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Kirche in WDR 2 | 27.06.2026 | 05:55 Uhr
Nie angekommen
Wenn sie auf ihr Leben zurückblickt, muss sie feststellen, dass sie nie irgendwo richtig angekommen ist. An keinem Ort hat sie es länger ausgehalten als fünf oder sechs Jahre. Natürlich hat sie viel gesehen und erlebt, hat eine Menge interessanter Menschen getroffen. Trotzdem bedauert sie mittlerweile, nie irgendwo heimisch geworden zu sein.
Es hätte ja nicht gleich ein Vorstadt-Idyll sein müssen mit Reihenhaus und Garten. So etwas hat sie auf keinen Fall gewollt, denn das ist für sie immer der Inbegriff von Spießigkeit gewesen. Aber irgendwo für sich ein Zuhause zu finden, wo sie bleiben kann, auch langfristig. Wo sie sich einrichten kann, vielleicht sogar mit jemandem zusammen. Und wo sie weiß: Hier gehöre ich hin. Hier kann ich sein, wie ich bin, ungeschminkt und ungeschönt. So etwas hat sie nie gefunden. Ihr ganzes Leben lang nicht.
Einmal hat es vielleicht die Chance dazu gegeben. Mit Anfang Dreißig hat sie einen guten Job gekriegt. Die Stadt, wo sie hinziehen musste, war ein bisschen klein und piefig. Aber es gab Olaf. Mit dem wäre was zu machen gewesen. Mit ihm hätte sie sich eine gemeinsame Existenz aufbauen können. Doch er wollte nicht raus aus seiner Ehe. Und irgendwann hat ihr Job sie auch genervt. Also hat sie wieder ihre Sachen gepackt und ist weitergezogen. In eine neue Stadt. Zu einem neuen Job. Wo sie auch nicht lange geblieben ist.
Inzwischen fragt sie sich immer öfter, woran das wohl gelegen hat, dass sie nie irgendwo richtig angekommen ist. Was ihre eigenen Anteile daran gewesen sind oder ob die Umstände einfach nur blöde waren. Sie weiß es nicht. Und sie hat auch niemanden, mit dem sie darüber sprechen kann. So bleibt sie stecken in diesem Bedauern, das größer und größer wird in ihr.
Klar, am Ende ihres Lebens wird sie einen Platz finden, an dem sie bleiben kann. Nicht nur auf dem Friedhof, sondern vor allem bei Gott. Dieser Gedanke ist ihr nie in den Sinn gekommen, denn mit Glaube und Kirche hat sie schon lange nichts mehr am Hut. Und trotzdem gilt auch für sie, dass sie am Ende ihres Lebens erwartet und mit offenen Armen empfangen wird. Dass sie eine Heimat findet, wo sie nie wieder weg muss. Einen Ort, wo sie so sein kann, wie sie ist. Und wo sie angenommen wird - ungeschminkt und ungeschönt.
Dann wird auch das Bedauern aufhören, das sie aktuell empfindet. Natürlich kann sie das jetzt noch nicht wissen. Aber ein schöner Ausblick ist es trotzdem.
Redaktion: Rundfunkpastorin Sabine Steinwender-Schnitzius
