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Das Geistliche Wort | 06.04.2026 | 08:40 Uhr
Caravaggios Obstkorb
Ein Obstkörbchen ist kurz davor zu Boden zu fallen. Und das – man glaubt es kaum – seit über 400 Jahren. Wie das geht? Ganz einfach – oder auch genial: Das Körbchen gehört zu einem berühmten Gemälde des italienischen Künstlers Michelangelo Merisi da Caravaggio. Dargestellt ist auf den ersten Blick eine Wirtshausszene. Vier Männer scharen sich um einen Tisch: Einer steht, das ist wohl der Wirt und dann sitzen da drei weitere direkt um einen gedeckten Tisch, die Gäste. Der Mann in der Mitte am Tisch hat seinen rechten Arm vorgestreckt. Offenbar hat er gerade etwas getan, was die beiden anderen in Erstaunen versetzt: Der eine reißt nämlich die Arme auseinander. Und der andere stützt sich auf die Stuhllehnen, und ist dabei, aufzuspringen. Es sieht so aus, als ob die beiden gerade etwas erkannt haben, was sie aber eigentlich nicht erwartet haben oder auch nicht verstehen. Und jetzt kommt das Obstkörbchen ins Spiel:
Es steht auf der vorderen Kante des Tisches und ragt etwas über die Tischplatte nach vorne hinaus, so als würde es gleich zu Boden fallen. Man ahnt quasi schon, wie die Trauben gleich rollen, ein Apfel vielleicht noch kurz auf dem Tischrand aufschlägt und dann nachkippt. Hat der Mann in der Mitte das Körbchen womöglich angeschubst? Und ist es das, was die Männer so staunen lässt? Nichts passiert. Das Körbchen bleibt stehen, seit über vierhundert Jahren. Das Bild von Caravaggio heißt „Das Abendmahl in Emmaus“. Und damit ist klar: Was von ihm wie eine beiläufige Wirtshausszene dargestellt ist, ist in Wirklichkeit ein biblisches Abendessen. Und mich fasziniert dieses Obstkörbchen, denn es hält einen besonderen Moment fest: das fragile Gleichgewicht zwischen Bleiben und Fallen, zwischen Verstehen und Noch-nicht-Verstehen – einen unerwarteten Moment des Erkennens, in dem eine ganz neue Wirklichkeit aufbricht.
Mein Name ist Mathias Albracht. Ich bin Seelsorger in Münster. Guten Morgen!
Ich möchte Sie mitnehmen, heute am Ostermontag, an dem in den katholischen Gottesdiensten genau diese Geschichte von Emmaus vorgelesen wird, den Gedanken dieses Bildes etwas zu betrachten. Es wurde ursprünglich für den römischen Adeligen Ciriaco Mattei gemalt und hängt seit 1839 in der National Gallery in London.
Musik 1: Foscarini, Ciacona
Mich lässt Caravaggios Gemälde „Abendmahl in Emmaus“ nicht los. Vielleicht, weil es so überraschend alltäglich ist. Ein Wirtshaus. Ein Tisch. Ein Korb mit Obst. Keine Heiligenscheine, kein himmlisches Licht – und doch passiert hier etwas, das über das hinausweist, was man vordergründig sieht. Aber der Reihe nach. Das Abendmahl von Emmaus wird vom Evangelisten Lukas erzählt und fängt auf einem staubigen Weg an, gut elf Kilometer von Jerusalem entfernt. Zwei Menschen sind unterwegs, weg von Jerusalem, weg von der Enttäuschung, weg vom Ende ihrer Hoffnung. Ihr Freund und Meister Jesus von Nazaret ist tot. Sie gehen. Sie reden. Sechzig Stadien ist das Ziel ihrer Wanderung entfernt. Das sind etwa elf Kilometer. Lang genug, damit Schritte schwerfallen und Dinge ins Stocken geraten. Viel Zeit, um noch einmal über alles nachzudenken, was in den letzten Tagen geschehen ist und was sie erlebt haben: Die Gefangennahme Jesu, seine gewaltsame Hinrichtung und sein Tod. Sie reden über das, was passiert ist. Und vermutlich reden sie nicht zum ersten Mal darüber. Wer enttäuscht ist, erzählt dieselbe Geschichte manchmal mehrfach. Vielleicht in der Hoffnung, dass sie sich beim Erzählen irgendwann etwas tut. Echte Trauerarbeit, um zu verarbeiten, gar zu verstehen, was da passiert ist. Und dann tritt ein anderer Mann zunächst unbemerkt hinzu. Sie erkennen lange Zeit nicht, wer da neben ihnen hergeht. Für mich erstaunlich diese Beschreibung und vielleicht das Erste, was diese Geschichte überhaupt erzählen will: Dass Gott offenbar kein Problem damit hat, übersehen zu werden. Dass er sich unter Menschen mischt, die müde sind, fertig, traurig, enttäuscht, skeptisch, vielleicht auch ein bisschen trotzig – und einfach nur weitergehen.
Lukas erklärt seinen Lesern: Es ist Jesus. Die Jünger erkennen das aber nicht. Kein Auftritt. Keine Erklärung. Keine religiöse Erkennungsmelodie. Für die Jünger einfach ein Fremder, der sich dazugesellt und irgendwann fragt: „Worüber redet ihr da eigentlich?“ Die beiden bleiben stehen, traurig, wie Lukas es beschreibt. Und Kleopas, einer der beiden, antwortet angefasst und fast ein bisschen empört: „Bist du der Einzige, der nicht weiß, was hier passiert ist?“ Ich mag diese Stelle sehr. Weil sie so menschlich ist. Der unbekannte Dritte weiß offensichtlich nichts – und gerade deshalb hört er zu. Oder tut er einfach nur unwissend, um die anderen zum weiteren Reden zu bringen? Die Jünger erzählen ihm also alles, was passiert war. Von Jesus. Von ihrer Hoffnung. Vom Ende. Vom Scheitern. Und sicherlich auch spürbar von ihrer Verzweiflung und ihrem Schmerz.
Und dabei fällt dieser eine Satz, der mich bei der Geschichte elektrisiert: „Wir aber hatten gehofft, dass er der sei, der Israel erlösen werde.“ Mehr braucht es eigentlich nicht. Dieser Satz trägt das ganze Gewicht der traurigen Geschichte.
Musik 2: Saracini, Io Moro
Wir hatten gehofft. So klingt Enttäuschung. Nicht laut. Sondern erschöpft, erloschen. Auch spirituell. Lukas, so ahne ich, erzählt bewusst, dass die Jünger dabei stehen bleiben: Sie stecken in ihrer Trauer fest und kommen nur noch mühsam voran. Und der Fremde hört zu. Er nimmt sich Zeit und er nimmt die Verletztheit ernst. Und genau dort setzt er an. Er gibt keine fertigen Antworten, sondern motiviert die anderen zu sprechen. Er hilft dabei zu sagen, was gesagt werden kann, was gerade so über die Lippen kommen kann. Ich verstehe das so: Gott setzt sich den Bedingungen menschlicher Wirklichkeit aus. Er geht mit. Unerkannt. Und das offenbar über viele Kilometer. Was genau auf diesem Weg gesagt wurde, wissen wir nicht. Lukas formuliert schließlich eine Deutung:
“Begreift ihr denn nicht? Wie schwer fällt es euch, alles zu glauben, was die Propheten gesagt haben. Musste nicht der Messias all das erleiden, um so in seine Herrlichkeit zu gelangen? Und er legte ihnen dar, ausgehend von Mose und allen Propheten, was in der gesamten Schrift über ihn geschrieben steht.”
… Aber der Weg nach Emmaus ist länger als diese drei Verse. Ich stelle mir vor, dass da auch Schweigen war. Vielleicht Tränen. Vielleicht Ärger. Vielleicht auch ein gemeinsames Stehenbleiben, wenn Worte nicht mehr gefunden werden. Was auch immer es war, was da gesagt wurde. Offensichtlich verbindet die drei Wanderer etwas miteinander. Und so kommt es, dass die zwei den dritten einladen. Er soll bleiben, es sei ja schon spät. Er soll mit ihnen essen und es für heute gut sein lassen. Vielleicht ein kleiner Dank, weil er ihnen gut getan hat.
Musik 3: Carozza, Amantissime Jesu
Und genau an diesem Punkt bin ich jetzt bei Caravaggios Gemälde vom Emmausmahl, das oberflächlich aussieht wie eine Wirtshausszene. Ein Tisch, ein Wirt, drei Gäste. Alles ganz alltäglich. Und erst auf den zweiten Blick merkt man: Es ist nicht irgendein Wirtshaus. Es ist ein Haus in Emmaus, wohin die beiden ihn eingeladen haben. Und das Besondere: Es ist kein exklusives Geschehen zwischen den dreien. Es wird öffentlich, der vierte Mann, der unbekannte Wirt wird zum Zeugen. Und: vor dem Tisch im Gemälde ist noch ein Platz frei. Genau da könnte der Betrachter Platz nehmen, genau da könnte ich jetzt sitzen. Caravaggios Bild und Lukas Erzählung sind auf denselben Effekt hin komponiert: Wir sind hier mitgemeint. Wir sollen merken, dass wir nicht außerhalb dieser Geschichte stehen, sondern mitten darin Platz nehmen können. Und der Obstkorb? Der steht so nah am Rand, dass man unwillkürlich denkt: Wenn der jetzt fällt, dann kann ich ihn auffangen! Aber es geht um noch viel mehr. Es geht um das plötzliche Erkennen: Der dritte, der unerkannt dazu kam, dass ist der, über den man die ganze Zeit geredet hat. Der, an dem man sich abgearbeitet hat. Der, den man für verloren hielt – er war die ganze Zeit dabei. Er ist der totgeglaubte Jesus. Lukas erzählt davon so:
“Und als er mit ihnen bei Tisch war, nahm er das Brot, sprach den Lobpreis, brach das Brot und gab es ihnen. Da gingen ihnen die Augen auf und sie erkannten ihn; dann sahen sie ihn nicht mehr.”
Musik 4: Bertali, Sonata a 6 in E Minor
Caravaggio malt in seinem Bild vom Abendmahl in Emmaus genau diesen Moment des Erkennens. Es ist so, als würden die beiden Wandergenossen plötzlich aufgeschreckt werden. Der eine reißt die Arme auseinander, als müsse er Platz schaffen für das, was ihn gerade trifft. Der andere stemmt sich von seinem Stuhl hoch, als ob es ihn vom Hocker haut. Und Jesus sitzt dazwischen auffallend ruhig mit beinahe geschlossenen Augen. Fast beiläufig. Als hätte er nichts weiter getan, als einfach nur dabei zu sein. Hinter ihm der Wirt. Der hat seine Hände in den Gürtel gestemmt als stiller oder sogar kritischer Beobachter dieser Szene. Und vorne am Tisch eben dieses kleine Obstkörbchen: noch steht es, aber es könnte auch jeden Moment herunterfallen. Vielleicht ist geistliche Erkenntnis genau so ein Moment. Man rechnet nicht mit Ihm. Plötzliche Erkenntnis lässt sich nicht herbeizwingen. Und wenn sie kommt, dann meistens anders, als man gedacht hat.
Ich will es noch einmal etwas anders formulieren, etwas allgemeiner: Die vermeintliche Glaubens-Expertenschaft der Jünger, ihr menschlich gemachtes Gottesbild wird von Gottes überraschender Wirklichkeit durchbrochen. Sie haben alles miterlebt. Sie waren dabei. Und trotzdem haben sie ihn nicht sofort erkannt. Sie erkennen ihn zuletzt, als er sich zu erkennen gibt: Und das ist okay! Und ich finde es geradezu beruhigend: Wenn selbst diese Jünger so überrascht werden und Staunen lernen über diesen ganz anderen Gott – wie viel Raum bleibt dann für unsere eigenen Überraschungen, aber auch unsere Zweifel? Und selbst wenn Jesus – wie es Lukas beschreibt – nicht mehr gesehen wird, als die Jünger ihn erkannt hatten: Es bleibt doch eine Erfahrung zurück, ihn wieder-erkannt zu haben. Und da kommt nochmal der kleine Obstkorb ins Spiel:
Sein Inhalt hat nämlich eine versteckte symbolische Bedeutung: Seine Trauben verweisen auf das Abendmahl Jesu mit Brot und Wein, das christliche Ritual der Verwandlung und der Granatapfel ist ein Bild für die Auferstehung. Und wenn die anderen Äpfel faule Stellen haben, dann weist das hin auf den Zweifel und das Versagen, ja auf die Vergänglichkeit, das ganz „erdhaftige“ des Menschen. Diese Fruchtmischung aus göttlicher und menschlicher Symbolik ist gewollt. Alles steht hier auf der Kippe und will tiefsinniger verstanden und aufgenommen werden. Als ob die Früchte im Korb müden Wanderern Kraft und Proviant für ihren weiteren Weg mitgeben will.
Was bleibt, ist unerwarteter Trost – und eine Bewegung im Inneren, die für Lukas so entscheidend ist, dass er damit seine Erzählung schließt:
“Und sie sagten zueinander: Brannte uns nicht das Herz in der Brust, als er unterwegs mit uns redete und uns den Sinn der Schrift erschloss? Noch in derselben Stunde brachen sie auf und kehrten nach Jerusalem zurück und sie fanden die Elf und die anderen Jünger versammelt. Diese sagten: Der Herr ist wirklich auferstanden und ist dem Simon erschienen. Da erzählten auch sie, was sie unterwegs erlebt und wie sie ihn erkannt hatten, als er das Brot brach.”
Musik 5: Biber, Arie aus der Rosenkranzsonate
Für mich bleibt das Gottesbild, das die Emmausgeschichte zeichnet, faszinierend: ein Gott, der mitgeht. Still, dezent, manchmal kaum zu erkennen – und doch nah.
“Noch in derselben Stunde brachen sie auf", heißt es. Müdigkeit und Dunkelheit haben nicht mehr das Sagen. Die Kraft kehrt zurück, auf ganz unerwarteten Wegen und durch scheinbar zufällige Begegnungen. Vielleicht steht dieses Obstkörbchen deshalb so wackelig am Rand, weil es erzählt, dass Trost manchmal genau so kommt: unerwartet, unverhofft, fast ein bisschen ungeschickt, und doch genau im richtigen Moment. Wie seelischer Proviant, der einem plötzlich zufällt, und der ahnen lässt: Meine dunklen Wege waren nicht ohne Begleitung.
Musik 6: Landi, Homo fugit velut umbra
Ich wünsche Ihnen und den Menschen, die Ihnen nah und wichtig sind, ein schönes und gesegnetes Osterfest, wo auch immer Sie gerade unterwegs sind.
Herzlich grüßt Sie aus Münster Ihr Mathias Albracht
