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Hörmal | 19.07.2026 | 07:45 Uhr
Manifesta
Europa schaut auf die Kultur im Ruhrgebiet. Das war vor 16 Jahren ja riesengroß: im Kulturhauptstadt-Jahr 2010. Erinnern Sie sich noch, wie an einem Juli-Sonntag die A40 ohne Autos war und zur „längsten Tafel der Welt“ wurde? – Unvergesslich! Damals ging es um „Wandel durch Kultur – Kultur durch Wandel“, und die Aktion zeigte, wie sich eine Region neu erfindet: Ehemalige Industrieflächen werden zu Landschaftsparks und zählen zum Weltkulturerbe, wie die Zeche Zollverein.
Jetzt, in diesem Sommer schaut Europa wieder auf die Kultur im Ruhrgebiet. Aber diesmal nicht auf die Industriebrachen, sondern in ausgediente Kirchen. Ich spreche jetzt von der „Manifesta 16“, der aktuellen europäischen Biennale. Die hat in Duisburg, Essen, Gelsenkirchen und Bochum insgesamt zwölf Kirchen identifiziert und stellt sie unter das Motto: „Das ist keine Kirche“. Und damit zeigt die Manifesta: Der Wandel in dieser Region geht immer noch weiter, und das betrifft eben auch die Christen und ihre Kirchen.
Aber was sind denn dann die Kirchengebäude, wenn sie keine Kirchen mehr sind?
100 Künstlerinnen und Künstler zeigen in diesen Kirchen ihre Visionen. Mit einer dieser Kirchen habe ich zu tun: Es ist die Liebfrauenkirche in Duisburg. Die war bis 2003 Pfarrkirche. Mitten in der Innenstadt – direkt am Theater. Ein spannender Kirchenbau – 1961 geweiht, aber irgendwann: keine Gläubigen mehr. Inzwischen hat sich Liebfrauen als Kulturkirche in Duisburg einen Namen gemacht und gehört einer Stiftung. Und genau hier zeigt die Manifesta jetzt mehrere sehr beeindruckende Installationen.
Eine stammt von dem britisch-iranischen Künstler Abbas Zahedi. Er hat eine Klanginstallation aus Orgelpfeifen aufgebaut: Verteilt im Kirchenraum stehen die Pfeifen mal einzeln, mal zusammen als Gruppe in einem Gestell und zum Teil in einem großen Kreis. Mich erinnern gerade diese zusammengestellten und schräg aufgerichteten Pfeifen an Raketenwerfer. Und ich muss da sofort an die sogenannte „Stalinorgel“ denken aus dem Zweiten Weltkrieg, von der es heißt: deren Raketen sind wie Orgelpfeifen angeordnet und erzeugen beim Start einen pfeifendes Geräusch. Makaber diese Vorstellung, auch wenn die Pfeifen in der Liebfrauenkirche musikalische Töne erzeugen. Aber diese Vorstellung ist für mich umso bedrückender, als ich erfahren habe: Die meisten Orgelpfeifen stammen aus Kiew, aus der dortigen St. Nikolaikirche. Die Orgel dort war kurz vor Beginn des russischen Überfalls auf die Ukraine durch einen Brand zerstört worden. Und nun haucht der Künstler ihnen wieder Leben ein. Für mich auch ein Bild für Wandlung, zum Positiven – und das angesichts der ganzen Kriegstragödie in Osteuropa.
Abbas Zahedi lädt Besucherinnen und Besucher dazu ein, sich in den Kreis der Orgelpfeifen zu stellen und sich von den Klängen einhüllen und inspirieren zu lassen. Vielleicht – so der Künstler – gelingt es dadurch, Verlust- und Trauererfahrungen zu verarbeiten. Dann würde die Liebfrauenkirche sogar wieder etwas davon ermöglichen, für das sie eigentlich einmal gebaut wurde: Ein Ort des Trostes und der Hoffnung zu sein.
Ich bin neugierig geworden auf die anderen Nicht-(mehr)-Kirchen. Bis Anfang Oktober läuft noch die Manifesta im Ruhrgebiet. Und ich bin mir sicher: Es lohnt sich, diese zwölf Kirchen aufzusuchen.
