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Kirche in WDR 4 | 22.07.2026 | 08:55 Uhr

Mutterboden

Guten Morgen.

Mein erstes eigenes Gartengrundstück ist knapp ein Quadratmeter groß. Ich hab` meinem Vater so lange in den Ohren gelegen, bis er mir schließlich einen kleinen Teil von unserem großen Garten abgetreten hat. Es ist kein Sahnestück. Eher am Rand gelegen, mehr Schatten als Sonne, trockener harter Boden. „Hier kannst du es ja mal versuchen“, sagt er. Ich will Gemüse anbauen, so wie es meine Oma gemacht hat in ihrem Garten. Ein Gemüsebeet fehlt bei uns. Ich lockere den Boden. Lege die Samen in die Erde. Und sehe vor meinem inneren Auge bereits die größten Möhren, dicken Kohlrabi und frischen Salat auf meinem neuen eigenen Beet wachsen.

Jeden Morgen schaue ich nach, gieße eifrig und freue mich riesig, als erstes zartes Grün auf der nackten Erde zu erkennen ist. Die Enttäuschung ist dann auch einigermaßen groß, als ich feststellen muss: Anstelle von eigenem Gemüse haben jede Menge Beikräuter die Oberhand übernommen. Vogelmiere wuchert in alle Richtungen. Hier und da ein Löwenzahn und Disteln, die sich herrschaftlich über alles erheben. Mein Gemüse lässt sich nicht blicken. Wohl auch aus schlechtem Gewissen bietet mein Vater mir eilig einen anderen Flecken mit – wie er sagt – besserer Erde in unserem Garten an. Meine gärtnerische Leidenschaft braucht aber erstmal eine Auszeit.

Dass wir aus Fehlern lernen, sagt sich manchmal so schnell und überheblich daher. In diesem Fall ist das so. Gärtnern ist nach wie vor eine große Lust und Leidenschaft von mir. Und um eigenes Gemüse zu ernten, braucht es einen gesunden Boden. Das habe ich gelernt. Ob auf dem Balkon, wo ich in Kübeln Tomaten gezogen habe. Ob in Tontöpfen, in Hochbeeten, im eigenen Garten oder auf hektargroßen Äckern, wir leben von den oberen 20 Zentimetern unserer Erde. Die Humusschicht. Oder Mutterboden, wie meine Oma gesagt hätte. Fruchtbare Erde, auf der etwas wachsen kann. Eine Mischung aus Kleinstlebewesen, Mineralien, Luft und Wasser. 100 bis 300 Jahre braucht es, damit ein Zentimeter Mutterboden entsteht. Nimmt man eine Handvoll Erde, hat man schnell tausende Jahre Erdgeschichte zwischen den Fingern und Milliarden von Kleinstlebewesen. Gesunde Böden zählen zu den artenreichsten Lebensräumen unserer Erde.

Vielleicht ist es das, was ich am meisten gelernt habe beim Gärtnern: Dass nicht ich derjenige bin, der alles macht. Ich kann säen, gießen, pflegen. Aber wachsen – das passiert woanders. Tiefer. Im Verborgenen fängt es an. Pflanzenwurzeln und Mutterboden arbeiten zusammen. Sonne und Regen tun ihr Übriges, damit am Ende etwas entsteht, das schmeckt, das satt macht, das nach Sommer riecht.

Ich staune darüber. Wie vor mir so viele Generationen. Sogar in der Bibel lese ich davon. Dort heißt es: Gott wirkt in all dem. Ich glaube, der Schutz der Erde beginnt mit diesem Staunen. Über den Boden unter unseren Füßen. Und darüber, dass uns dieses Wunder des Lebens jeden Tag neu geschenkt wird.


(Ende WDR 4, Verabschiedung für WDR 3 und 5: )

Ein vergnügliches Staunen über die Wunder der Erde wünscht Ihnen Pfarrer Thomas Warnke aus Detmold.



Redaktion: Landespfarrerin Petra Schulze


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