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Das Geistliche Wort | 14.05.2026 | 08:40 Uhr

Himmelsstürmer

Meine Heimatstadt Duisburg, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, ist keine Karnevalshochburg. Bei mir zu Hause geht doch das Rheinische schon ziemlich ins Ruhrische über. Nichtsdestotrotz: Es sind gerade Karnevalslieder, die sich bei mir über sechzig, siebzig Jahre hinweg ins Gemüt eingeprägt haben. Das mag an meiner kindlichen Frohnatur liegen. Und es wundert mich daher auch nicht, dass mir in diesen Tagen, wo ich über das heutige Fest “Christi Himmelfahrt“ nachgedacht habe, immer wieder ein alter Karnevalsschlager in den Sinn kommt: „Wir kommen alle, alle, alle in den Himmel, weil wir so brav sind…“ Mir hat als Kind dieses gern gesungene Schunkellied richtig gut gefallen. Ich hatte auch keine Probleme, mit welcher Gewissheit diese herrlichen Aussichten im Dreivierteltakt dahergeschunkelt kamen: Wie schön, wir kommen alle in den Himmel! Alle, alle! Wenn das kein Grund zum Feiern ist!


Musik 1: Jupp Schmitz, Wir kommen alle in den Himmel


Soweit ich das beurteilen kann, wird dieser Karnevalshit der 50er Jahre heute nur noch spärlich angestimmt, die Zeiten haben sich geändert. Heutzutage sind Menschen in Deutschland, die an so etwas wie Auferstehung, Leben nach dem Tod und Himmelfahrt glauben, deutlich in der Minderheit. Das gilt auch für die Mitglieder der großen christlichen Konfessionen. Dafür gibt’s jede Menge Ursachen. Aber ich behaupte mal mit Blick auf das heutige Himmelfahrtsfest: Ein bisschen sind wir diesen schwindenden Glauben auch selber schuld. Mit „wir“ meine ich „meine“, die katholische Kirche. Wir sind ja fleißig dabei, dieses Fest selbst aufzugeben! Gegen den „Vattertach“ – wie man hier im Ruhrgebiet sagt – am arbeitsfreien Donnerstag zehn Tage vor Pfingsten können wir nichts machen. Dass junge und auch ältere Männer gerne mit dem Bollerwagen und kühlen Getränken durch Wald und Feld ziehen: Geschenkt! Ich gönn‘ ihnen das Vergnügen. Aber dass immer mehr katholische Gemeinden am Himmelfahrtsfest Erstkommunion feiern und „Himmelfahrt“ ausfallen lassen, das ist unsere Verantwortung und das finde ich nicht gut. Natürlich kenne ich all die guten praktischen und „pastoralen“ Argumente. Der „weiße Sonntag“, der Sonntag nach Ostern, der traditionelle Tag der Erstkommunionfeier, liegt noch in den Osterferien. Das bietet manche organisatorische Schwierigkeit. Und man will es den jungen Familien auch nicht zumuten, den Osterurlaub mal ausfallen zu lassen. Und außerdem ist es häufig noch so kalt. Die Kinder sollen doch nicht frieren an ihrem Ehrentag. Seh‘ ich ja alles ein! Aber es ist trotzdem schade, dass immer weniger „Himmelfahrt“ gefeiert wird. Und was nicht mehr gefeiert wird, das wird am Ende auch nicht mehr geglaubt.


Musik 2: John Lennon, Imagine


Ich höre schon ihre Einwände, liebe Zuhörinnen und Zuhörer! Nun kommen Sie doch mal runter, Herr Fendrich! So zentral ist das Himmelfahrtsfest doch nun auch wieder nicht, der Verlust wird sich wohl in Grenzen halten! Wirklich? Da sind wir bei der entscheidenden Frage: Was verlieren wir denn, wenn wir das Himmelfahrtsfest verlieren? Ich will mich dieser Frage stellen und wende sie erst mal positiv. Was feiern wir denn an „Christi Himmelfahrt“, um was wäre es denn schade, wenn wir es nicht mehr feierten? Was ist der „Mehrwert“? Soviel kann ich Ihnen schon verraten: Wir feiern nicht, dass Christus endlich weg ist! Wir feiern auch kein Abschiedsfest!

Wie so oft – ich bin schließlich Theologe und Kunsthistoriker – hat mir ein Kunstwerk geholfen, den „Mehrwert“ des Festes zu entdecken und wertzuschätzen. Das möchte ich Ihnen gerne nahbringen. Es ist wirklich ein ganz großes Kunstwerk. Und das, obwohl es sehr klein ist! Wenn Sie zufällig ein Handy zur Hand haben, tippen Sie doch mal ein: Reidersche Tafel. Mit „e i“. Aber auch wenn Sie das Kunstwerk nicht sehen – ich kann es Ihnen auch so anschaulich beschreiben und erschließen.


Musik 3: Pat Metheny und Lyle Mays, Travels


Ein Herr von Reider hat das Werk dem Bayerischen Nationalmuseum vermacht, daher der Name. Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass sich im 19. Jahrhundert ein so kostbares Kunstwerk im Privatbesitz eines noch nicht einmal sehr begüterten Mannes befunden hat. Es handelt sich um eine Elfenbeintafel, nur etwas mehr als postkartengroß. Man kann nur staunen, mit wieviel Kunstfertigkeit da ein unbekannter Künstler ein vielfiguriges Relief aus seinem teuren Werkstoff herausgearbeitet hat, makellos und präzise. Da war ein Könner am Werk! Wenn Sie ihm das nachmachen wollen, üben Sie bitte vorher fleißig! Aber Vorsicht – es ist wie beim Friseur: Was weg ist, ist weg!

Hab‘ ich Ihnen schon gesagt, dass das Täfelchen sehr alt ist? Uralt, früheste christliche Kunst! Tausendsechshundert Jahre alt. Das, was dieser Meister seines Fachs da geschaffen hat, das hat ihm so niemand vorgemacht. Und es hat ihm auch niemand nachgemacht! Das liegt vielleicht nicht nur daran, dass das so schwer ist. Sondern auch an einem Problem, dass diese Art von christlicher Kunst mit sich bringt. Denn das Relief ist sehr realistisch – wie die gesamte spätantike Kunst. Das heißt, alles auf diesem Bild, die Menschen, Tiere, ein Gebäude, die Landschaft: die sehen fast so aus wie „in Wirklichkeit“. Und das ist wirklich ein Problem, denn wenn alles so aussieht, als könnte es so gewesen sein, dann gerät etwas Wichtiges aus dem Blick und aus dem Nachdenken: Das, was wir sehen, war so nicht zu sehen. Mehr noch: Das, worum es geht, war und ist im Wesentlichen überhaupt nicht zu sehen.

Spätestens jetzt muss ich Ihnen das Bild näher beschreiben, damit Sie verstehen können, was ich meine. Zwei Geschichten werden hier nämlich gleichzeitig erzählt: im unteren Reliefteil die Geschichte vom Ostermorgen, von den Frauen, die zum Grab Jesu kommen und dort von einem Engel die frohe Botschaft erfahren, dass Jesus lebt. Und im oberen Bildfeld dann die Geschichte von der Himmelfahrt Jesu: Da ist der zu sehen, der lebt. Und wie der lebt! Er rennt, er stürmt geradezu, mit weit ausgreifendem Schritt und mit wehendem Gewand einen felsigen Hügel hoch – und aus einer Wolke in der rechten oberen Ecke greift eine Hand nach ihm, packt ihn ans Handgelenk und zieht ihn nach oben! Alles ganz realistisch. Und das ist ein Problem! Christus brauchte doch keinen Berghang, um in den Himmel zu stürmen, das war auch keine sportliche Höchstleistung, wie ich sie jüngst bei der Olympiade bewundern konnte, als Männer und Frauen mit Skiern auf dem Rücken den Berg hochrannten. Nein, so war das nicht! - Aber es sieht auf der Reiderschen Tafel so aus!


Musik 4: Pat Metheny und Lyle Mays, Cross the heartland


Also wenn das nicht so war, wie es auf der Reiderschen Tafel zu sehen ist, dann stellt sich die Frage: Setzt diese realistische Kunst vielleicht einfach falsch an? Ist sie vielleicht künstlerisch virtuos, aber als „christliche Kunst“, als Ausdruck des Glaubens untauglich? Nein – und das sage ich jetzt mal sehr grundsätzlich: Alle realistische christliche Kunst ist missverstanden, wenn man sie als Ab-Bild versteht, als Vorstellung oder fromme Phantasie: So ungefähr könnte es gewesen sein. Und das betrifft die ganze Zeit vom späten Mittelalter bis in unsere Gegenwart. Die Bilder der Kunst sind „Bild“ – und nicht Abbild, wie schon der biblische Text selbst keine historische Schilderung ist, sondern in Bildern und Zeichen vom eigentlich Unsichtbaren, vom Geheimnis des Glaubens redet.

Die Lesung vom heutigen Himmelfahrtsfest aus der Apostelgeschichte spricht in ihrer bildhaften Sprache von etwas, das verborgen ist und bleibt:
Die Jünger sehen nämlich genau nicht, wie Christus hinübergeht in die Welt seines himmlischen Vaters. Da heißt es in der Apostelgeschichte lediglich: „Eine Wolke nahm ihn auf und entzog ihn ihren Blicken“ (Apg 1,9). Mehr nicht.

Dagegen erscheint in der Reiderschen Tafel alles offensichtlich. Aber das jetzt als „falsch“ oder „unangemessen“ oder als „naiv“ zu empfinden, wird der Tafel auch nicht gerecht. Das ist sozusagen ein „historistisches Missverständnis“ dieser realistischen Kunst, die eben auch in Bildern spricht und bildhaft verstanden werden will. Wenn ich das anerkenne, kann ich positiv fragen: Was bedeutet denn dieses menschliche, allzumenschliche Bild des himmelfahrenden, zum Himmel stürmenden Christus?


Musik 5: Pat Metheny, Going ahead


Ich bin überzeugt, dass durch dieses menschliche Bild ich als Mensch ins Bild hineingezogen werde, besonders angesprochen werden soll. Und ich habe dafür gute Gründe im Kunstwerk selbst. Denn da knien unmittelbar unter dem Himmelsstürmer zwei Menschen. Statt der stattlichen Jüngerinnen- und Jüngerschar in den biblischen Erzählungen von der Himmelfahrt „nur“ zwei! Und diese beiden sind so dargestellt, dass sie ganz gegensätzlich reagieren. In der Kunstwissenschaft würde man das vielleicht einen Komplementärkontrast nennen: Gegensätze, die zusammengehören, ergänzen sich gegenseitig und bilden so eine Einheit und Ganzheit. Der linke ist ganz zusammengesunken und verbirgt sein Gesicht in den Händen, der rechte hat sich aufgerichtet und schaut mit ehrfürchtig erhobenen Händen zu Christus auf. Der eine sieht, und der andere sieht nicht – und beides gehört zusammen. Denn es geht hier um ein Ereignis, das die Jünger zwar bekennen und bezeugen können, das aber eine Glaubenserfahrung ist, die nicht einfach dadurch zustande kommt, dass sie „mit-den-Augen-gesehen“ wird. Der linke, nicht „sehende“ Jünger ist für mich eine Bilderfindung, die unterstreicht: Hier erscheint in dem menschlichen Christus etwas, was nicht in der realen Welt sichtbar wurde. Aber der rechte, der sehnsuchtsvoll der hinreißend lebendigen, sehr jugendlichen Gestalt Jesu nachschaut, wie er den Berg hinaufstürmt: der möchte sich anstecken, ja mitreißen lassen und der möchte auch mir Lust machen hinterherzulaufen: Denn da kommt ein Mensch in den Himmel, und der soll nicht der letzte sein! Der Weg ist jetzt frei!

Genau das feiern wir Christen am Fest der Himmelfahrt Christi und deswegen ist es schade, wenn dieses Fest zur Nebensache wird. „Christi Himmelfahrt“ ist ein Hoffnungsfest für alle. Ich kann mein Herz erwärmen an diesem jugendlich-lebendigen Christus-Menschen. Seine Sportlichkeit, seine Energie, ist Bildsprache – und zwar in einer Körpersprache, die unbändige Freude ausdrückt: Endlich frei, der Tod ist besiegt. In der Sprache der Psalmen: „Mir dir, mein Gott, erstürme ich Wälle, überspringe ich Mauern … Du schaffst meinen Schritten weiten Raum, meine Knöchel wanken nicht“ (Ps 18, 30.37).


Musik 6: Pat Metheny, Every Day I Thank you


Ich will ausdrücklich betonen: Die ansteckende Freude über den Menschen, der in den Himmel kommt, ist nicht ein individueller künstlerischer Einfall, der nur in der Reiderschen Tafel zum Ausdruck kommt. Die liturgischen Gebete am heutigen Festtag betonen diesen Glauben immer wieder. Ich zitiere einmal das Tagesgebet der heutigen Messe:

„Erfülle uns mit Freude und Dankbarkeit, denn in der Himmelfahrt deines Sohnes hast du den Menschen erhöht. Schenke uns das feste Vertrauen, dass auch wir zu der Herrlichkeit gerufen sind, in die Christus uns vorausgegangen ist.“

Mit anderen Worten – und den Worten eines alten Karnevalschlagers: „Wir kommen alle, alle, alle in den Himmel!“ Wenn das kein Grund zum feiern ist! Ich wünsche Ihnen einen schönen Himmelfahrtstag!

Aus Essen grüßt Sie Herbert Fendrich

Musik 7: Joe Sample und Will Jennings, One day I fly away


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