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Pfingsten - das Antifest zum Turmbau zu Babel
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Das Geistliche Wort | 25.05.2026 | 08:40 Uhr

Pfingsten - das Antifest zum Turmbau zu Babel

Einen schönen Pfingsttag! Vielleicht gehören Sie auch zu denen, die meinen, die bei der Kirche wären nicht ganz dicht. Und: Tatsächlich hat so manche Kirche an einer bestimmten Stelle ein Loch. Die bekannteste ist wohl das Pantheon in Rom. Und mit diesem Loch ist meist ein Brauch verbunden, der in früheren Zeiten am heutigen Tag vollzogen wurde.

Mein Name ist Manfred Becker Huberti. Ich bin Theologe und Brauchtumsexperte: Immer wieder grabe ich mich fasziniert in die Geschichte eines Festes ein. So vieles ist in Vergessenheit geraten. Und dabei birgt das Brauchtum doch so viel Schönes! Heute will ich ein paar „Pfingst-Schätze“ aus dem Brauchtum heben. Wir werden auf die Bedeutung des Festes zurückgehen. Und klären: Was Pfingsten mit dem Turm-bau zu Babel zu tun hat. Und mit Ritterspielen. Zu fragen ist, wer die „guten Geister“ sind, von denen man sprichwörtlich ja verlassen sein kann. Aber fangen wir doch mal an mit diesem ominösen Loch in mancher Kirche.



Musik 1: Georg Philipp Telemann: "Auf Christenheit! Begeh ein Freudenfest": Kölner Akademie; Elena Harsányi, Georg Poplutz, Thomas Bonni, Hanna Herfurtner



In der Vierung von Kirchen, also wo sich Hauptschiff und Seitenschiffe treffen, findet sich im Gewölbe manchmal eine größere Öffnung. „Heilig-Geist-Loch“ wird es ge-nannt. Im Süddeutschen ist diese architektonische Besonderheit öfter anzutreffen, aber auch hierzulande. Z.B. in Münster-Kinderhaus.
Zu Pfingsten ließ man aus dem Loch heraus eine aus Holz geschnitzte Taube an einer Kette herab und schwenkte diese über den Köpfen der Gläubigen. Dargestellt und vergegenwärtigt wurde so das Erscheinen des Heiligen Geistes. In anderen Kirchen hat man brennendes Werg, also pflanzliche Abfälle, herabrieseln lassen, um die in der Bibel bezeugten Feuerzun-gen zu imitieren. Weil das der Brandgefahr wegen zu gefährlich war, hat man dann Heiligenbildchen abgeworfen, was natürlich nicht mehr den gleichen Effekt hatte.
Neue heute beliebt ist der Brauch im Pantheon in Rom. Die berühmte Rundkirche aus altrömischer Zeit hat eine Dachöffnung von fast 9 Metern Durchmesser. Alljähr-lich regnen dort nach dem Pfingstgottesdienst zentnerweise Rosenblätter auf die Gottesdienstbesucher herab. Das Spektakel ist so begehrt, dass das Pantheon schon eine Stunde vor Gottesdienstbeginn voll besetzt ist. Feuerzungen, Rosenblätter, Taube, Heiliger Geist: Das alles hat zu tun mit dem Er-eignis, von dem die Bibel in der Apostelgeschichte erzählt:

"Als der Tag des Pfingstfestes gekommen war, waren alle zusammen am selben Ort. Da kam plötzlich vom Himmel her ein Brausen, wie wenn ein heftiger Sturm daher-fährt, und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen..Und es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich verteilten; auf jeden von ihnen ließ sich eine nieder. Und alle wurden vom Heiligen Geist erfüllt und begannen, in anderen Sprachen zu reden, wie es der Geist ihnen eingab."(Apg 2, 1-4)

Jetzt werden Sie sich vielleicht wundern: Da taucht in der Bibel also schon der Name des Festes auf, dessen Entstehung gerade beschrieben wird.
Tatsächlich wird das christliche Pfingst-Fest nachweislich erst seit dem 2. Jahrhun-dert gefeiert, bis zum 4. Jahrhundert noch gemeinsam mit Christi Himmelfahrt. Dieser Festtag wurde dann 9 Tage vorverlegt. Mit Pfingsten endet 50 Tage nach Ostern die österliche Zeit im Festkalender der Kirche. Der fünfzigste Tag heißt im Altgriechi-schen „penetekoste h?méra“. Das griechische Wort „pentekoste“, der Fünfzigste, wurde in unserer Sprache eingeschliffen zu „Pfingsten“. Und dieser Festtag ist ab-hängig von Ostern, ein beweglicher Festtag.

Traditionell beginnt mit Christi Himmelfahrt die Pfingstnovene. Das Wort „Novene“ kommt vom lateinischen „novem“ und bedeutet „neun“. Dieses neuntägige Gebet be-ginnt an Christi Himmelfahrt. Bei ihm wird um die Gnadengaben des Heiligen Geistes gebetet. Wenn man so will, sind das die „guten Geister“, von denen man ja auch ver-lassen sein kann. Und die Gaben des Heiligen Geistes sind deren sieben: Weisheit, Einsicht, Rat, Stärke, Erkenntnis, Frömmigkeit und Gottesfurcht.


Musik 2: Jacques Berthier: "Veni Sancte Spiritus": Taizé, Communauté Taizé


Weisheit, Einsicht, Rat, Stärke, Erkenntnis, Frömmigkeit und Gottesfurcht: um diese Gaben des Heiligen Geistes beten die Christen in den neun Tagen vor Pfingsten. Zu-rück geht die Pfingstnovene auf den Bericht der Apostelgeschichte, wonach sich die Jünger zusammen mit Maria und einigen anderen Frauen zum Gebet zurückgezogen hatten.
Jesus hatte gesagt, er sende den Geist herab, wenn er beim Vater sei (Joh 16, 7), ge-nau das wird neun Tage nach Christi Himmelfahrt Pfingsten gefeiert, also daran erin-nert, dass der von Jesus zugesagte Heilige Geist über die Apostel und Maria kam. Dieser Tag gilt als der Geburtstag der Kirche.
Wenn auch das „Heilig-Geist-Loch“ in manchem Kirchbau vermuten lässt, dass sie „nicht ganz dicht“ ist: Gerade an Pfingsten feiert die Kirche, dass sie „von allen guten Geistern“ nicht verlassen ist, sondern beseelt – gar befeuert, weil der Heilige Geist in ihr wohnt.
Was aber ist in den Augen der Kirchenlehre dieser Heilige Geist, der „überall und nirgends“ ist, wie es in einem Gemeindelied heißt?
Heiliger Geist, das ist die dritte Person des dreifaltigen Gottes, also des einen Gottes, der sich in drei Gestalten zeigt: Vater, Sohn und Heiliger Geist. Im Hebräischen wird das weibliche Wort „ruach“ für den Heiligen Geist verwendet, „pneuma“ im Griechi-schen. Es bedeutet Wind, Atem, Geist, Seele. Wir könnten also übersetzen: Heilige Geistin; deshalb spekulieren einige Theologen, der Heilige Geist sei die weibliche Seite Gottes. Aber das ist genauso fraglich wie die Fixierung Gottes auf Männlichkeit.

Die Theologie ist da vorsichtig mit zu schnellen Zuschreibungen. Wir können uns Gott ja nur analog vorstellen, also nur unsere Vorstellungen auf ihn projizieren. Wirk-lich beschreiben können wir ihn nicht wirklich. Biblisch gesehen ist jedoch ein Rück-schluss möglich – heißt es doch im Buch Genesis: „Gott schuf also den Menschen als sein Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn. Als Mann und Frau schuf er sie“ (Gen 1, 27). Danach muss Gott sowohl eine männliche als auch eine weibliche Seite haben. Aber auch das kann man als einen letztlich unvollkommenen Versuch verstehen, auf analoge Weise Gott verstehen zu wollen.

Heiliger Geist ist die Kraft, die von Gott ausgeht, die dem menschlichen Körper Le-ben, Energie und Kraft verleiht, was ihn zum Denken, Fühlen und Handeln befähigt. Der Heilige Geist ist die Präsenz Gottes in der Welt und unter den Gläubigen, die Kraft, die Weisheit, Glauben und Liebe schenkt. Weil auch der Heilige Geist keine physische Gestalt hat, kann man ihn nicht sehen. Traditionell wird er als Wind oder Feuerzunge dargestellt, dann auch als junge Frau oder als eins von drei Gesichtern, die zusammen die Dreieinigkeit darstellen. Oft, und heute fast immer, stellt man den Heiligen Geist als weiße Taube dar, so auch in der Bibel. Die Taube steht im Christentum außerdem symbolisch für Frieden und Rein-heit.


Musik 3: Neil Diamond: "Skybird": Neil Diamond, Tom Catalano


Für den Heiligen Geist fand Hildegard von Bingen ein bemerkenswertes Wort: „Grün-kraft“. Davon schrieb die deutsche Ordensheilige und Mystikerin immer wieder. Und auf vielen Ebenen ist Pfingsten wahrlich ein Fest im „Grünen“. Es wurde fünfzig Tage nach Passah das Fest Schawuot gefeiert, ein Erntedank-fest, das den Abschluss der Weizenernte markiert. Hier, in unseren Regionen finden mancherorts ein Pfingstritt statt, bei dem Reiter die Botschaft von Pfingsten in jedes Dorf bringen. Es gibt Flurprozessionen und Wet-tersegen, im Süden auch den Almauftrieb oder Alpaufzug (Schweiz) oder die Alp-fahrt, bei der das Vieh auf die Bergweiden geleitet wird. Der Almaufrieb ist allerdings kein einheitlicher Termin, weil das jeweilige Ortsklima und die Berghöhen den Termin beeinflussen. Parallel zum Almauftrieb gibt es im Flachland den Weideauftrieb, wenn die Rinder von der Winterhaltung in den Stallungen auf die Weiden verbracht wer-den. Oft sind diese Ereignisse mit einem Fest verbunden. Auf dem kann dann auch der „Pfingstochs“ eine Rolle spielen. Das ist der Ochse, der beim Weideauftrieb be-sonders geschmückt wird und manchmal der, der auf dem Spieß landet und gebraten die Mägen der Menschen füllt. Wer sich sprichwörtlich wie ein Pfingstochse benimmt, ist einer, der sich seiner Rolle sehr sicher fühlt und glänzen möchte, aber noch nicht weiß, dass er alsbald in eine ausgesprochen missliche Lage gerät. Keine angenehme Rolle.
Eher im Süddeutschen sind Pfingstfeuer üblich, Symbol für den Heiligen Geist und Bild für den Wunsch nach Erleuchtung und Reinigung. Mancherorts hat sich der Ge-danke erhalten, dass mit diesem Feuer der Winter verabschiedet und der Sommer begrüßt wird.


Musik 4: August Harder: "Geh aus mein Herz": Sarah Kaiser


Pfingsten hat eine uralte Beziehung mit einem Ausflug ins Grüne. Pfingsten verlangt quasi danach, einen Spaziergang zu machen durch Wald und Wiese. Am besten mit der ganzen Familie. Das hat eine wirkliche Tradition. Dabei ist diese gar nicht so friedsam. Denn dieser Brauch geht zurück bis auf die alten Römer. In Rom war es üblich, Anfang März die Heerschau auszurichten. Auf dem Marsfeld, benannt nach dem Kriegsgott Mars, traten die neu eingekleideten Soldaten das erste Mal an. Selbstverständlich waren Mama und Papa, Geschwister und Großeltern sowie das eventuelle Fräulein Braut auch dabei, um den angehenden Helden zu bewundern. Als die Römer Teile des heutigen Deutschlands besetzt hatten, mussten sie diesen Brauch des Klimas wegen verlegen. In unseren Breiten wurden deshalb die Marsfel-der zu Maifeldern. Der Mai und/oder Pfingsten wurden mit diesem römischen Brauch verknüpft, der nach Abzug der Römer zur Schwertleite wurde, bei der die Ritter durch den König ernannt wurden, und Ritterspiele stattfanden. In dieser Tradition stehen auch Feste wie „Unges Pengste“, zum Beispiel im „Dorf mit K“, wie sich das niederrheinische Korschenbroich gerne nennen lässt. Seit dem Mit-telalter feiern die Korschenbroicher Bruderschaften heute ihr Heimatfest mit rund 1.000 Schützen und 350 Musikern und etwa 30.000 Besuchern: mit feierlichem Hochamt, Prozession, Kirmes, Vogelschuss und Königsball.



Musik 5: Reiner Hömig, Wolfgang Petry: "Schötzefess": Bläck Fööss


Die ganze Bedeutung des Pfingstfestes erschließt sich, wenn wir nicht nur nach Je-rusalem blicken, sondern nach Babylon. Näher: ins Alte Testament. Wer kennt nicht die Geschichte vom Turmbau zu Babel? Bei dem der Größen – und Machbarkeits-wahn der Menschen von Gott damit in sich zusammenfällt, dass Gott die Sprachen der Menschen verwirrt. Man versteht sich nicht mehr untereinander, man kann sich nicht mehr verständigen, Gemeinschaft ist nicht mehr möglich. Beim ersten Pfingst-fest in Jerusalem ist es genau umgekehrt: Menschen mit unterschiedlichen Sprachen können sich plötzlich untereinander verständigen, verstehen, was ein völlig Fremder ihnen mitteilen will. Der Heilige Geist hilft Grenzen zu überwinden, er schafft Ge-meinschaft und er hält sie am Leben. Gottes Geist, der Heilige Geist, will Gemein-schaft, Lebendigkeit und ein konstruktives Miteinander.

Jetzt haben wir alle Fäden zusammen von diesem schönen Fest. Mit all seinen Bräuchen und Bedeutungen. Gebündelt sind sie in einem Gebet, das mir am Herzen liegt. Es stammt von Michael Lehmler:

der geist weht so stark
dass ich umkehren muss
zur quelle und zum atem

der geist ist der anwalt
er befreit aus den nöten
und stellt mich ins rechte

der geist spannt sich weit
überall ist er brücke zu dir
und zum ganzen kosmos

der geist übersetzt
gottes wort in mein leben
und macht mich dufähig

der geist fügt
mein zerfranstes dasein
offen für kreuz und licht

der geist offenbart mir
meine kräfte und talente
und ermutigt zum zeugnis

der geist verortet sich
in meinem ach und weh
und lenkt mich lichtwärts


An der jahreszeitlichen Schwelle zum Sommer zeigt dieses Fest: Der Mensch ist nicht allein in einer feindlichen Welt. Gottes Geist bietet Rückhalt auf dem Weg durch das Leben. Eine besonders schöne und einprägsame Gestalt findet diese Idee in ei-nem Musikstück von Vivaldi.


Musik 6: Antonio Vivaldi: "Die Vierjahreszeiten, Sommer"

Ein geistreiches Pfingstfest wünscht Ihnen Manfred Becker-Huberti aus Grevenbroich.

[1] https://www.kirche-und-leben.de/artikel/was-das-heilig-geist-loch-mit-einer-hoelzernen-tauben-verbindet; [2] https://www.erzbistum-koeln.de/presse_und_medien/magazin/Pfingsten-Wie-der-Heilige-Geist-die-Juenger-Jesu-erfuellt-und-die-Kirche-begruendet/#gebet


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