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Kirche in WDR 5 | 15.06.2026 | 06:55 Uhr
An der Theke
Mit 33 passiert mir das auch nicht mehr alle Tage. Aber vor kurzen bin ich doch tatsächlich mal wieder ziemlich versackt. Unerwartet. In einem ziemlich ranzigen Schuppen im Hansaviertel in Münster. Wir waren zu dritt unterwegs. Und das Zeug, das mir am Ende den Rest gab, hieß dann sogar noch „Leberhaken“.
Was aber eigentlich reingehauen hat – und deshalb erzähle ich jetzt davon – war: Dass mitten in dieser duseligen Atmosphäre ein Thema aufgeploppt ist, das weder duselig noch lustig war, sondern: ernst: Irgendwann fragt nämlich die Frau unseres Dreiergespanns uns beiden Männer, ob wir eigentlich auch schon mal bedrängt worden seien. Und zu meiner Überraschung ist die Antwort sofort da. Nicht nur mir, auch dem anderen Kollegen fallen direkt Geschichten ein. Diese Erfahrungen haben uns geprägt. Sie haben dazu geführt, dass wir zumindest ahnen können, wie unangenehm es für Frauen sein muss, wenn Männer sich verbal oder körperlich übergriffig verhalten. Wie viel Wut, Ekel oder Ohnmacht solche Situationen auslösen können.
Seit Wochen werden immer wieder Fälle sexualisierter Gewalt öffentlich diskutiert. Ich denke an den Fall von Collien Fernandes. Die Fernsehmoderatorin und Schauspielerin wurde Opfer von sexualisierter Gewalt im Netz. Oder ich denke an Gisèle Pelicot. Die mutige Französin, die mit ihrem Fall in die Öffentlichkeit gegangen ist. Beide machen deutlich: Den Opfern kann die Würde nicht genommen werden, die Täter berauben sich ihrer eigenen Würde. Und bevor der Aufschrei groß ist: Natürlich muss die Frage von Schuld in einem Rechtsstaat von Gerichten geklärt werden. Nicht von mir. Nicht vom digitalen Mob. Und ehrlich gesagt auch nicht von der Kirche.
Aber darum geht es mir auch gar nicht. Mir geht es nicht um Schuld oder Unschuld. Nicht um vorschnelle Antworten. Sondern um Leid. Dass jemand Angst hatte. Sich geschämt hat. Sich klein oder ausgeliefert gefühlt hat. Und dass das erstmal ernst genommen werden muss – dass diese Menschen nicht allein gelassen werden. Was mich in solchen Debatten oft erschreckt sind neben dem digitalen Pranger oder oberflächlichen Empörungswellen Menschen, die das Leid anderer einfach wegdrücken. Als Mann schäme ich mich da. Und ich weiß, dass es ein bisschen merkwürdig ist, wenn ich als Mann über ein Thema spreche, dass doch so viel mehr Frauen betrifft.
Aber als Seelsorger sehe ich mich da in der Verantwortung. Auch wegen der Geschichte der Institution, für die ich arbeite. Wegsehen ist da für mich keine Option. Und ich finde es entlastend, dass ich nicht ermitteln muss. Oder vorschnell urteilen. Meine Aufgabe ist es, den Opfern zuzuhören. Sie zu bestärken. Ihr Leid ernst zu nehmen. Ich kann da sein. Vielleicht ist genau das die Aufgabe von Kirche in all diesen Debatten: Nicht in Aktionismus zu verfallen, sondern erstmal mit Menschen in Beziehung zu sein. Bei ihren Gefühlen. Bei ihren Verletzungen. Bei ihrer Geschichte. Bei dem, was da ist. Und manchmal beginnt die große Veränderung eben nicht in einer Beratungsstelle, nicht auf öffentlichkeitswirksamen Demonstrationen, nicht in einer Kirche oder in Kommentarspalten auf Socialmedia. Sondern nachts um vier. An einer Theke. Wenn die Kneipe schon von innen abgeschlossen ist, das letzte Bier gezapft wird und die Wirte nach Feierabend anfangen zu rauchen.
Ich grüße Sie aus Münster.
Ihr Stephan Orth.
