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Das Geistliche Wort | 21.06.2026 | 08:40 Uhr

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Wendepunkte

Autorin: God morgon, guten Morgen!

Es gibt Nächte, in denen sich die Zeit für ein paar Stunden langsamer anfühlt. Mittsommer in Schweden ist so eine Nacht.


Musik 1: „Midsommarnatt“

Musik: „Midsommarnatt“ auf dem Album Mellan hägg och syrén, 2020, Interpret: Estraden, Komposition: Madelene Eliasson, Felix Flygare Floderer, Carl Silvergran, Louise Lennartsson, Label: Sony Music Entertainment Sweden AB, LC-Nr.: 00162


Sprecherin: Ich stehe im Gras, barfuß, und es piekst ein bisschen, aber ich bleibe stehen.

Der Kranz auf meinem Kopf rutscht mir immer wieder in die Augen.

Ich habe ihn mit Mamma selbstgemacht, gestern auf unserer Terrasse.

Aber er ist zu groß und die Blumen halten nicht richtig.

Ich drücke ihn ganz fest, damit er liegen bleibt. Er ist mein größter Schatz.

Das Kleid, dass ich heute endlich tragen darf, hat keine Bügelfalten mehr, dafür Grasflecken. In meinem Mundwinkel schmecke ich noch ein wenig Blaubeersauce, dann spüre die Kohlensäure der Limonade kribbeln. Ich darf heute so viel davon trinken, wie ich möchte.

Die Erwachsenen reden heute lauter als sonst, als müssten sie die Musik und sich gegenseitig übertönen. Gläser klirren und jemand lacht so lange und laut, bis er husten muss.

Ich verstehe nicht alles, was sie sagen. In dem Geschrei, unten vom See, gehen ihre Worte unter. Das Wasserplatschen klingt wie Applaus.

Es ist spät, glaube ich. Aber niemand spricht von Nacht. Es wird nicht dunkel. Das Licht ist noch da, ganz weich, als würde es sich hinlegen und nicht mehr aufstehen wollen.

Ich schaue nicht zu den anderen. Ich kneife die Augen zu und schiele nach oben, in dieses Licht. Es ist, als würde da etwas passieren, ganz leise. Nur für mich.

Die anderen singen und tanzen zur Musik von der kleinen Bühne. Das Licht, das gehört nur mir allein. Als müsste ich nur still genug sein, um es zu sehen.


Musik 1: „Midsommarnatt“


Autorin: Zu Mittsommer rund um den 20. Juni wird in Schweden der längste Tag des Jahres gefeiert. Genauer gesagt: die Sommersonnenwende. Wobei es in manchen Gegenden kaum richtig dunkel wird.

Gefeiert wird draußen. Mit Blumenkränzen im Haar, mit Tänzen um die Mittsommerstange, bei denen Erwachsene Frösche imitieren und dabei singen.

Mittsommer ist kein touristisches Folklorefest, sondern in Schweden eine Art gesellschaftlicher Ausnahmezustand. Die Städte leeren sich. Viele Menschen fahren raus aufs Land, an Seen oder zu ihren Familienhäusern. Fast alles macht zu. Wer an diesem Wochenende einkaufen muss, hat irgendetwas falsch geplant.

Es wird gegessen, getrunken, gesungen, manchmal gestritten und die meisten bleiben zu lange. Es ist ein Wendepunkt im Jahr so wie Silvester oder der eigene Geburtstag. Menschen tun an Wendepunkten offenbar überall Ähnliches.

Auffällig ist, wie viele Regeln an solchen Abenden plötzlich lockerer werden dürfen. Übergänge brauchen offenbar Räume, in denen Menschen kurzzeitig weniger kontrolliert sind als sonst. Kein Chaos, sondern eine Erinnerung daran, dass Leben sich nicht vollständig ordnen lässt.

Denn Menschen markieren Übergänge. Wir feiern Jahrestage, machen Fotos vom letzten Schultag und stoßen an Silvester auf exakt dasselbe Leben an, wie wir es fünf Minuten vorher auch schon gelebt haben. Offenbar reicht es uns nicht, dass Zeit vergeht. Wir wollen spüren, dass etwas sich verändert.

Ausgerechnet am längsten Tag des Jahres beginnt das Licht schon wieder abzunehmen.

Dabei ähnelt bei uns heute oft ein Tag dem andern. Supermärkte kennen keine Jahreszeiten mehr. Erdbeeren gibt’s im Winter, Weihnachtsgebäck im September. Heizungen und Klimaanlagen halten das Wetter freundlich auf Abstand. Mit einem Lichtschalter kann ich die Nacht verschwinden lassen.

So ein Sommerabend wie an Mittsommer ist da anders. Müde Augen gehören dazu und zu viele Mücken. Eine zu dünne Jacke am Abend. Dann merkt der Körper wieder: Zeit vergeht nicht nur. Sie macht etwas mit uns.

Erinnern Sie sich an das letzte Mal, als Sie mitten in einem Moment plötzlich geahnt haben: Das hier kommt nicht wieder. Das hier wird einmal Erinnerung sein.


Musik 2: Tingvall Trio feat. Nika „Idas Sommerlied“ Album: Giraffenaffen; Interpret: Tingvall Trio & Nika, Komposition: Georg Riedel, Text: Astrid Lindgren, Label: Starwatch Entertainment / Sony Music, LC-Nr.: 00162


Autorin (overvoice):

Glaub ja nicht, dass es Sommer wird, wenn ihm niemand auf die Sprünge hilft.

Wenn jemand etwas dafür tut, dann kommen die Blumen bald.

Ich bringe die Blumen zum Blühen und mache die ganze Kuhweide grün.
Und so hat der Sommer jetzt begonnen,
weil ich eben noch den Schnee entfernt habe.


Autorin: Ich glaube, Wendepunkte wirken so intensiv, weil an ihnen widersprüchliche Gefühle gleichzeitig auftauchen. Freude und Wehmut. Dankbarkeit und Unsicherheit.

Wer einmal nachts auf einem Sommerfest gesessen hat, kennt das. Menschen lachen laut und schauen plötzlich ganz still ins Leere. Eine erzählt dieselbe Geschichte zum dritten Mal. Ein Satz zu viel und irgendwo kippt die Stimmung. Zwei andere umarmen sich beim Abschied, als würden sie sich morgen verlieren. Und irgendwer sitzt mittendrin und fühlt sich trotz all der Menschen ziemlich allein.

Nicht jede helle Nacht fühlt sich leicht an. Für ein paar Stunden geraten die üblichen Ordnungen durcheinander. Menschen werden offener, dünnhäutiger, manchmal ehrlicher als ihnen lieb ist. Der Grat zwischen Freiheit und Kontrollverlust ist schmal.

Der Regisseur Ari Aster hat daraus 2019 einen verstörenden Film gemacht. In Midsommar besucht eine Gruppe junger Menschen ein schwedisches Sommerfest. Anfangs wirkt alles friedlich: festliche Kleidung, gemeinsame Mahlzeiten, helle Nächte. Doch die Rituale werden immer extremer. Aus Gemeinschaft wird Gruppenzwang. Die Gruppe verliert langsam das Gefühl dafür, was noch normal ist und was längst gefährlich geworden ist. Unter dem, was so freundlich aussieht, liegen Trauer, Verlustangst und emotionale Abhängigkeit.

Der Film zeigt etwas Wahres: Übergänge machen Menschen verletzlich.

Helligkeit kann anstrengend sein, eine richtige Zumutung. Der Körper wird müde und findet trotzdem keinen richtigen Abschluss. Es gibt keine Dunkelheit, die den Tag eindeutig beendet.

So entstehen Stunden, in denen nichts richtig verschwindet. Nicht das Licht und nicht die eigenen Gedanken. Dunkelheit dagegen kann entlasten. Sie macht Konturen weicher und nimmt Dinge aus dem Blick, die nicht die ganze Zeit sichtbar bleiben müssen.

Es hat etwas Gnädiges, wenn ein Tag sich irgendwann entzieht. Wenn die Nacht übernimmt und einem die Entscheidung abnimmt, noch weiterzumachen.


Musik 3: Bobby Krlic „The Blessing“

Album: Midsommar (Original Motion Picture Score), 2019, Komposition: Bobby Krlic, Label: Milan Records, LC-Nr.: 19439,


Autorin: Mit etwas Geduld kommt die Dunkelheit. Trotzdem laufen inneres und äußeres Leben oft nicht im gleichen Tempo. Äußerlich hat etwas längst begonnen, während man innerlich noch zurückschaut. Oder andersherum: Man hat sich innerlich schon verabschiedet, obwohl nach außen noch alles weiterläuft wie bisher.

Merkwürdig ist ja, woran Menschen sich später erinnern. Nicht unbedingt an die großen, glorreichen Momente, sondern an Nebensachen.

Ich erinnere mich daran, als das Lieblingsshirt meiner Tochter plötzlich nicht mehr bis zu den Knien reichte, sondern nur noch knapp über den Bund.

Ich erinnere mich an das Echo in der leergeräumten Wohnung.

Wie stickig die Luft im Auto war auf dem Weg zum Examen.

An lange Abende, an denen Gespräche nur noch deshalb weitergehen, weil niemand der Erste sein möchte, der aufsteht. Die Musik läuft noch. Jemand holt neue Getränke. Und trotzdem hat man das Gefühl, dass der Abend bereits beginnt, Erinnerung zu werden. Das Schwierige an solchen Übergängen ist nicht nur die Veränderung selbst. Sondern dieses zeitversetzte Gefühl. Dass das Leben sich weiterbewegt, auch dort, wo man innerlich noch stehen geblieben ist.

Wir feiern, stoßen miteinander an und bleiben länger wach, als vernünftig wäre. Auch, weil es leichter wird auszuhalten, dass wir nicht alles in der Hand haben, wenn andere Menschen mit am Tisch sitzen.


Musik 4: The Real Group feat. Toots Thielemans „Vem kann segla förutan vind“

Album: Stämning, 2002, Interpret: The Real Group, Traditional, Arrangement: Anders Jalkéus, Label: Virgin Records Sweden, LC-Nr.: 03098,


Autorin: Am 24. Juni, nur wenige Tage nach Mittsommer, erinnert die christliche Tradition an Johannes den Täufer. Das Fest liegt nicht zufällig so nah an der Sommersonnenwende. Nach Johanni werden die Tage langsam wieder kürzer, nach Weihnachten im Winter wieder länger. Diese Bewegung des Lichts ist mit einem Satz aus dem Johannesevangelium verbunden:
„Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen.“

Johannes lebt draußen in der Wüste, predigt am Jordan und tauft Menschen im Wasser des Flusses. Viele kommen zu ihm. Er spricht davon, dass Menschen neu anfangen können. Dass Veränderung möglich ist. Auch Jesus von Nazareth lässt sich von ihm taufen.

Doch irgendwann merken die Menschen: Die Bewegung geht weiter, aber nicht mehr mit Johannes im Zentrum.

Jetzt hören sie einem anderen zu, Jesus.

„Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen.“

Ich finde bemerkenswert, dass Johannes diesen Satz nicht wie eine Niederlage formuliert. Er beschreibt das Ende seiner Möglichkeiten fast wie eine natürliche Bewegung. Als wäre es nicht automatisch ein Scheitern, wenn etwas Neues beginnt. Etwas, das sich nicht mehr um einen selbst dreht.

Ich mag diese Form von Glauben, weil sie so nüchtern ist. Johannes hält die Veränderung nicht auf. Die Bedeutung eines Lebens scheint für ihn nicht daran zu hängen, alles festhalten zu können. Nicht die Aufmerksamkeit anderer Menschen, nicht die eigene Rolle, nicht einmal den richtigen Zeitpunkt.

Menschen erfinden für solche Momente des Wandels seit Jahrhunderten Rituale. Sie feiern Anfänge und Abschiede, sprechen Segensworte an Krankenhausbetten und stehen gemeinsam an Gräbern. Übergänge machen leicht sprachlos. Denn wie finde ich Worte für etwas, das ich selbst gerade erst beginne zu verstehen?

Glaube löst solche Übergänge nicht auf. Aber er findet Worte, Rituale und Bilder für das, was Menschen oft erst langsam begreifen. Für die Hoffnung, dass ein Leben sich verändern darf, ohne seinen Wert zu verlieren.


Musik 5: Ted Gärdestad: „Sol, vind och vatten“

Musik: Track 1 „Sol, vind och vatten“ auf dem Album Ted, 1972, Interpret: Ted Gärdestad, Komposition: Ted Gärdestad, Text: Kenneth Gärdestad, Label: Polar Music, LC-Nr.: 0199


Autorin: „Det finns tid till försoning innan natten slagit ut.“
Da ist noch Zeit für Versöhnung, bevor die Nacht sich niederlegt.
„För jag tror, jag tror att livet får ett lyckligt slut.“
Denn ich glaube, ja wirklich, ich glaube daran, dass das Leben im Guten endet. (1)


Ich glaube, deshalb mag ich den Weg nach Hause nach gelungenen Abenden. Wenn Gesprächsfetzen noch in den Ohren klingen, aber die Straße ganz still ist. Wenn man die Müdigkeit im ganzen Körper spürt und weiß, dass gleich das Bett wartet. Von der großen weiten Welt zurück ins Zuhause. Der Abend ist vorbei und trotzdem noch da.

Und ich mag den Moment morgens kurz vor dem Aufstehen. Wenn das Zimmer langsam heller wird und noch niemand etwas gesagt hat. Für ein paar Augenblicke ist der Tag noch nicht entschieden. Noch nicht festgelegt. Nur geschaffen.

Hoffnung beginnt dort, wo der Morgen nicht gegen die vergangene Nacht steht, sondern aus ihr hervorgeht.

Jahre rücken zusammen, das Heute wird zum Gestern. Das Vergangene steht neben dem, was noch nicht geworden ist.

Die Wehmut über das, was war, und die Unsicherheit über das, was sich verändern wird. Und zugleich die leise Dankbarkeit, dass wieder ein neuer Tag beginnt.

Wie kostbar etwas wird, gerade weil es nicht nur uns gehört.


Musik 1: „Midsommarnatt“


Autorin: Das Mittsommerfest in Schweden, das ist ein besonderer Übergang.


Sprecherin: Jetzt, am nächsten Morgen, liege ich im Bett und blinzele ins Zimmer. Ich bin die Erste, die wach ist.

Irgendwann gestern bin ich einfach eingeschlafen. Es ist doch noch Nacht geworden.

Nicht plötzlich, eher so, als hätte jemand das Licht vorsichtig eingesammelt.

Die Musik war verstummt, nur ein paar Becher standen noch im Gras.

Die Stimmen waren leiser geworden.

Die große Mittsommerstange konnte ich nur noch erahnen in der Dämmerung.

Jetzt ist das Licht wieder da. Nicht so endlos, so tastend. Es ist frisch und der Himmel ist wieder blau.

Mein Kranz liegt auf dem Tisch, ein wenig welk. Ich fasse ihn an und lasse ihn wieder los.

Es fehlen ein paar Blumen in ihm. Ich habe sie unterwegs verloren.

Ich werde plötzlich ganz traurig. Jetzt muss ich wieder ein Jahr warten.

Besser das Ende einer Sache als ihr Anfang. Ich weiß noch nicht, wie alles weitergeht. Aber der Tag hat ja gerade erst angefangen

Ob es wohl noch Erdbeeren von gestern gibt?


Autorin: Also, glad midsommar, einen schönen Mittsommer!

Nicht aus Schweden, sondern aus Münster in Westfalen grüßt Sie Christine Jürgens.


Musik 4: The Real Group feat. Toots Thielemans „Vem kann segla förutan vind“


(1) Text aus dem Lied „Sol, vind och vatten“ auf dem Album Ted, 1972, Interpret: Ted Gärdestad, Komposition: Ted Gärdestad, Text: Kenneth Gärdestad, Label: Polar Music, LC-Nr.: 0199,



Redaktion: Pfarrer Dr. Titus Reinmuth


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