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Kirche in WDR 3 | 06.04.2026 | 07:50 Uhr
Ostern als Zeitenwende ohne schnellen Erfolg (Ostermontag)
Frohe Ostern! Ostern wurde in der Christentumsgeschichte oft als Zeitenwende verstanden. Als der Moment, in dem alles anders wird. Aber: Die biblischen Texte erzählen es deutlich nüchterner. Die Emmausjünger sind nicht auf einem Triumphzug, sondern auf dem Rückweg. Sie flüchten aus Jerusalem. Sie flüchten vor ihrer Enttäuschung, vor ihrer Angst und vor der Ratlosigkeit, die selbst den engsten Apostelkreis erfasst hat.
Und deshalb sprechen sie auf ihrem Weg von enttäuschter Hoffnung. Davon, dass sie geglaubt hatten, Gott würde anders handeln. Die Auferstehung hat sich bereits ereignet. Aber sie verändert zunächst nichts Sichtbares. Keine politische Lage. Keine religiöse Bewegung und auch nicht den inneren Zustand. Das, was die Wirklichkeit verändern wird, ist etwas anderes: Gott bleibt an der Seite derer, die gehen – auch dann, wenn sie sich abwenden. Das ist die eigentliche Zeitenwende von Ostern. Nicht der schnelle Erfolg. Sondern die Verlässlichkeit Gottes. In meiner Arbeit an einem friedensethischen Institut begegne ich oft religiösen Friedensinitiativen. Sie haben etwas von dieser Art Ostern. Was sie verbindet, ist nicht ihre schnelle Wirksamkeit. Sie verändern keine Konflikte über Nacht. Aber sie verändern langfristig die Bedingungen, unter denen Menschen miteinander leben.
Ein bekanntes Beispiel ist Desmond Tutu. Während der Apartheid in Südafrika hatte Bischof Tutu auf Beerdigungen von Opfern der Gewalt von Versöhnung gesprochen. Damit hatte er sich den Unmut vieler in der Trauergemeinde zugezogen. „Wie kann er nur zur Versöhnung aufrufen angesichts der furchtbaren Verbrechen des Apartheid Regimes?“ Es muss schwer gewesen sein, die berechtigte Wut der Angehörigen auszuhalten. Aber: Versöhnung bedeutete für ihn nicht, Unrecht zu relativieren, sondern darauf zu bestehen, dass Gewalt und Rache nicht das letzte Wort behalten dürfen.
Ein anderes, weniger bekanntes Beispiel ist Friedrich Bokern und die Initiative Relief and Reconciliation for Syria. Das Gebiet, in dem ihr Friedenszentrum entstanden ist, wurde nicht von einem Tag auf den anderen zu einem Ort des Friedens. Aber durch das gemeinsame Bemühen um eine bessere Zukunft hat sich das Zusammenleben zwischen ethnischen und religiösen Gruppen verändert. Die Gewalt geht zurück. Beide Beispiele zeigen, was Ostern praktisch bedeutet: Nicht, dass sich die Welt sofort ändert, sondern dass Hoffnung sich dort bewährt, wo Menschen nicht aufhören, Verantwortung zu übernehmen. Die Auferstehung Jesu ist keine Garantie für schnellen Erfolg. Aber sie eröffnet eine andere Perspektive. Vielleicht ist das die Zumutung dieses Ostermontags: Nicht zu fragen, wo wir den Durchbruch sehen, sondern ob wir darauf vertrauen, dass Gott an unserer Seite bleibt – auch dann, wenn Veränderungen Zeit brauchen und dass auch dort ein Stück der österlichen Hoffnung spürbar wird, wo wir diese liebevolle Geduld füreinander aufbringen.
Einen gesegneten Ostertag wünscht Ihnen Pfarrer Jochen Reidegeld aus Münster.
