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Kirche in WDR 5 | 22.09.2026 | 06:55 Uhr

"Weite Sicht"

Guten Morgen! Als Pfarrer am Rande der Eifel, mit 11 Kirchorten zwischen Kornelimünster und Roetgen, bin ich viel mit dem Auto unterwegs. Und oft drängt die Zeit. Wie neulich, auf einer Landstraße. 100 Stundenkilometer sind erlaubt, aber vor mir fährt ein Wagen, der ist deutlich langsamer unterwegs. Fuß vom Gas, Abstand halten. Die Uhr tickt. Nach ein paar Minuten werde ich etwas ungeduldig: „Warum kann der nicht schneller fahren?“ Und dann macht die Straße eine leichte Kurve. Zum ersten Mal sehe ich weiter nach vorne und mir wird klar: Vor dem Auto, über das ich mich gerade ärgere, fährt noch ein anderes. Der Fahrer vor mir kann gar nicht schneller fahren, nur hatte ich das überhaupt nicht sehen können.
In diesem Moment ist mein Ärger fast genauso schnell verschwunden, wie er gekommen war – zumindest über den Fahrer direkt vor mir. Die Situation hatte sich dadurch nicht verändert, sie blieb die ganze Zeit dieselbe. Aber mein Blick und meine Perspektive, die hatten sich verändert, denn ich konnte weiter sehen als vorher.
Ich fahre weiter und muss über mich selbst schmunzeln. Eben noch war ich sicher gewesen, genau zu wissen, warum der andere so fuhr. Aber: Ich hatte eben nur das gesehen, was unmittelbar vor mir lag. Und trotzdem hatte ich mir längst ein Urteil gebildet.
Dieser Moment begleitet mich seitdem irgendwie, weil ich mich darin wiedererkenne.
Wie oft meine ich zu wissen, warum ein Mensch etwas sagt oder tut. Ich sehe einen kleinen Ausschnitt und ergänze den Rest mit meinen eigenen Gedanken. Und erst später merke ich manchmal, dass ich vieles gar nicht wusste.
Dazu passt die Geschichte aus der Bibel, die hier, in Kornelimünster, im Kloster der Benediktiner, in einem wunderbaren Gemälde dargestellt ist: Der Gang nach Emmaus. Zwei Jünger gehen am Ostertag irgendwohin – Hauptsache weg von Jerusalem. Traurig sind sie, enttäuscht. Für sie ist alles vorbei, denn Jesus, auf den sie ihre Hoffnung gesetzt hatten, war gestorben. Damit scheint für sie die Geschichte zu Ende zu sein. Aber unterwegs kommt ein Fremder zu ihnen. Obwohl es Jesus, ihr Freund ist, erkennen sie ihn erst nicht.
Er geht den Weg mit ihnen, hört ihnen zu und lässt sie erzählen, was sie bewegt.

Ich finde das bemerkenswert, denn Jesus hätte doch gleich sagen können: „Ich bin es.“ Doch stattdessen lässt er den beiden Zeit.
Und erst am Abend, als sie miteinander am Tisch sitzen und Jesus das Brot bricht, da gehen ihnen die Augen auf. Nicht weil sich Jesus verändert hätte, nein, ihr Blick hatte sich verändert.
Vielleicht berührt mich diese Geschichte deshalb so sehr, weil sie mich daran erinnert, dass ich die Wirklichkeit nie ganz überblicke. Ich sehe immer nur das, was gerade vor mir liegt. Was einen Menschen bewegt, was er erlebt hat oder warum er so handelt, wie er handelt, das weiß ich oft gar nicht.
Dieses Wissen macht mich vorsichtiger. Ich urteile nicht mehr so direkt, vermeide es, den Anderen in eine Schublade zu stecken. Vielleicht sehe ich noch nicht alles.

Seit der beschriebenen Autofahrt denke ich manchmal daran, wenn ich wieder hinter einem Wagen herfahre, der langsamer unterwegs ist, als ich es gern hätte. Manchmal wünsche ich mir dann, die Straße würde eine kleine Kurve machen, damit ich eben weiter sehe.
Diesen Wunsch nehme ich heute auch mit in meine Begegnungen. Vielleicht hilft es schon, wenn ich nicht sofort meine, die ganze Geschichte zu kennen, denn oft zeigt sich erst auf den zweiten Blick, dass meine Sicht nur ein kleiner Ausschnitt der Wirklichkeit ist.
Einen guten Tag wünscht Ihnen Pfarrer Andreas Möhlig aus Kornelimünster.



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