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Kirche in WDR 4 | 23.03.2026 | 08:55 Uhr
Häme fasten
Heute ist wieder Montag, und weil heute Montag ist ist das Wochenende auch schon wieder vorbei. Tja. Und ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber allzu oft habe ich das Gefühl, die Welt spricht nur noch in Großbuchstaben. Alles ist EMPÖRUNG. Alles ist SKANDAL. Und irgendwo dazwischen sitze ich mit meinem Kaffee und grüble nach: War das früher auch schon so?
Man könnte ja fasten. Schluss machen. Nicht mit Schokolade oder Alkohol. Sondern mit dieser Häme. Diese feine, kleine Bosheit, die sich einschleicht, wenn einer stolpert. Politisch, moralisch oder ganz banal im normalen Leben. Häme hat Hochkonjunktur. Häme ist quasi das „Temu“ unter den Gefühlen. Häme ist billig, bringt Applaus und Klickzahlen. Und sie erspart die Mühe, genauer hinzusehen. Fastenzeit könnte ja heißen: Hey, muss ich wirklich jeden Fehler kommentieren? Muss ich jedes Fettnäpfchen genüsslich ausleuchten? Oder könnte ich es auch lassen? In ein paar Tagen hören Christinnen und Christen auf der ganzen Welt wieder die Geschichte der Passion Jesu. Von seinem Leiden und Sterben. Und die Passion erzählt von einem Weg der Gewaltlosigkeit. Jesus ist einer, der nicht zurückschlägt, obwohl er allen Grund dazu hätte. Man muss nicht fromm sein, um zu merken: Das ist irgendwie radikal. In einer Zeit, in der Stärke gern mit Lautstärke verwechselt wird. Und in der Länder und Menschen wieder aufrüsten. Die einen mit Waffen. Die anderen mit Worten. In all den hitzigen Debatten und inmitten all der Schreierei wäre jetzt die Zeit für so etwas wie Barmherzigkeit. Klingt ein bisschen altbacken wie Sofakissen oder Firlefanz. Noch dazu strengt Barmherzigkeit an. Denn Barmherzigkeit heißt: Ich sehe den anderen nicht nur als Gegner, sondern als Menschen. Auch er hat Angst. Auch er hat Humor. Auch er zweifelt und hofft. Und hat womöglich eine faszinierende Geschichte, die lohnt sich, kennenzulernen.
Barmherzigkeit beginnt im Kleinen. Sie verzichtet auf das schnelle Urteil. Sie gönnt dem anderen eine Chance. Im Netz, im Gespräch, im Büro, am Telefon, an der Käsetheke, im ganz normalen anstrengenden Alltag. Ich komme darauf, weil die Geschichte der Passion von Jesus kein Heldenepos ist. Sie ist eine Geschichte vom Aushalten. Vom Nicht-Zurückschlagen. Von einem, der bis zum letzten Atemzug daran glaubt, dass Gewalt nicht das letzte Wort hat. Eine Geschichte der zweiten Chance für Menschen, die das doch nicht wirklich verdient haben. Das klingt erst mal naiv. Und das provoziert. Aber vielleicht liegt darin auch eine Chance. Ich will Barmherzigkeit üben. Also mein Herz sprechen lassen. Ich mache nicht mit, wenn andere vorgeführt werden. Ich teile nicht jeden Spott. Ich übe mich in leiser Rede, wo alle schreien. Ich denke nach, bevor ich meine Wut in die Tastatur tippe. Die letzten Tage der Fastenzeit könnte also bedeuten: weniger Häme, mehr Geduld. Weniger Rechthaben, mehr Zuhören. Damit werde ich keinen Krieg auf der Welt befrieden. Aber vielleicht den Ton in meiner Straße. In meiner Familie. In mir. Und das ist nicht wenig. Nicht nur an diesem Montagmorgen.
