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Kirche in WDR 5 | 27.03.2026 | 06:55 Uhr
Keine Currywurst am Freitag
Ich gehe selten in der Kantine essen. Meistens nehme ich mir etwas von zu Hause mit. Das ist günstiger – und ehrlich gesagt auch entspannter. Aber manchmal, wenn ich dann doch in die Kantine gehe, passiert etwas Merkwürdiges: Mein Blick fällt zielgenau auf ein bestimmtes Gericht. Currywurst. Diese Mischung aus herzhaft und süß, salzig und sauer. Sattmacher und Seelentröster in einem. Und heute hätte ich mal wieder richtig Lust darauf. So als kleiner, würziger Start ins Wochenende. Ich schaue auf den Speiseplan – und da steht: Gemüse. Fisch. Irgendwas mit Kräutersoße. Keine Currywurst. Kein Schnitzel. Kein Braten. Und ich denke enttäuscht: Klar. Es ist ja auch Freitag. Aber woher kommt das eigentlich, dass viele Kantinen – und auch erstaunlich viele Familien – am Freitag eher Fisch als Fleisch essen? Natürlich kann man sagen: Einmal die Woche Fisch ist gesund. Und zu viel Fleisch… eher nicht. Currywurst erst recht nicht. Und ja: Heute gibt es viele gute Gründe, bewusst weniger Fleisch zu essen. Aus gesundheitlichen Gründen. Oder aus Respekt vor dem Tier. Oder weil Massentierhaltung schwer auszuhalten ist, wenn man einmal genauer hinschaut. Manche leben vegetarisch oder vegan und machen daraus jeden Tag „fleischfrei“. Und das finde ich bemerkenswert konsequent.
Aber der eigentliche Ursprung des fleischfreien Freitags in unseren Sphären ist ein anderer. Im Christentum ist der Freitag ein Tag zum Fasten. Jeder Freitag erinnert im Grunde an Karfreitag – an den Tag, an dem Jesus gekreuzigt wurde und gestorben ist. Ein Tag, an dem Menschen gezeigt haben, wozu sie fähig sind: zu Gewalt, zu Angst, zu Hass, zu Spott. Und nach christlichem Glauben trägt Jesus dieses Dunkle – stellvertretend für das, was wir Menschen einander antun. Für Schuld. Für Verletzung. Für alles, was das Leben kaputt macht. Und dann kommt Ostern: Jesus steht auf. Nicht der Tod hat das letzte Wort, sondern das Leben. Nicht der Hass, sondern die Liebe. Nicht die Schuld, sondern Vergebung. Und genau deshalb ist der Freitag für mich so etwas wie ein Gedenktag. Ein Tag, an dem ich darüber nachdenke:
Was war diese Woche eigentlich los bei mir? Wo bin ich über andere hinweggegangen – vielleicht nicht mit Absicht, aber doch spürbar? Wo war ich lieblos, hart, genervt, ungerecht? Wo hätte ich mehr vergeben müssen? Und als äußeres Zeichen dafür gibt es heute für mich keine Currywurst. Nicht in der Kantine. Und auch nicht auf dem Heimweg am Imbiss, so sehr es mich auch anlacht. Denn Jesus ist auch für mich ans Kreuz geschlagen worden. Weil ich eben nicht immer so liebevoll lebe, wie ich es könnte. Weil ich manchmal schneller urteile als zuhöre. Weil ich verletzt bin und dann zurückschlage. Vielleicht ist der fleischfreie Freitag genau dafür da: Dass ich das nicht vergesse.
Und die Currywurst? Die gibt es dann vielleicht am Sonntag. Wenn Christen die Auferstehung feiern. Und damit den Sieg der Liebe über den Hass. Das Leben über den Tod. Vergebung über Schuld. Und dann schmeckt sie vielleicht sogar noch ein bisschen besser.
Aus Köln grüßt Sie
Gerald Mayer
