach dem einen starken Friedensstifter und Retter…sollte er noch größer sein noch als der einst geliebte, große König David?
Jetzt in den Straßen Jerusalems, als Jesus einzieht, rufen sie plötzlich: ‚Sohn Davids‘. Sie brüllen, flehen. Die Prophezeiung wird Realität! Endlich! Die ganze Wucht des Moments, der durch die Generationen aufgestaute Druck aus Erwartung, Zweifel, Hoffnung, Resignation, Überlebenskampf; die Mühe des Aushaltens der römischen Fremdherrschaft das Festhalten an den eindrücklich-gewaltigen wie leise-trostvollen Worten der Propheten – all das und noch mehr löst sich plötzlich in den frohen, aufbrausenden, explodierenden Jubel der Menschen. Von jetzt auf gleich. Ein Wahnsinn! Hosianna!
Musik II: The Mozart Sessions (Chick Corea / Bobby McFerrin) Rondo
Hosianna! Jubel! Freude! Wenn ich dem Zeugnis der Evangelien Glauben schenke, dann war die Begeisterung immens an jenem Tag, als das Volk die Palmzweige schwang. Aber: so plötzlich die Freude explodiert, so plötzlich sie da war, so schnell sackt sie wieder in sich zusammen. Denn: Nachdem Jesus auf den Esel einzieht in Jerusalem, passiert…nichts.. Viele erwarten etwas, aber alles läuft weiter wie bisher.
Erste Zweifel steigen auf: Kann er es bringen? Jagt er die verhassten Römer aus dem Land? Kann er das denn wirklich – befrieden, ins Recht zu setzen, und überhaupt Israel neu auferstehen lassen „vor den Augen der Feinde“, wie es versprochen wurde? Vermag er das – Gedemütigte, wieder aufrichten, damit alle Welt sich fürchte? Wohl nicht. Wie er schon daherkommt, dieser Retter auf dem Esel, dem Lasttier der armen Leute, mit seiner auf ihn eingeschworenen komischen Truppe. Und überhaupt, vielleicht ist er ein Schwindler, es wäre nicht der erste, den man überführt. Ja und dann sein Anspruch, mit Gott eins zu sein, was für eine Arroganz. …
Schnell beginnt die Stimmung zu kippen und die Jubelnden des Palmsonntags werden zur johlenden Menge, die fanatisch ihn ans Kreuz ‚brüllen‘. Ja, auch die Menge hat – neben den einzelnen namentlich bekannten Akteuren wie Judas – ihre Rolle im bitterlich-tragischen Spiel der Kreuzigung. Aus Enttäuschung und Resignation wird Wut und Hass. Der, der da – gesegnet im Namen des Herrn – angekommen war, wird im Namen der Kreuziger getötet. Am Freitag nach Palmsonntag ist Jesus erledigt. Also doch: Auch hier spricht der Tod sein Machtwort.
Was übrig bleibt, ist der Mensch in
seiner „Aschermittwochsexistenz“: Der mit absoluter Sicherheit zum Staub
zurückkehrende, dem Tod verfallene Mensch, der sich dieser alles zerstörenden
Macht ergeben muss. Keiner kann ihm angesichts dessen helfen, ihn retten, ihm
Hoffnung geben – so scheint es. So kenne ich das auch bei mir. Gerade
angesichts des aktuellen Getöses im Welttheater. Wo das vermeintliche Recht des
Stärkeren wieder durchexerziert wird wie schon lange nicht mehr. Wo ist da Gott? Und vor allem: Wie
ist er da?
Musik III: The Mozart Sessions (Chick Corea / Bobby McFerrin) Prelude 2
Immer und immer wieder scheitere ich
an Gott und bin wie blind, taub, gelähmt. Ich
will
ihm einfach nicht glauben, dass er
es so macht, wie Jesus. Dieser „König“
auf dem Esel: Arm, ohne Soldaten, ohne bis an die Zähne bewaffnete,
aufgestachelte, hasserfüllte Krieger, ohne perfekte Inszenierungen übergroßer
Macht, ohne die kalte, dem Gegner zynisch und verachtungsvoll entgegengebrachte
Arroganz des Stärkeren. Stattdessen erträgt Jesus passiv alle Demütigungen,
Ungerechtigkeiten und Schläge – bis zum allerletzten Moment. So bitte nicht! Im
Glauben zuweilen ungläubig zweifele ich kolossal an der Macht des Ohnmächtigen und an
seinem Sieg über die bis an die Zähne bewaffneten, vor Kraft strotzenden
Gegner.
Musik IV: The Mozart Sessions (Chick Corea / Bobby McFerrin) Romance
Angesichts der Gegenwart erlebe ich diese Spannung des Glaubens als Zumutung: Zu glauben, dass ein ohnmächtig Scheinender sich durchsetzt, aber ohne Kriegswirtschaft und Drohnengeschwader. Und darin trifft mich ein Bibelwort, das begründet hoffen lässt: „Du kommst zu mir mit Schwert, Speer und Sichelschwert, ich aber komme zu dir im Namen des Herrn“ (1 Sam 17,45). Mit diesem Wort aus dem Buch Samuel tritt der kleine David dem mächtigen Goliath gegenüber – wir wissen wie überraschend die Sache ausgeht: Der im Namen des Herrn Gekommene besiegt den hochgerüsteten mächtigen Helden. Das in David symbolhaft gegenwärtige, kleine fragile Israel, das keine anderen Waffen hat als tiefes Gottvertrauen besiegt in seiner Treue zum Einen Gott die Philister, für die Goliath steht und von denen man wusste, dass sie mit zerstörerischer Wucht alle Gegner konsequent vernichten.
David gegen Goliath – Gottvertrauen, das ist trotzig-strotzende Kraft, mit der ich mich der Aschermittwochsexistenz entgegenstemme.
Der „Sohn Davids“, Jesus, kommt an Palmsonntag im Namen des Herrn und: so wie er kommt. Den mit Schwert und Speer bestens ausgerüsteten Kreuzigern kann er augenscheinlich nichts entgegensetzen. Erst im Tod erweist sich die göttliche Kraft des Segens, der auf ihm ruht. Auferstehung geschieht, Ostern wird! Langsam breitet sich nach und nach aus, was keine Macht der Welt, kein hochgerüsteter Kämpfer mehr kleinhalten kann: Die Macht des Todes ist ein für alle Mal gebrochen. Der Mensch kann leben, er kann Frieden stiften, er kann als vom Gott des Lebens unendlich Geliebter lieben. Er kann mit dem gesegneten Sohn Davids, mit Jesus Christus den Tod überwinden. Er kann die Masche der hochgerüsteten Macht im Namen des ohnmächtig Gekreuzigten, der auferstanden ist, unterbrechen. Er kann dieser Welt überzeugend und selbstbewusst sagen, was David dem Goliath zurief: „Alle […] sollen erkennen, dass Gott sich nicht durch Schwert und Speer Rettung verschafft“ (1 Sam 17,47).
Musik V: The Mozart Sessions (Chick Corea / Bobby McFerrin) Romance
Gerade weil Jesus entwaffnend wehrlos kam und so viel ertragen hat, schenke ich ihm meinen Glauben. Mein Vertrauen auf einen Gott, der ohne unser Verständnis von Macht den Sieg davonträgt. Jedes Jahr konfrontiert mich die Karwoche mit seinem Weg, der letzten Endes die Mächtigen und einen jeden beschämen muss. Vor bald zwei Monaten war Aschermittwoch. In gut zwei Monaten ist Pfingsten. Und das ist der andere Spannungspol des heutigen Tages. Die Botschaft von Pfingsten strotzt vor Hoffnung, Leidenschaft, Energie und Furchtlosigkeit. Diese Botschaft ist wichtig für unsere manchmal bedrückende Gegenwart.
Wer an Pfingsten die Botschaft hört, dass Menschen unterschiedlicher Sprachen zutiefst einander verstehen; dass Streit, Auseinandersetzung, Hass und Gewalt überwindbar sind; dass die eigene Endlichkeit ihren Schrecken verliert angesichts einer ergreifenden Erfahrung von Gemeinschaft, die nie endet und atemberaubend schön ist und mir deutlich macht: Du bist gesehen, geborgen, geliebt und du hast Zukunft, du, Mensch!
Wer all das hört und dem Gehörten Glauben schenkt, der lebt neu auf und ist trotz aller Krisen und entmutigenden Nachrichten nach einem Wort des Wiener Kardinals Christoph Schönborn „unverbesserlich hoffnungsvoll“. Dass wir uns neu festmachen in ihm, dass wir uns dem pfingstlichen Geist öffnen, der uns leitet, stärkt und uns „unverbesserlich hoffnungsvoll“ die richtigen Wege gehen lässt, das wünsche ich Ihnen, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, von ganzem Herzen.
Musik VI: The Mozart Sessions (Chick Corea / Bobby McFerrin) Song for Amadeus
Ein gutes, hoffnungsvolles Zugehen auf Ostern wünscht Ihnen Pfarrer Mike Kolb aus Köln.
