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Kirche in WDR 4 | 29.05.2026 | 08:55 Uhr
Glaube mit Pep
Guten Morgen.
Bei jedem Essen ist es dasselbe: Meine Tante greift zum Salzstreuer. Schon nach den ersten Bissen lässt sie einen wissen: „Da fehlt noch was.“ Da kann das Kartoffelpüree noch so sorgfältig zubereitet sein.
Diese missbilligende Geste habe ich auch nach ihrem Tod nicht vergessen. Eigentlich mochte ich diese Tante mit ihren Marotten. Aber wenn sie nachgesalzt hat, schwang immer etwas Ärgerliches mit. Als ob der Kartoffelsalat oder die Königsberger Klopse herhalten müssten für etwas anderes: etwas, das grundsätzlich fehlt, für eine tiefere Unzufriedenheit oder einen nicht gestillten Hunger.
Meine Tante war auf ihre Weise ein Enfant terrible, eine Rebellin. Sie war eben eine, die „nachsalzt“. Die auch sonst ausspricht und sichtbar macht, was fehlt. Dabei war sie Diakonisse, eine Art evangelische Nonne. Eine fromme Frau. Aber sie suchte immer mehr, als das enge Korsett der Schwesternschaft ihr geben konnte. Ihr fehlte etwas in den traditionellen Glaubensformen. Die waren für sie zu fade. Sie suchte in der christlichen Gemeinschaft den Geschmack der Hoffnung, die Kraft der Veränderung, das Salz, den Pep des Christseins. Dieser Hunger wurde, glaube ich, Zeit ihres Lebens nicht wirklich gestillt.
Genau darin ist sie für mich aber ein Vorbild im Glauben: Glaube ist nämlich eine bleibende Sehnsucht nach dem Geschmack des Lebens. Es ist gut, sich nicht einfach zufrieden zu geben. Sondern nach dem Unterschied zu fragen: nach dem Salz und Pep des Glaubens.
Und so hat meine Tante als Diakonisse und Gemeindeschwester ihre Hausbesuche nicht einfach fade abgearbeitet. Augenblicklich hat sie die Stimmung aufgehellt, wenn sie hereingeschneit ist. Und wenn ein Mensch im Sterben lag, hat sie sich Zeit genommen und war da. Ich glaube, dabei war sie glücklich und ganz bei ihrer Sache. In solchen Momenten hat sie anderen das gegeben, wonach sie selbst gesucht hat: den wohltuenden Geschmack des Glaubens, einen Geschmack, der den Unterschied macht.
Als ich sie das letzte Mal vor ihrem Tod besucht
habe, habe ich ihr ein Schälchen Kartoffelsalat mitgebracht. Den mochte sie
immer. Sie ahnen es schon… Leider war in dem Pflegezimmer kein Salzstreuer zur
Hand. Aber ich bin mir sicher, dass sie da, wo sie jetzt ist, auf den vollen
Geschmack des Glaubens kommt. Und ich: Ich will mich weiter sehnen, nach dem
Pep des Glaubens. Dazu gehört auch, mal zu sagen: „Da fehlt das Salz!“ Damit
sich was ändert. Denn darauf kommt es an: Dass möglichst viele Menschen schmecken
und spüren:
Gott stillt meinen Hunger
nach Leben.
(Ende WDR 4, Verabschiedung für WDR 3 und 5: )
Es grüßt Sie aus Bielefeld herzlich, Adelheid Ruck-Schröder, Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen.
Redaktion: Landespfarrerin Petra Schulze
