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Sonntagskirche | 18.01.2026 | 08:55 Uhr
Wünsche haben
Guten Morgen,
haben Sie sich heute Morgen nach dem Aufwachen oder beim Duschen im Bad schon etwas gewünscht? Ich hatte diese Woche Geburtstag. Und da wünschte ich mir beim Aufwachen so sehr, dass heute alle meine fünf vielbeschäftigten erwachsenen Kinder Zeit hätten, zum Geburtstagskaffee zu kommen.
Ja, ich darf Wünsche haben. Auch wenn sie nicht immer erfüllt werden können. Wünsche begleiten unser Leben. Wahrscheinlich sind die meisten Menschen regelrecht wunschbedürftig. Und so habe ich immerzu Wünsche – und ich wünsche anderen – ja, was eigentlich? „Glück“ ist die nächstliegende Antwort. Und es sind für mich vielleicht die schönsten Augenblicke in meinem Leben, in denen ich aus vollem Herzen sage: „Ich bin wunschlos glücklich!“ Solche Augenblicke möchte ich festhalten. Ich denke, für jede und jeden ist etwas anderes Glück. Ich selbst finde meine tiefsten Wünsche und Sehnsüchte in dem wieder, was der evangelische Pfarrer Jörg Zink einmal so ausgedrückt hat:
„Ich wünsche dir nicht, dass du `frei` bist und ohne Menschen allein, in einem fernen weiten Land, wo noch Raum ist. Auch wenn du dich dann und wann danach sehnen magst.
Ich wünsche dir Freunde, hilfreiche und störende, solche, die du brauchst, solche, die dich brauchen. Ich wünsche dir, dass du Halt findest, wie ein Efeu an einem festen Stamm, und die Kraft hast, ein Stamm zu sein für die, die du tragen sollst.“ (1)
Der Mensch braucht Menschen. Das steht schon in der Bibel. Auch wenn ich oftmals eine Spannung spüre in mir: Ich sehne mich nach Weite und Ungebundenheit – und andererseits suche ich nach Geborgenheit, Wärme, Austausch und Nähe. Jesus begegnet einmal einem Mann, der krank ist und heilt ihn. Der Kranke sagt: „Ich habe keinen Menschen.“ (Die Bibel Johannes 5,7). „Ich habe keinen Menschen“ – und das ist sein Elend. Vielleicht sogar schlimmer als seine körperliche Krankheit. Und auch im Buch von Saint-Exupéry über den Kleinen Prinzen kann ich das nachlesen: Da fragt der Fuchs den Kleinen Prinzen: „Was suchst du?“ Und der Kleine Prinz antwortet: „Ich suche Freunde“. (2) Verlässliche Menschen, bei denen ich mich aufgehoben und angenommen weiß. Und die ich annehme und unterstütze, mit denen ich mich vertrauensvoll austauschen darf. Pfarrer Jörg Zink spricht von hilfreichen und störenden Freunden. Ja, auch störende. Das meint Freunde, die für mich mehr sind als nur Bestätiger. Sie sind anderer Meinung und trotzdem oder gerade deshalb wertvoll für mich. Sie stehen trotz Meinungsverschiedenheiten zu mir und unterstützen mich. Auch Jesus Christus schätzte persönliche Freundschaft. So brach er in Tränen aus, als er von dem Tod seines engen Freundes Lazarus erfahren hat (Die Bibel, Johannes 11).
Mein Wunsch an diesem Tag und in der neuen Woche ist: Mögen immer Freundinnen und Freunde an unserer Seite sein, wenn wir sie brauchen. Und mögen wir zur Stelle sein, wenn wir gebraucht werden. Gott schenke uns allen den Blick und die Kraft dafür.
Quellen
(1) Jörg Zink, Mehr als drei Wünsche, Kreuz Verlag Stuttgart, 21. Auflage, 1990, S. 27.
(2) Antoine de Saint-Exupéry, Freundschaft, Der kleine Prinz, arsEdition, TB, 2018, S. 22.
Redaktion: Landespfarrerin Petra Schulze
