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Kirche in WDR 3 | 18.04.2026 | 07:50 Uhr
Lebenskunst
Guten Morgen!
„Na, was macht die Kunst?“: So pflegte ein früherer Kollege regelmäßig zu fragen, wenn wir uns trafen. Das war seine Art, sich flapsig nach meinem Befinden zu erkundigen. „Wie geht´s, wie steht´s, was ist gerade los in deinem Leben, was macht die Kunst?“ Kunst kommt von Können. Künstlerinnen und Künstler müssen üben, jeden Tag, stundenlang. Je leichter eine Musik daherkommt, je überzeugender eine Rolle auf der Bühne gespielt wird, je unmittelbarer ein Gemälde berührt, desto intensiveres Üben steckt dahinter. Ich spiele seit einiger Zeit mit meinem Cello wieder regelmäßig im Orchester und hätte ohne Üben keine Chance. Ausgerechnet in der höchsten Kunst von allen – in der Kunst des Lebens – ist Üben seltsamerweise nicht angesagt. Wenn im eigenen Leben etwas nicht auf Anhieb klappt, ist das vielen Menschen peinlich. Wer mit dem Leben nicht mühelos klarkommt und Unterstützung braucht, schämt sich oft. Kein Wunder, die Urteile sind hart, am strengsten sind meine eigenen Urteile über mich selbst. Da ist erschreckend schnell von „Scheitern“ die Rede, wenn etwas nicht so gelingt, wie es geplant war. Die Leiterin einer kirchlichen Lebensberatungsstelle sagte mir einmal: „Es sind oft gar nicht die großen Einbrüche oder Katastrophen, die Menschen in Lebenskrisen stürzen. Viele leiden daran, dass ihr Leben so mittelmäßig verläuft.“ Sie warten auf glanzvolle Höhepunkte und große Glücksgefühle, stattdessen plätschert alles eher durchschnittlich dahin. Anderen – so meinen sie - scheint die Lebenskunst viel eindrucksvoller zu gelingen. Hätte ich mich anders entschieden, wäre ich mutiger gewesen, hätte ich damals die Chance ergriffen – wer weiß, vielleicht wäre dann ein großer Wurf daraus geworden! Sich mit anderen zu vergleichen, macht niemanden froh. Und den eigenen Weg an anderen zu messen, führt immer in die Irre. Denn die Würde, mit der Gott uns Menschen ausnahmslos ausgestattet hat, besteht ja gerade darin, dass wir einzigartig sind. Jedes Leben ist einmalig, keins gleicht dem anderen. Es gibt kein gültiges Muster für alle. Das macht mein Leben kostbar – und das macht mein Leben zum Wagnis. Kein anderer Mensch empfindet ganz genauso wie ich; keiner hat genau dieselben Möglichkeiten; keiner geht genau denselben Weg. Dieser Gedanke ist großartig, zugleich kann er beängstigend sein. Die Würde ist dann und wann auch eine Bürde. Was ich aber niemals vergessen will, ist dies: Niemandem steht ein Urteil über mein Leben zu außer dem, der es mir geschenkt hat: Gott allein. Und der ist ein barmherziger Gott.
(Ende WDR 4, Verabschiedung für WDR 3 und 5 : )
Einen gesegneten Sonntag und einen barmherzigen Blick auf den eigenen Lebensweg wünscht Ihnen Annette Kurschus, Pfarrerin in Bielefeld.
Redaktion: Landespfarrerin Petra Schulze
