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Das Geistliche Wort | 07.06.2026 | 08:40 Uhr
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Träumer
Musik 1: Dreamer
Künstler: Ozzy Osbourne; Album: Down to Earth; Label: Sony Music; LC: 10746
Autorin: I am just a dreamer. Ich bin ein Träumer, sing Ozzy Osbourne. Von was haben Sie heute Nacht geträumt? Ich erinnere mich selten an meine nächtlichen Träume. Die Tagträume sind dafür umso präsenter. Die Idee, welche Sonntagsrunde heute schön wäre. Das Phantasieren darüber, wie die Vorrunde der Fußball Weltmeisterschaft in der kommenden Woche verläuft.
In der Bibel wird manches Mal von Träumen erzählt. Von Tagträumen und Nachtgesichten. Es gibt die großen Visionen und Träume: den Einzug ins gelobte Land. 40 Jahre lang wandert das Volk Gottes durch die Wüste, dann erfüllt sich dieser Traum. Es gibt individuelle Träumer: Josef, der Vater Jesu, ist so einer. Einer, der seinen Träumen geglaubt hat und so die Weltgeschichte mitgeschrieben hat. Ohne ihn und seine Träume würden wir nicht jedes Jahr Weihnachten feiern. Im Traum ist ihm der Engel erschienen und hat ihm geraten, mit Maria und dem kleinen Jesus Kind sich aufzumachen und zu fliehen. Das hat er zum Glück getan. Die Schergen von König Herodes haben ihn und das Kind nicht zu fassen gekriegt.
Und trotzdem: Träumer werden selten ernst genommen. „Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen“, so hat es Helmut Schmidt gesagt. Der pragmatische Hanseat stand für Sachpolitik und Nüchternheit. Aber nicht nur gegen die Nüchternheit muss sich der Träumer verteidigen. Es ist viel leichter, Schwarzmalerei zu betreiben, statt Visionen zu zeichnen. Und mit dieser Brille auf der Nase die Gesellschaft, Politik und Welt schlecht zu reden.
Träumer werden dann belächelt. Und es wird ihnen das bitter-süße Kompliment der Jugendlichkeit geschenkt. „Ich bin ein Träumer - verträume mein Leben - I am just a dreamer - i dream my life away, so singt es Ossy Osbourne.
Und gleichzeitig: sind es nicht die Menschen mit Träumen, die begeistern, die uns zu Träumen bringen? Martin Luther King und seine bekannte Reede „I have a dream“. Ich habe einen Traum,“ oder die Poetin Amanda Gorman, die mit dem Gedicht „The Hill We Climb“ bei der Amtseinführung von US-Präsident Joe Biden die Herzen erreicht hat. Träumer, Vordenkerinnen, Visionäre, Zukunftszeichnerinnen. Mich faszinieren diese Menschen.
Musik: Imagine
Künstler: John Lennon; Album: Imagine (The Ultimate Mixes); Label: Calderstone Productions Limited (a division of Universal Music Group); LC: 97777
Autorin: John Lenon malte ein Zukunftsbild, in dem wir gemeinsam unterwegs sind: „And the world will be as one“. Und die Welt wird eins sein. Nun gibt es aber auch bei den Träumern und Visionärinnen Menschen, die Schachbrett Visionen malen. Schwarz-Weiß Zeichner, die wissen, was gut und falsch ist. Was reingehört und was nicht. Ausgrenzer und Selektierer. Das Programm der AFD in Sachsen-Anhalt arbeitet mit solchen Inhalten. Fachkräfte, zum Beispiel Ärztinnen und Ärzte, könnten in Zukunft nach Herkunft sortiert werden. Wie die Lücke der ärztlichen Versorgung allerdings ohne ausländische Fachkräfte zu schließen ist, wird dabei nicht erklärt. Und die Schulpflicht soll auch abgeschafft werden. Die Idee und Errungenschaft, dass alle Kinder das Anrecht auf Bildung haben und ein Staat sie bereitstellt, wird mit merkwürdigen Farben überkritzelt. Bildung scheint gefährlich zu sein. Sie ermöglicht Visionen. Für die Zukunft braucht es genau das: Visionen. Träume. Ideen.
Und es braucht das Einüben in die Haltung, dass die Zukunft gut wird, wenn sie gemeinschaftlich verantwortet wird. Auch deshalb kommen alle Kinder an einem Lernort zusammen. Um Gemeinsinn zu lernen.
Träumen heißt: Es wird anders, als wir es kennen. Und es wird trotzdem gut. Maria und Josef, die Eltern Jesu, machen das ja vor, als sie sich auf die Weihnachts-Wunder-Geschichte einlassen. Es kann etwas anderes richtig sein als das, was wir bisher kannten.
Besonders drastisch kommt das in einer biblischen Geschichte vor, in der Jesus Menschen zur Nachfolge aufruft. Da ist ein Mann, der mit ihm gehen will, vorher aber noch den Acker bestellen will. Jesus sagt ihm, wer zurückschaut, ist nicht gemacht fürs Reich Gottes
Jesu Handeln irritiert. Auch weil die vertrauten Verpflichtungen so in Frage gestellt werden.. Wer nur reagiert, verfällt meist in altbekannte Muster der Vergangenheit und spult die üblichen Argumente ab. Das kann in bestimmten Kontexten auch sinnvoll sein. Aber wenn Träumen und Visionieren gefragt ist, braucht es etwas anderes.
Musik: Continuum
Künstler: Nils Wülker; Album: Zuversicht; Label: Warner Music; LC: 14666
Autorin: Über das Konfliktpotential, das Träume und Vision haben, berichtet die hebräische Bibel in der Josefsgeschichte im 1. Buch Mose. Der vom Stammvater Jakob bevorzugte Lieblingssohn Josef ist ein echter Träumer. Er träumt im Schlaf und am Tag. Er träumt von Ähren, die sich vor ihm verneigen. Er träumt von Allmacht. In den Ähren sieht er seine Familie, und visioniert, wie sie sich vor ihm niederwerfen. Seine Brüder finden, diese Träumereien gehören sanktioniert. Sie werfen sich nicht vor ihm nieder, sondern werfen ihn in einen Brunnen. In einer Zisterne hockend, ist Josef hart auf dem Boden der Realität angekommen und weit weg von seinen Träumen. Seine Brüder verscherbeln ihn an eine vorbeiziehende Karawane. So kommt er nach Ägypten in das Haus von Pontifar, wo er als Diener arbeitet. Nach Quärelen landet er im Gefängnis und beginnt dort seine Karriere als Traumdeuter und Schicksalskenner. Einmal sieht er, dass auf sieben fette Jahre sieben magere Jahre folgen werden. Da wird er zum Vizekönig erhoben.
Der Hof des ägyptischen Pharaos ist dann auch der Ort, an dem sich nach vielen Jahren erfüllt, was Josef ursprünglich geträumt hat. Seine Brüder knien vor ihm nieder. Dürre und Hungersnöte haben sie hergetrieben. Denn hier gibt es noch etwas zu essen. Josef hat dafür gesorgt, dass es ausreichend Vorräte am Hof gibt. Um einen kleinen Anteil an diesen Vorräten bitten seine Geschwister. Sie knien nieder und verneigen sich. Nichtsahnend, dass sie sich vor dem Bruder verneigen, den sie einst verkauft haben. Der Traum, über den er mit seinen Brüdern in Streit geraten war, er ist jetzt Wirklichkeit. Ein Déjà- Vu? Josef erinnert sich an seinen Traum. Und so wird der Traum eines Kindes im Rückblick zu einem Vorausschauen, einer Vision. Josef ist ein Beispiel, wie es einem Visionär auch ergehen kann.
Das Umfeld muss dich für deine Visionen nicht automatisch lieben. Es wird mitunter Energie aufbringen, um die Visionen und den Visionär zu begraben. Und es ist noch ein starker Gedanke dahinter. Es ist die Idee, dass Gott in die Zukunft denkt. Gott schenkt Josef diesen Traum, diese Vision. Gott kann nach vorne schauen. Providentia dei - so haben es die Altvorderen der Theologiegeschichte genannt: Vorhersehung Gottes. Es ist nicht gemeint, dass alles einen Sinn ergibt und jedes Leid gut sein muss. Bestimmt nicht. Es gibt zu viel, was auch im Rückblick keinen Sinn macht.
Und trotzdem: Es lässt Gott groß sein, wenn wir ihm eine Lösung zutrauen, die wir noch nicht sehen. Kann sein, wir verzweifeln, weil wir nicht verstehen, nicht planen oder fassen können, was Gott wohl vorhat. Doch Gott kann es anders denken. Wir leiden wohlmöglich gerade darunter. Gott aber denkt an uns.
„Ihr, meine Brüder, gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut mit mir zu machen.“ So formuliert es Josef ziemlich steil. Und so einen Satz sagen kann nur, wer in einem Lebens-Moment steht, an dem das Leben gut geworden ist. In Josephs Leben gibt es viele ungute Momente: Der Moment, als er verkauft wird. Der Moment, als er im Gefängnis sitzt. Und es gibt diesen Moment, da Josef diesen Satz mit einem Blick in den Rückspiegel aus vollem Herzen zustimmt. „Gott gedachte es gut mit mir zu machen“.
Und ich stelle mir vor, dass er in diesem Moment noch etwas merkt.
Er merkt, dass dieser Satz nicht immer Realität war. Sein Leben war definitiv nicht die Aneinanderreihung von guten Lebens-Momenten. Dieser Satz hat aber trotzdem seine Berechtigung gehabt. Die Hoffnung, die in ihm steckte, dieses zuversichtliche „Alles wird gut“, das hat Josef gestützt und geschützt – auch gerade in den schweren Momenten. Dann, wenn er keine eigenen Worte fand. Der Glaube an Gottes Plan, an Gottes Vision, dass Gott es gut mit ihm meint, das hat Josef aushalten lassen. Nicht im Sinne einer Vertröstung, sondern im Sinne einer stützenden Hoffnung.
Was sind unsere stützenden Sätze? Unsere Kindheitsmutmacher? Denken wir an unsere Vorausgegangenen und ihre Lebensweisheiten für uns? Den trötstenden Satz: „Es wird alles gut“? Und die Zusage: Morgen ist ein neuer Tag?
Musik: “I have a dream”
Komposition: Benny Andersson; Interpreten: Nils Landgren und Johan Norberg; Album: Christmas with My Friends VI; Label: ACT Music+Vision; LC: 07644
Autorin: Die Josefsgeschichte erzählt, dass ein Traum Wirklichkeit wird. Und mehr noch, sie erzählt, dass nicht nur die Hauptfigur ein Happy End erlebt. Das biblische Happy End zeigt sich darin, dass der von Gott beschenkte Josef Fürsorge in die Welt gibt. Gott gedachte es gut mit Josef zu machen. Das erfährt Josef. Und Josef antwortet auf diese Erfahrung - er reagiert darauf. Oder stopp: Reagiert er in altbekannten Mustern oder schafft er etwas Neues? Im Reagieren wäre Josef wohlmöglich in die Haltung der Vergeltung gerutscht. Seine Brüder leiden lassen. Es ihnen heimzahlen. Er entscheidet sich anders.
Er schaut sich an, was sich vor ihm abspielt. Und er überlegt: Wie und wo will ich damit verbunden sein und Teil davon werden? Was ist meine Intention? Und schließlich: Was eröffnet hier die beste Zukunft? Er steigt aus der Logik von Aktion und Reaktion aus. Aus der Logik des Aufrechnens. Er entscheidet sich für Großherzigkeit und sorgt für die Brüder und deren Familien, die durch Hungersnot bedroht sind. Er setzt sich ein für Familien, die er nicht kennt. Er stimmt für das Leben. Nicht für Zerwürfnis. Statt es heimzuzahlen, entscheidet sich Josef für Fürsorge. Statt Vergeltung für Vergebung. Er entscheidet sich für das Ermöglichen von Leben mit und trotz vorheriger Schuld. Das ist eine visionäre Haltung. Und alles andere als naiv. Josef, dieser Träumer ist voller Weisheit.
Musik: “I have a dream”
Komposition: Benny Andersson; Interpreten: Nils Landgren und Johan Norberg; Album: Christmas with My Friends VI; Label: ACT Music+Vision; LC: 07644
Autorin: Kollege gesucht! Wir suchen einen Träumer, eine Träumerin. Dein Profil: Du kannst in die Zukunft imaginieren und Visionen zeichnen. Du kannst zwischen eingeübt und klug, dem naheliegenden Richtigen und dem Klugen richtig unterscheiden und dein Team begeistern.
Ein gutes, biblisches Beispiel für so einen Visionär und Change-Manager ist Salomo. Im ersten Buch der Könige wird erzählt, wie er träumt und im Traum mit Gott spricht. Gott erscheint Salomo des Nachts, so heißt es. Und zusammen entwickeln die beiden Zukunft.
Dabei schaut Salomo im Traum zurück. Er erinnert sich im Traum, was sein Vater David mit Gott an seiner Seite alles geschaffen und geschafft hat.
Und dann? Salomo wünscht sich nicht, dass es ihm genauso ergehen möge. Dass er so erfolgreich wie sein Vater wird. Er will keine Kopie, kein David 2.0 sein. Er erwartet nicht, dass es in Zukunft so wird, wie er es kennt. So wie es gewesen ist. Er leitet keinen Anspruch oder Wunsch ab. Und er reagiert auch nicht, indem er das Bekannte wiederholt.
Salomo hat eine eigene Bitte. Als Gott ihn im Traum fragt, da wünscht er sich von Gott:
So wollest du deinem Knecht ein gehorsames Herz geben, dass er dein Volk richten könne und verstehen, was gut und böse ist. (1 Könige 3)
Im Traum das bekommen: Was klug und richtig für die Zukunft ist. Ein gehorsames Herz. Ich mag diese Salomo-Perspektive. Auch weil sie ein wenig sperrig ist. In unseren aktuellen politischen Debatten um den Generationenvertrag, um Rente, Steuern, Gesundheitssystem, ist diese salomonische Haltung genial. Es ist klar, dass es künftig nicht so sein wird, wie es bisher gewesen ist. Das Aufstiegsversprechen der 60er und 70er Jahre gilt nur noch bedingt: Die nächste Generation wird es besser haben. Unsere Kinder werden es nicht automatisch besser haben, auch wenn sie sich anstrengen. Und weil die Lösungen und Ansprüche nicht übertragbar sind, brauchen wir Weisheit, um Antworten zu finden. Salomo kann nicht kopieren, was David gemacht hat. Er erkennt an, was David geschenkt worden ist. Er leitet daraus aber keinen Anspruch ab. Er bittet Gott, ihm zu helfen, seine ganz eigenen Ideen und Schritte zu finden. Und Gott antwortet ihm: „Siehe, ich gebe dir ein weises und verständiges Herz“. Das ist Gottes Geschenk an Salomo.
Es ist Gottes Geschenk an uns: Mit Weisheit träumen zu können. Und das ist alles andere als verträumte Naivität. Mit Gott zusammen träumen. Von einer Zukunft, die voll Fürsorge und Vergebung ist. Die ein Miteinander ist. Egal, ob ich die Menschen kenne oder nicht. Eine Zukunft, die dankbar ist für das, was war.
So um die Zukunft zu ringen und um Kraft und Weisheit zu bitten, für das was kommt. Das ist, was wir am Sonntagmorgen gut tun können. Im Gottesdienst, am Frühstückstisch, beim Spaziergang, am Krankenbett. Es ist das, was wir miteinander tun können. Ich glaube, das ist unser größtes Gut: Dass wir unsere Visionen, unsere Träume, unsere Hoffnung zusammenlegen. Auf dass sie wachsen.
Einen traum-haften und träumerischen Sonntag wünscht Pfarrerin Frauke Wagner aus Herford.
Musik: See You In My Dreams
Text/Komposition: Alma Naidu; Album: REDEFINE; Label: Leopard (Broken Silence); LC: 101872
Redaktion: Pfarrer Dr. Titus Reinmuth
