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Kirche in WDR 2 | 26.03.2026 | 05:55 Uhr
Tacheles Reden
Ich bin mal wieder an einer Formulierung hängen geblieben. Das passiert mir öfter hier in meinen Beiträgen. Ich liebe einfach treffliche Formulierungen. Diesmal ist es die Redewendung „Tacheles reden“. In Zeiten von wortschwallenden US-Präsidenten und vorlauten Rechtsparteien wird ja unglaublich viel geredet und behauptet. Meistens ohne Faktencheck. Nimmt man die sogenannten sozialen Medien noch dazu, dann ist wirklich nicht mehr klar, was stimmt und was schlichtweg quatsch ist oder richtig bösartig und gelogen. Shitstormartig plustern sich da Informationen auf, ohne in irgendeiner Form überprüfbar zu sein. Dass ich also ausgerechnet an der Formulierung „Tacheles“ hängen geblieben bin ist also in diesen Zeiten kein Zufall.
Denn: Was bedeutet das genau? Tacheles kommt vom Jiddischen Wort takhles, was so viel bedeutet wie Ziel, Zweck oder Ergebnis. Wer „Tacheles redet“, spricht Klartext und kommt ohne Umschweife zur Sache. Einer der Tacheles gesprochen hat, der ist am Sonntag vor 80 Jahren gestorben. Ich spreche von Kardinal von Galen. Der Bischof von Münster in Deutschlands brauner Zeit hat mal gesagt: „Der liebe Gott hat mir diese Stellung gegen, die es mir zur Pflicht machte, das Schwarze schwarz und das Weiße weiß zu nennen." Ja, und das hat er dann auch so gemacht. Hat die massenhafte Tötung der Nazis von vermeintlich „unwertem Leben“ angeprangert. In seinen Predigten hat von Galen Tacheles gesprochen. Den „Löwen von Münster“ haben sie genannt. Wer in meiner Kirche brüllt jetzt, wo Unrecht sich Bahn bricht, wie schon länger nicht mehr? Wer spricht Tacheles? Gerade in der Zeit von Stammtischparolen und Falschbehauptungen ist es gerade an uns als Christinnen und Christen genau jetzt Tacheles zu reden und klare Kante zu zeigen. Genau genommen ist Jesus selbst genau deshalb hingerichtet worden, weil er an verschiedenen Orten und bei vielen Gelegenheiten immer wieder Tacheles geredet hat.
Also, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer: ab jetzt heißt es beim sonntäglichen Verwandschaftskaffee auch in der eigenen Familie und über den Freundeskreis hinaus: Tacheles reden. Vorbei ist die Zeit des Schweigens, Erduldens, die Zeit des dezenten Wegschauens und Duckens - jedenfalls für mich. Wenn mal wieder Falsches, Diskriminierendes oder Verletzendes über Mitmenschen geredet wird, dann bin auch ich gefragt. Dann werde ich ab jetzt Tacheles reden
Das können Sie mir aber glauben.
