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Kirche in WDR 2 | 22.05.2026 | 05:55 Uhr
Hast Du verstanden?
Die Bundesregierung hat einige Sprachkurse für geflüchtete Menschen nicht mehr gefördert. Es gab eine intensive Diskussion darüber, ob das Sinn macht.
Jetzt zwei Tage vor Pfingsten kann man eine gute Antwort finden. Denn Pfingsten ist das Fest des Verstehens. Petrus ist nicht polyglott spricht also mehrere Fremdsprachen. Doch die Menschen aus "allen Völkern unter dem Himmel", so heißt es in der Apostelgeschichte, können ihn verstehen, als er vom Leben Jesu erzählt. Manche sagen zwar, der ist doch betrunken, so intensiv legt Petrus los. Pfingsten geschieht das Gegenteil vom Turmbau zu Babel. Diese uralte Geschichte erzählt, dass die Menschen einen Turm bis in die Wolken bauen, um sich wichtig zu machen. Da ist Gott sauer, wozu soll dieser Übermut noch führen. Also verwirrt er die eine Sprache der Menschheit, so dass sich die Menschen nicht mehr verstehen. So haben sich die Menschen in alten Zeiten erklärt, warum es viele verschiedene Sprachen gibt.
Pfingsten ist nun die Gegenerzählung. Nach Tod und Auferstehung Jesu und seiner Himmelfahrt ist Verstehen und Zusammenhalt angesagt. Es entsteht eine Gemeinschaft, die Kirche gründet sich. Die Apostelgeschichte zählt sogar: Pfingsten kommen dreitausend Menschen dazu. In unserem Pfarrsaal ist dreimal in der Woche vormittags ein Sprachkurs, ehrenamtlich organisiert. Geflüchtete Menschen lernen hier Deutsch, erfahren aber auch Gemeinschaft. Sie verstehen: Hier bin ich willkommen. Aus Dankbarkeit putzen sie den Saal immer piccobello, so dass sich die Gruppen am Nachmittag freuen. Sie sind also dankbar, dass die Geflüchteten bei uns sind.
Wie wichtig Lesen und Schreiben ist, schildert der Dichter Stefan Zweig. Er wurde 1881 geboren und starb 1942. Er erzählt, wie er mit einem Schiff von Frankreich nach Nordafrika fuhr und auf dem Deck ein Buch las. Da kommt ein Schiffsjunge ganz schüchtern zu ihm. Er hat einen Brief seiner Mutter in der Hand und bittet den Schriftsteller, ihm den Text vorzulesen.
Ähnliches habe ich vor 35 Jahren erlebt, in Tamanrasset in der algerischen Wüste. An der Straße saßen Menschen, die Lesen und Schreiben konnten. Sie lasen ihren Kunden Dokumente vor oder schrieben gegen Gebühr Briefe. In Deutschland gibt es über sieben Millionen funktionelle Analphabeten, die also nur einfache Sätze verstehen. Pfingsten wird klar: Sie brauchen unsere Unterstützung, genauso wie Geflüchtete!
