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Kirche in WDR 5 | 12.06.2026 | 06:55 Uhr

Immer mehr!?

Guten Morgen!


Kürzlich spricht mich nach dem Gottesdienst ein Mann an. Er zitiert einen Satz von Jesus aus der Bibel: „Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben.“ (Johannes 10,10) Und dann fragt mich der Mann: „Wenn ich an Jesus glaube, müsste ich dann also nicht mehr haben? Mehr Geld, mehr Erfolg mehr Sicherheit?“ Und das fragt er, obwohl er offensichtlich nicht arm ist.


Die Idee dahinter ist nicht neu. Es gibt religiöse Strömungen, die genau das versprechen: Wer glaubt, dem geht es besser. Erfolg, Gesundheit, ein gutes Leben - alles Folge des richtigen Glaubens. Das klingt verlockend. Aber es hat eine Schattenseite. Solch eine Art von Glauben weckt nämlich nicht nur große Erwartungen, sondern ist auch anfällig für große Enttäuschungen.


Denn was ist, wenn das Leben eben nicht besser wird? Wenn es kompliziert bleibt oder sogar schwieriger wird? Dann liegt der Verdacht nahe: Habe ich etwas falsch gemacht? Habe ich nicht genug geglaubt? Ist Gott von mir enttäuscht? - So wird Glaube schnell zu einer Art Tauschgeschäft. Ich leiste meinen Teil, Gott leistet seinen Teil. Und wenn das Leben aus den Fugen gerät, gerät auch das Vertrauen ins Wanken.


Dazu kommt: Die Fülle, dieses „Mehr“ kennt ja keine Grenzen. Es sagt: „Nur noch ein kleines Stückchen weiter, nur noch ein bisschen mehr. Dann reicht es.“ Und wenn ich dort ankomme, verschiebt sich das Ziel einfach weiter.


Ich kenne das Gefühl. Ich habe ein Ziel erreicht, worauf ich lange hingearbeitet habe - und für einen Moment fühlt es sich richtig gut an. Aber dann beginnt dieses Gefühl zu verblassen. Und dann suche ich wieder etwas Größeres.


So wie der reiche Mann in dieser kleinen Geschichte: Zwei Gäste unterhalten sich auf einer Party über den vermögenden Gastgeber. Alles ist da: Ein großes Haus mit Pool, schöne Autos, fantastisches Essen. „Aber eines wird er nie haben“, sagt einer der beiden Gäste. „Was denn?“ fragt der andere. „Er wird nie genug haben.“


Im Leben kann ich viel besitzen und mich trotzdem leer fühlen. Vielleicht beginnt ein erfülltes Leben deshalb nicht beim „Mehr“ - sondern beim Wahrnehmen dessen, was schon da ist.


Mit dem Leben in Fülle ist ein erfülltes Leben gemeint – dazu gehört natürlich, dass ich genug Geld zum Leben habe. Dass meine Existenz gesichert ist. Aber eben auch noch etwas ganz anderes. Vielleicht bedeutet es, geerdet zu bleiben, auch wenn das Leben nicht nach Plan verläuft. Vielleicht bedeutet es, innerlich ruhig zu sein, ohne dass alles perfekt sein muss.


Vielleicht bedeutet es, zu wissen, dass man nicht allein ist, auch wenn sich das Leben unsicher anfühlt. Vielleicht bedeutet es, auch einmal runterschalten zu können - ohne das Gefühl zu haben, ins Hintertreffen zu geraten.


Denn wenn ich dauernd nach immer mehr strebe, werde ich womöglich nie erkennen, wann es bereits genug ist.


(Ende WDR 4, Verabschiedung für WDR 3 und 5: )

Ihr Pfarrer Bernd Becker aus Bielefeld.



Redaktion: Landespfarrerin Petra Schulze

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